claims conference

»Das ist das letzte Kapitel«

Die Großeltern von Gregory Schneider stammen aus Ungarn. Zum Glück waren sie aber schon nach Amerika ausgewandert und entkamen so dem Völkermord. Aber Verwandte der Großeltern wurden ermordet. Nur ein paar Cousins und Cousinen überlebten Auschwitz. Nach dem Krieg wanderten auch sie in die Vereinigten Staaten aus. Schneider sah als Kind zum ersten Mal die blauen Nummern, die man ihnen im Lager auf die Unterarme tätowiert hatte. »Sie haben mir immer alles erzählt«, sagt er heute. »Sie haben von der Zeit vor dem Krieg erzählt und davon, wie es im Lager war.«
Vielleicht ist das der Grund, warum Gregory Schneider schon früh bei einer jüdischen Wohlfahrtsorganisation arbeiten wollte, am liebsten für eine Organisation, die sich für die Interessen der Holocaust-Überlebenden einsetzt. Eigentlich logisch, dass er dabei zur Claims Conference stieß, jener Organisation, die 1951 gegründet wurde, um mit der deutschen Regierung über Entschädigungen – in Deutschland bevorzugt man dafür das beschönigende Wort »Wiedergutmachung« – für jüdische Naziopfer zu verhandeln.

vertrauensjob 42 Jahre ist Gregory Schneider jetzt alt und lebt mit seiner Frau sowie zwei Töchtern im idyllischen Riverdale in der Südbronx. 14 Jahre seines Lebens hat er schon im Dienst der Claims Conference verbracht, und jetzt gerade ist er zu ihrem zweitmächtigsten Mann aufgestiegen: zum »Executive Vice President«. Julius Berman, der Vorsitzende der Organisation, hat Schneider das volle Vertrauen des Vorstandes ausgesprochen. Der bedankte sich für die große Ehre, dass er nun in dieser herausragenden Position helfen kann, »die Mission der Claims Conference zu erfüllen, für die es in der jüdischen Geschichte keine Parallele gibt«.
Gut, das sind die üblichen schönen Worte. Doch jenseits dieser Worte gibt es gravierende Probleme, wie Schneider jedem, der ihn fragt, mit einer eindrucksvollen Zahl klarmacht: »26.000 Überlebende des Holocaust sind heute tagtäglich auf Suppenküchen angewiesen.« Es gibt jüdische Senioren, die in der Hölle waren – und heute sind sie gezwungen, die Wahl zu treffen, ob sie lieber Lebensmittel kaufen, ihre Wohnung heizen oder die Miete bezahlen sollen. Das Problem stellt sich vor allem in den Ländern der ehemaligen Sowjetunion: der Ukraine, Russland und Weißrussland. Etwa 100.000 Überlebende dort, erklärt Gregory Schneider, erhalten überhaupt kein Geld aus dem Fonds für soziale Härtefälle der Claims Conference. Warum? Sie gelten als nicht anspruchsberechtigt, weil sie nach dem Krieg geblieben sind, statt nach Israel oder Amerika auszuwandern. Mit anderen Worten: Zwei Juden, die 1942 gemeinsam vor den »Einsatzgruppen« der Nazis geflüchtet sind, werden heute unterschiedlich behandelt, wenn der eine im weißrussischen Minsk und der andere im israelischen Rechowot lebt. »Das muss sich ändern«, sagt Schneider. Seine Stimme bleibt sachlich, aber man merkt ihm an: Er nimmt seine Aufgabe sehr persönlich.
Das Problem der Verarmung von Überlebenden, erklärt er, existiert leider nicht nur in den Ländern der früheren Sowjetunion. Auch in Brooklyn und B’nei Brak wissen Leute mit der blauen Nummer am Unterarm nicht, wovon sie in einem Jahr le-
ben werden. »Ich habe in Buenos Aires eine Frau besucht«, erzählt Gregory Schnei-
der, »die in ihrer Wohnung kein fließendes Wasser hatte.« Man solle große Worte meiden – aber diese Tatsache sei schockierend. Dabei geht es nicht nur um die materielle Seite der Angelegenheit, obwohl die Gregory Schneider auch wichtig ist: »Für die Überlebenden bedeutet unsere Hilfe den Unterschied zwischen einem warmen Essen und keinem Essen, zwischen einem Besuch beim Arzt und keinem Besuch beim Arzt.« Es gehe darüber hinaus aber vor allem darum, dass die Überlebenden einen Lebensabend in Würde genießen könnten – wenigstens das. Es gehe letzten Endes um Anerkennung.

geldbedarf Auf die Frage, wie sich die Zusammenarbeit der Claims Conference mit den deutschen Behörden gestaltet, ob sich der Ton im Lauf der Jahre geändert hat – und wenn ja, auf welche Weise –, antwortet Schneider nur ungenau. »Man muss anerkennen, dass die Deutschen viel gezahlt haben«, fasst er schließlich zusammen, »aber das Problem ist, dass wir noch mehr Geld brauchen.« 170 Millionen Dollar hat die Claims Conference im Jahr 2009 allein für die Bedürfnisse der Überlebenden ausgegeben. Der Finanzbedarf steigt allerdings schneller, als neues Geld in die Kassen fließt. Dabei muss man bedenken, dass der Genozid an den Juden Europas unter anderem ein Raubmord war (wenn der Raub auch gewiss nicht das eigentliche Tatmotiv war), gemäß dem biblischen »ra-zachta we-gam jaraschta«, »hast du totgeschlagen, dazu auch in Besitz genommen«? Die Haupteinnahmequelle der Claims Conference war in den letzten paar Jahren gestohlenes jüdisches Eigentum in der ehemaligen DDR. Dieses Eigentum wurde von ihr flüssig gemacht – doch nun trocknet die Ressource aus, und es gibt immer noch zehntausende Opfer, die um Hilfe rufen. Die Claims Conference muss sich also nach neuen Geldquellen umschauen. Dabei richtet sie ihr Augenmerk verschärft nach Osteuropa: Zusammen mit der »World Jewish Restitution Organization« will sie auch dort Eigentum finden, das Juden in der Nazizeit geraubt wurde.
»Dies ist das letzte Kapitel«, sagt Gregory Schneider. »Unsere Taten in den kommenden Jahren werden den Ausschlag geben, wie diese Geschichte endet.« Auf die Frage, was er als Druckmittel einsetzt, um bei Verhandlungen mit deutschen Behörden Ergebnisse zu erzielen, antwortet Schneider mit einem einzigen Wort: »Gerechtigkeit.«

Die Universität Pennsylvania will nicht auf die Forderung eingehen, Daten jüdischer Mitarbeitenden zu veröffentlichen.

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