Berlin

Das Leben danach

Ohne die Tränen meiner Mutter hätte ich wohl nie zu Amcha gefunden.« Peter Fischer geht es wie vielen, in deren Familien die Folgen der Schoa bis heute spürbar sind. Amcha, hebräisch für »Dein Volk«, war ein Codewort unter verfolgten Juden. Amcha, diesen Namen gab sich eine 1987 in Israel gegründete Organisation, die Schoaüberlebenden eine Möglichkeit bietet, ihre Traumata zu verarbeiten. Die Initiative ging von niederländischen Überlebenden und Psychologen aus.

Wiedergutmachung Scham, Angst, manchmal Schuldgefühle, nicht zuletzt eine Gesellschaft, die kein Ohr für das Leid der Opfer hatte. Die Gründe, weshalb es Jahrzehnte brauchte, bis eine Initiative wie Amcha entstand, sind vielfältig. Zumal sich bei vielen Überlebenden erst in hohem Alter lang verborgenes Leid Bahn bricht.
Peter Fischer ist im Londoner Exil seiner Eltern geboren und später in der DDR aufgewachsen. Seinem guten Draht zur Modrow‐Regierung ist es zu verdanken, dass noch in den letzten Atemzügen der untergehenden DDR nach israelischem Vorbild »Amcha« als Stiftung ins Leben gerufen wurde. Mit von der SED gestiftetem Kapital. Ein kleines, gleichwohl äu‐
ßerst spätes Stück Wiedergutmachung.
Anfangs sei es schwer gewesen, Amcha im vereinigten Deutschland bekannt zu machen. Zwar hatte sich kurz zuvor auch in Bonn ein Amcha‐Freundeskreis gebildet. Doch die Vorbehalte gegen alles, was aus der DDR kam, haben auch vor Amcha nicht haltgemacht. Erst 1995 wurde die Ge‐
meinnützigkeit der Stiftung anerkannt.
Es ist, sagt Fischer, eine mühselige Arbeit. Vor drei Jahren etwa hatte man eine Veranstaltungsreihe in neun Städten, quer durch die Republik organisiert. Am Ende habe sich die viele Arbeit kaum gelohnt. Die Bereitschaft, für Amcha zu spenden, schwindet. Anfangs warben noch Prominente mit ihrem Namen. Inzwischen hat Fischer tiefe Enttäuschungen erleben müssen. Gute Freunde, die jahrelang spendeten und plötzlich meinten, nun müsse doch endlich mal Schluss sein. Schluss? Ist schon zu viel gesagt, zu viel gespendet worden? Fischer beklagt, dass unter dem allgemeinen Jahrestagsfieber von 20 Jahren Mauerfall die Bildungsarbeit zum National‐
sozialismus leidet. So sei etwa die Zahl der Schulklassen in KZ‐Gedenkstätten in diesem Jahr dramatisch zurückgegangen.
zweite Generation Werden hier neue Prioritäten gesetzt? »Ganz ehrlich, ich kann die vielen, gut gemeinten politischen Reden nicht mehr hören!« Wen interessiere denn das konkrete Leid der Naziopfer? Die Zeit rennt. Viele Jahre bleiben nicht mehr, um bei der Generation der unmittelbar Betroffenen noch Hilfe leisten zu können. Dabei hat die Amcha‐Arbeit in den letzten Jahren immer mehr an Bedeutung gewonnen. Das Bedürfnis vieler Betroffener, Hilfe über Amcha in Anspruch zu nehmen, sei noch gut fünf Jahre in starkem Maße vorhanden. Vor allem bei jenen, die die Schoa als Kinder erlebten, brechen jetzt bald 70 Jahre nach dem Geschehen Er‐
innerungen auf. Aber auch später wird die Amcha‐Arbeit weitergehen müssen. Schon jetzt bitten die Kinder und sogar die Enkelkinder der Opfergeneration um Hilfe.
Derzeit werden in Israel etwa 11.000 von insgesamt etwa 200.000 Schoaüberlebenden von Amcha betreut. Wer in Deutschland Hilfe benötigt, kann sich an die Zentralwohlfahrtsstelle der Juden in Deutschland (ZWSt) wenden. Der Verein Amcha fungiert hier als Fundraising‐Organisation, dessen eingeworbene Gelder nach Israel überwiesen werden. Etwa 5 Prozent des Amcha‐Budgets kommen aus Deutschland, der weit größere Teil von der Jewish Claims Conference (JCC) und aus Holland. Gut die Hälfte des Budgets wird indes von den Betroffenen selbst getragen. Amcha hat auch in Israel lange Zeit wenig Aufmerksamkeit genossen.
Durch die Zuwanderung aus der ehemaligen Sowjetunion hat das Anliegen von Amcha einen neuen Schwerpunkt bekommen. So hat sich in Dresden eine Amcha‐Gruppe gebildet, die regelmäßig 40 bis 50 Menschen betreut. Jeweils am letzten Donnerstag des Monats kommen sie zusammen. Manchmal machen sie einen Ausflug oder hören einen Vortrag. »Einige haben hier zum ersten Mal offen über ihr Schick‐
sal sprechen können«, erzählt Elena Tanaeva, die sich als Sozialarbeiterin um die Gruppe kümmert. Es sind Berichte von Überlebenden der Ghettos und Zwangsarbeitslager, Geschichten, die von unendlichem Leid erzählen. In der Sowjetunion konnte man darüber nicht reden. Unterstützt und finanziert wird die Amcha‐Gruppe in Dresden von der ZWSt.
Ähnliche Gruppen haben sich mittlerweile auch in anderen Gemeinden etabliert. Damit bietet die ZWSt eine Hilfs‐
plattform wie Amcha in Israel, zu der es auch eine enge Kooperation gibt. Wenn auch die Zahl der Überlebenden in Deutschland im Vergleich zu Israel sehr gering ist, dass Bedarf vorhanden ist, zeigt das Dresdner Beispiel: Zu dem knapp 200 Personen zählenden Kreis der Überlebenden gehören drei »Alteingesessene«, die übrigen sind allesamt Zuwanderer.

kleine Schritte Im Vergleich zu der psychologischen und sozialen Hilfe, die in Israel geboten wird, sind es in Dresden noch eher kleine Schritte. Hier geht es vor allem um das Zusammenkommen der Überlebenden. Amcha bietet aber auch Hilfe bei der Integration, organisiert schon mal den Gang zum Arzt oder aufs Amt. Selbst der Umgang mit den Folgen der Tschernobylkatastrophe spielt, so die Leiterin Inessa Luckach, eine Rolle. Viele in der Gruppe stammen aus der Ukraine. Natürlich sei es wichtig, Fachleute wie Ärzte und Psychologen zu engagieren. Zunächst helfe es aber am meisten, wenn sich überhaupt jemand mit den Betroffenen in ihrer Sprache verständigen kann. Amcha ist wie ein Netz, das sie in der neuen Heimat auffängt, sozial und medizinisch hilft, Gemeinschaft entstehen lässt und dem Erzählen über das eigene Schicksal Raum gibt.

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