Flüchtlinge

Das große Reden

von Ludger Heid

Im Juli 1938 wurde im Luxushotel »Royal« im französischen Kurort Evian-les-Bains am Ufer des Genfer Sees ein weiterer Akt im Drama des europäischen Judentums aufgeführt: Vertreter von 32 Staaten saßen am Verhandlungstisch, um ergebnislos über die nackte Existenz der europäischen Juden zu verhandeln. Die Einberufung der Flüchtlingskonferenz ging vom amerikanischen Präsidenten Franklin D. Roosevelt aus, der damit seine Hoffnung demonstrierte, eine Lösung für das jüdische Flüchtlingsproblem zu finden. Es sollte um die Frage gehen, wie die nach dem »Anschluss« Österreichs drängende Fluchtbewegung aus Deutschland und Österreich in eine geordnete Emigration gelenkt werden könnte.
Beteiligt waren auch einige internationale jüdische Organisationen sowie die Reichs- vertretung der Juden in Deutschland. Die Delegationen aus Berlin und Wien, von Heydrichs »Judenexperten« zusammengestellt, arbeiteten eng zusammen. Sie hatten für die Konferenz ein Memorandum mit Organisationsplänen für die Auswanderung aus dem »Großdeutschen Reich« vorbereitet, das den Nazibehörden zur Genehmigung hatte vorgelegt werden müssen. Dieses schloss mit den Worten: »In dem Augenblick, da ein Viertel der jüdischen Bevölkerung Deutschlands sich nicht mehr selber erhalten kann, da Tausende einer dauernden Arbeitslosigkeit entgegenblicken, da Zehntausende junger und arbeitswilliger Menschen ihre Stelle eingebüßt haben und mit ihrer Auswanderung die Möglichkeit zum Aufbau einer neuen Existenz suchen, erfüllt uns die Hoffnung, dass die Konferenz in Evian ihr hohes Ziel erreichen und die Gründung einer neuen Existenz für jene Menschen ermöglichen wird, denen die Geschichte die Auswanderung als ihre Sendung zubestimmt hat.« Diese Hoffnung wurde in Evian enttäuscht.
Der amerikanische Konferenzpräsident hatte die Verhandlungen am 6. Juli 1938 mit den Worten eingeleitet, die Zeit sei gekommen, dass die Regierungen handeln müssten, und zwar sofort. Die meisten dort vertretenen Regierungen handelten auch sofort – indem sie den jüdischen Flüchtlingen die Tür vor der Nase zuschlugen. Tatsächlich stand das Ergebnis von Évian fest, bevor die Konferenz begonnen hatte. Stand doch bereits in der Einladung die Versicherung, dass von keinem Land verlangt würde, eine größere Anzahl von Emigranten aufzunehmen, als unter den gültigen Gesetzen vorgesehen war. Der Delegierte Australiens verstieg sich sogar zu der Äußerung, dass man bisher kein »Rassenproblem« gehabt habe und sich auch keines importieren wolle. Der Vertreter Neuseelands behauptete, wie andere Staaten auch, dass wegen der wirtschaftlichen Probleme keine Flüchtlinge aufgenommen werden könnten. Einzig die Dominikanische Republik erklärte sich bereit, Flüchtlinge für die Arbeit in der Landwirtschaft aufzunehmen, wenn auch aus einem zweifelhaften Motiv. Der Diktator Rafael Trujillo verfolgte damit selbst ein rassistisches Ziel, weil die aufzunehmenden 100.000 Flüchtlinge dazu herhalten sollten, durch Einheiraten die Hautfarbe der dominikanischen Bevölkerung »aufzuhellen«. Die Juden sollten die 20.000 haitianischen Arbeitskräfte ersetzen, die er ein Jahr zuvor ihrer schwarzen Hautfarbe wegen hatte abschlachten lassen. Zuletzt waren es gerade einmal 500 Juden, die in dem Karibikstaat Aufnahme fanden. Keines der teilnehmenden Länder erklärte sich bereit, seine Einwanderungsbestimmungen zu ändern und zusätzliche Flüchtlinge aufzunehmen – was die Nazis als eine Art Freibrief für ihre Judenpolitik verstanden.
Einige Flüchtlinge wurden in Evian angehört. Es sei ein trauriger Vorgang gewesen, schrieb Schalom Adler-Rudel vom britischen Council for German Jewry. Jeder Sprecher habe drei bis vier Minuten Zeit gehabt, um seine Wünsche vorzutragen. Fragen an die Sprecher wurden nicht gestellt, bei den ersten wurde noch eine Übersetzung ins Englische oder Französische vorgenommen, für die später Kommenden entfiel sogar diese Höflichkeitsbezeugung. Ihr humanitärer Appell an die freie Welt verhallte unerwidert.
