Gesundheitszustand

Das kränkt

von Katharina
Schmidt‐Hirschfelder

So hatte Maria Larsson sich das nicht vorgestellt. Als die schwedische Gesundheitsministerin im Frühjahr Lena Posner‐Körösi anrief, um sie für das neueste Regierungs‐ projekt zu gewinnen, gab die Vorsitzende des Zentralrats der Juden in Schweden der Ministerin freundlich, aber bestimmt, einen Korb. Das Projekt sieht vor, die „Gesundheitssituation unter den fünf nationalen Minoritäten“ zu erfassen – insgesamt etwa 500.000 Personen. Neben Finnen, Sami, Tornedalfinnen und Roma sollen demnach auch Schwedens 20.000 Juden auf ihren „kollektiven Gesundheitszustand“ hin untersucht werden. Dass Schweden damit auf wiederholte Kritik der Vereinten Nationen reagiert, über seine nationalen Minderheiten unzureichend informiert zu sein, ist für Lena Posner‐Körösi kein Argument. „Das ist doch lächerlich“, wehrt die Zentralratsvorsitzende ab. „Wir haben eine bestens funktionierende Sozialstruktur, wir haben mehr Ärzte als Kranke – so eine Untersuchung kommt für uns als Gruppe überhaupt nicht in Frage.“
In der Begründung des Gesundheitsministeriums heißt es, Finnen seien „bei physischen, vor allem aber psychischen Krankheiten“ überrepräsentiert, die Selbstmord‐ rate unter jungen Sami sei „auffällig“, Roma stünden auf der „Schattenseite der Ge‐ sellschaft“, was zur „Verschlechterung ihrer Gesundheit“ beitrage, während unter Juden der Antisemitismus zu „Verunsicherung“ führe und damit ebenfalls das physische und psychische Wohlbefinden beeinträchtige. In der Tat scheint eine Statistik der schwedischen Sicherheitspolizei Säpo diese Annahme zu stützen. Demnach sind antisemitische Übergriffe in Schweden in den letzten Jahren um mehr als die Hälfte gestiegen.
„Natürlich wirkt sich das auf die Gesundheit aus, wenn ich täglich um meine Sicherheit fürchte“, meint Dan Hasson, Stressforscher an der Universität Uppsala, während er den Buggy mit seinem dreijährigen Sohn durch die Sicherheitsschleuse des Hillel‐Kindergartens schiebt. „Die Frage ist: Wie bedroht bin ich?“ Es komme auf die Perspektive an, meint Stressforscher Hasson. „Wenn ich täglich Angst habe, dass jemand mir oder meiner Familie Gewalt antut, dann kann mich das sehr wohl beeinträchtigen. Körperlich und seelisch.“ Wer sich hingegen weniger den Kopf zerbreche, lebt nach Hassons Überzeugung gesünder. Er hält, anders als Posner‐Körösi, den Ansatz der Regierung prinzipiell für „gut“. Allerdings bezweifelt Hasson, dass aus der Studie irgendwelche Schlüsse für die „kollektive Gesundheitssituation“ der jüdischen Minderheit gezogen werden können. „Uns als Gruppe mit den anderen vier Minderheiten zu vergleichen, halte ich für problematisch.“
Im Prinzip meinen es die schwedischen Behörden durchaus gut mit den nationalen Minderheiten des Landes. Doch grenzen die Folgen des wohlmeinenden Grundgedankens mitunter ans Absurde, wie in diesem Falle der wenig ausgereifte Regierungsauftrag ans Institut für Volksgesundheit.
Ulrik Lindgren, politischer Berater der Gesundheitsministerin, bedauert, auch drei Monate nach der Initiative noch keinen Schritt weitergekommen zu sein. „Eigentlich sollen die Arbeitsgruppen mit den jeweiligen Minderheitenvertretungen entscheiden, wie wir konkret weiter vorgehen. Aber so weit sind wir noch nicht“, meint er nach einigem Zögern. Das tut dem physischen und psychischen Wohlbefinden der jüdischen Minderheit in Schweden allerdings keinen Abbruch. Das hat Lena Posner‐Körösi der Ministerin deutlich zu verstehen gegeben.

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