Judenspanisch

Das Jiddisch des Westens

von Uwe Scheele

Als die Juden aufgrund des Vertreibungsedikts der Katholischen Könige Isabella von Kastilien und Ferdinand von Aragon im Juli 1492 Spanien verlassen mussten, konnten sie kaum mehr als ihre Kultur und ihre Sprache mitnehmen. Nach neuen Schätzungen waren es bis zu 300.000 spanische Sefarden, die in Nordafrika, Ägypten und im Osmanischen Reich Zuflucht fanden. Das Judenspanisch oder Ladino wurde über Jahrhunderte in den sefardischen Gemeinden gesprochen und hat noch heute bis zu 150.000 Sprecher, hauptsächlich auf dem Balkan und in Israel.
Doch die Sprache ist vom Aussterben bedroht. Ein internationaler Kongress des Instituts für die Geschichte der deutschen Juden in Hamburg beschäftigt sich vom 7. bis 9. September mit der aktuellen Situation und dem Wortschatz des Judenspanisch in seinen unterschiedlichen Verbreitungsgebieten.
»Die Sprecher des Judenspanisch sind heute alle keine Muttersprachler mehr. Judenspanisch wird als Dritt‐ oder Viertsprache hauptsächlich im familiären Bereich verwendet. Der Wortschatz ist begrenzt, und es gibt Interferenzen mit der Erstsprache«, erklärt Michael Studemund‐Halévy, der Vorsitzende des Kongresses. Hamburg als Hochburg der sefardischen Welt in Deutschland stand schon vor drei Jahren im Mittelpunkt eines Kongresses des Instituts. Die deutschen Sefardim kamen als getaufte Juden Ende des 16. Jahrhunderts aus Portugal, sie sprachen kein Judenspanisch. Erst Mitte des 19. Jahrhunderts entstanden mit der Einwanderung aus dem Osmanischen Reich kleine judenspanische Gemeinden in Hamburg und Berlin. Heute wird Ladino in Deutschland kaum noch gesprochen.
Anders dagegen auf dem Balkan. »In Bulgarien wird derzeit das beste Judenspanisch gesprochen. Es ist das interessanteste Land auf dem Balkan mit einem sehr großen, noch zu entdeckenden sefardischen Schatz«, weiß Studemund‐Halévy, der an den Universitäten Hamburg, Potsdam und München Ladino unterrichtet und seit Jahren mit seinen Studenten Reisen in die sefardische Vergangenheit unternimmt. »Im Osmanischen Reich hatten die Juden zwar kaum Rechte vor Gericht, aber wie jede Minderheit konnten sie ihre Bräuche und ihre Sprache bewahren, wenn sie nur die Steuern bezahlten«, berichtet Studemund‐Halévy.
So kommt es, dass die größte judenspanische Gemeinde außerhalb von Israel heute in Istanbul anzutreffen ist, wo rund 22.000 Sefarden wohnen. Es gibt sogar eine Zeitschrift auf Ladino, El Amaneser, die einmal im Monat als Beilage in der türkischsprachigen Zeitung Shalom erscheint. Das spanische Cervantes‐Institut in Istanbul gibt seit drei Jahren Ladinokurse und Spanischkurse für Sefarden und unterstützt kulturelle Aktivitäten der Sefardim. Nach Auskunft des langjährigen Direktors des Cervantes‐Instituts in Istanbul, Pablo Martín Asuero, versteht sich das spanische Kulturinstitut als Repräsentant all derjenigen, »die sich in unserer Sprache verständigen. Dazu gehören auch die Sefardim, die eine Variante des Spanischen sprechen«.
Auch das Cervantes‐Institut in Tel Aviv unterrichtet Judenspanisch, im griechischen Thessaloniki, über Jahrhunderte Hauptstadt der Sefarden auf dem Balkan, soll nach Auskunft des Cervantes‐Instituts Athen ebenfalls ein Ladino‐Sprachkurs angeboten werden. Nach der Schoa, die nur 2.000 von 56.000 Sefarden überlebten, wird hier heute allerdings kaum noch Judenspanisch gesprochen.
Doch die Sprache, die über viele Generationen zusammen mit dem Schlüssel für das zurückgelassene Haus und der Sehnsucht nach der spanischen Heimat (»Sefarad«) weitergegeben wurde, hatten nicht erst die Nazis in ihrer Existenz bedroht. »Zu Beginn des 20. Jahrhunderts vollzieht sich ein Mentalitätswandel unter den Sefardim auf dem Balkan, der das Judenspanisch immer mehr zurückdrängt«, erklärt Paloma Díaz‐Más, langjährige Professorin für Judenspanisch im baskischen Vitoria und im spanischen Wissenschaftsrat (CSIC) zuständig für die Erforschung des Ladino. In Hamburg wird sie als Referentin zu hören sein. »Mit dem Zerfall des Osmanischen Reichs und dem Erstarken der Nationalismen wuchs auch der Druck auf die Juden, die Landessprache zu erlernen, die gleichen Schulen zu besuchen.« Die hebräischen Schriftzeichen, die das Judenspanisch bisher verwendet hatte, wurden durch lateinische Buchstaben ersetzt.
Doch alle Modernisierungen konnten den Rückgang der Sprache nicht aufhalten. In Spanien wird Ladino seit 500 Jahren nicht mehr gesprochen, denn wegen seiner starken Verwandtschaft zum Spanischen, an der auch Einflüsse aus dem Hebräischen, Italienischen und verschiedenen Balkansprachen nichts ändern, wird das Judenspanisch von der Landessprache schnell assimiliert. Das hat sich bei der Einwanderungswelle marokkanischer Juden in den 50er‐ und 60er‐Jahren gezeigt, deren Ladino‐Variante Haketia oft schon in Marokko vom Spanischen verdrängt worden war. Und selbst in Israel, wo die Autoridad Nasionala del Ladino ihren Sitz hat, wird die Sprache der Sefarden vom Spanisch der argentinischen Einwanderer zurückgedrängt.
»Die Bewahrung des Judenspanisch ist grundsätzlich nur in einer nicht spanischsprachigen Umgebung möglich«, erklärt Díaz‐Más. »Besonders unter jungen Sefarden gibt es in letzter Zeit eine Rückbesinnung auf ihre Sprache.« Auch Studemund‐Halévy sieht eine Art Wiedererstarken des Ladino: »Die Sprache war ja zur Folklore geworden, aber man kann nicht nur über Essen und Trinken und in Sprichwörtern kommunizieren. Heute gibt es wieder Übersetzungen ins Judenspanisch, und einer der bedeutendsten argentinischen Schriftsteller, Juan Gelman, schreibt Gedichte auf Ladino.« Studemund‐Halévy arbeitet derweil an dem Forschungsprojekt »Sefarad an der Donau«, das den sefardischen Buchdruck auf dem Balkan und in Wien in den vergangenen zwei Jahrhunderten dokumentiert.

Informationen zum Ladino‐Kongress in Hamburg unter www.igdj-hh.de.

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