Wenns und Abers bestimmten die »Empfehlungen«, mit denen die Delegierten auseinandergingen. Ein Pressebeobachter bezeichnete die Ergebnisse als »dünn und unaufgeregt wie das Evianer Mineralwasser«. Die langatmige Schlussresolution vermied jeden Protest gegen die deutsche Reichsregierung. Man wollte das Regime, das das Problem geschaffen hatte, das zu lösen die Konferenz zusammengekommen war, nicht verprellen. Zehn lange Tage brauchte man, um auch die letzte Formulierung aus der Resolution zu streichen, die von der deutschen Regierung als Affront aufgefasst werden konnte. Die Hoffnung, Deutschland, das über die ganze Konferenz hinweg nicht namentlich erwähnt wurde – immer war nur vom »Herkunftsland« die Rede –, zur Mitarbeit an der Lösung des Problems zu beteiligen und den unfreiwilligen Emigranten zumindest zu erlauben, ihre Güter mit sich zu nehmen, scheiterte zwangsläufig an der nationalsozialistischen Logik. Noch während der Konferenz legte Staatssekretär Ernst von Weizsäcker in einem Rundschreiben an die deutschen Auslandsvertretungen den Standpunkt seines Dienstherrn dar: Der Reichsaußenminister lehnte die Zusammenarbeit mit anderen Staaten in der deutschen »Judenfrage« grundsätzlich ab und erklärte, es handele sich um ein innerdeutsches Problem. Die Juden sollten verschwinden, aber Geld durfte es nicht kosten – nicht einmal ihr eigenes, weil Deutschland es konfiszieren und den Juden, die das Land verließen, möglichst viel Besitz abpressen wollte.
»Die Konferenz war ein eklatanter Fehlschlag«, schrieb Hannah Arendt, »und wirkte sich für die deutschen Juden verhängnisvoll aus«. Mehr als ein Flüchtlingskomitee, das Möglichkeiten zur Auswanderung verfolgter Juden aus Deutschland »erkunden« sollte, war nicht herausgekommen.
Die Stimmung in den westlichen Ländern kam Hitler wie gerufen. Auf dem Parteitag vom 12. September 1938 sagte er: »Man beklagt in diesen Demokratien die unermessliche Grausamkeit, mit der sich Deutschland der jüdischen Elemente zu entledigen versucht.« Jetzt aber, fuhr er mit unverhohlenem Zynismus fort, »da endlich die Klagen übergroß werden und die Nation nicht mehr gewillt ist, sich noch länger von diesen Parasiten aussaugen zu lassen, jammert man darüber. Aber nicht, um nun endlich in diesen demokratischen Ländern die heuchlerische Frage durch eine hilfreiche Tat zu ersetzen, sondern im Gegenteil, um eiskalt zu versichern, dass dort selbstverständlich kein Platz sei! Hilfe also keine. Aber Moral!« Für die Nazis wurde in Evian »aller Welt vor Augen geführt, dass das Judenproblem keineswegs nur eine von Deutschland provozierte Streitfrage, sondern dass es ein Problem von aktuellster weltpolitischer Bedeutung war«. In Nazideutschland hatte sich der Eindruck verstärkt, dass niemand am Schicksal der Juden sonderlich interessiert war. »Juden billig abzugeben – wer will noch mal? Niemand!«, hatte der »Reichswart« am 14. Juli 1938 höhnisch verkündet.
Im Sinne der teilnehmenden Staaten war die Konferenz gleichwohl ein Erfolg. Man hatte der Öffentlichkeit gezeigt, dass man etwas für die deutschen Flüchtlinge tun wollte, ohne sich zu irgendetwas zu verpflichten. Nach gegenseitigem Schulterklopfen ging man auseinander. Die Konferenz schloss mit einem üppigen Schluss- bankett und einem schönen Feuerwerk. Als der letzte Konferenzteilnehmer am 14. Juli 1938 das Hotel Royal verlassen hatte, gehörte das Haus wieder den Kurgästen. Am Roulettetisch drehte sich die weiße Kugel wie eh und je. Nichts hatte sich geändert.

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