New York Times

Das Erbe

Es ist schon einige Jahre her, da besuchte die Chefredakteurin des Zürcher Tages‐Anzeigers Arthur Sulzberger Jr., den Verleger der New York Times (NYT). Die Journalistin beschwerte sich damals wegen der kritischen und ihrer Meinung nach partei‐ischen Berichterstattung der Times über die Schweiz und das Gold von Naziflüchtlingen. Im Laufe des Gesprächs erwähnte sie, dass sie jüdische Verwandte habe und auch einige Zeit ihres Lebens in Israel verbracht habe. Sulzberger verstand das offenbar als den Versuch, Herkunft und Glaube über journalistische Prinzipien zu stellen und erwiderte kühl: »Well, you know, I am not jewish.« Bei anderer Gelegenheit behauptete der Verleger der New York Times dann das genaue Gegenteil.
Arthur Sulzberger Jr. spielt mit seiner Herkunft, seinem Verhältnis zu Israel und zum Judentum. Seine persönliche Ge‐
schichte kommt ihm dabei entgegen. Denn falsch ist weder das eine noch das andere. Sein Vater ist Jude, seine Mutter Christin. Er selbst bezeichnete sich früher als Agnostiker. Sein Interesse am Judentum wurde erst geweckt, nachdem er als Jugendlicher sechs Wochen lang Israel bereist hatte. Sehr viel später sagte er: »Ich betrachte mich als jüdisch. Niemand sonst würde das, aber ich tue es.«
Die Sulzbergers sind nicht irgendeine Familie. Sie gibt die New York Times heraus. Und die gilt als beste und einflussreichste Zeitung der Welt. Vor einigen Monaten beispielsweise hat sie fünf Pulit‐ zer‐Preise erhalten. Fünf von 15 möglichen Preisen. Nur einmal, das war vor sieben Jahren, hatte eine Zeitung noch mehr Ehrungen bekommen. Natürlich war auch das die New York Times gewesen, die damals für ihre Berichterstattung über die Folgen des 11. September 2001 sieben Mal ausgezeichnet worden war.
Heute ist die NYT eine der auflagenstärksten Tageszeitungen in den USA und besitzt die am häufigsten genutzte Website mit weltweit monatlich 20 Millionen Nutzern. Das hat seinen Preis. Das Redaktionsbudget beträgt rund 200 Millionen Dollar im Jahr. Allein im Irak beschäftigt die Zeitung sieben Korrespondenten. Und immer wieder gilt das Blatt wegen der Herkunft der Herausgeberfamilie als jüdische Zeitung, die sich zu jüdischen Themen äußert und das Gedenken an den Holocaust wachhält. Trifft das zu? Die Antwort auf diese Frage ist gar nicht so einfach.

unabhängigkeit Arthurs Urgroßvater Adolph Ochs hatte die Times 1896 gekauft und zur führenden Zeitung New Yorks gemacht. Die Familie Ochsenhorn stammte aus Fürth bei Nürnberg, wo die Vorfahren mit Diamanten handelten. 1845 wanderte Adolphs Vater Julius nach Amerika aus. Er nannte sich fortan Ochs und heiratete die Tochter einer anderen Auswandererfamilie, ebenfalls aus Bayern. In einem ersten Editorial der NYT veröffentlichte Adolph Ochs sein Programm: Unabhängigkeit. »Without fear or favour« wollte er in seinem Blatt berichten. Ohne Angst vor den Mächtigen und ohne Freunden gefällig zu sein. Seine Zeitung sollte weder Politikern, Parteien noch Unternehmern, gesellschaflichen Gruppen und Predigern zu Diensten sein.
Wer das Verhältnis der Familie Sulzberger zu ihrer Herkunft und ihrem Judentum thematisiert, muss den Holocaust erwähnen. Denn die Folgen der Naziverbrechen bestimmen bis heute die programmatische Ausrichtung der Zeitung. Adolph Ochs und sein Schwiegersohn Arthur Hays Sulzberger (auch er Sohn deutscher Juden) hatten stets Angst vor Antisemitismus, wenn sie jüdischen Themen und Anliegen bei der Berichterstattung zu viel Gehör verschafften. Sie fürchteten, ihre Glaubwürdigkeit aufs Spiel zu setzen und dadurch Leser zu verlieren. Jüdische Belange kamen in der Zeitung zumeist nur zum Tragen, wenn es um Fragen von Religion und Religiosität ging. Das führte dazu, dass die New York Times zwar 1.200 Artikel über den Mord der Nazis an den Juden veröffentlichte, aber niemals auf der ersten Seite. Und: Die Opfer waren keine Juden, sondern wurden als »Minderheit« oder »Flüchtlinge« bezeichnet. 2001 kritisierte der damalige Chefredakteur Max Frankel, der aus Gera stammte und mit seinen Eltern aus Deutschland fliehen musste, im eigenen Blatt die zurückhaltende Berichterstattung der Times über die Schoa. Er stützte sich dabei auf Forschungen von Laurel Leff, einer ehemaligen Reporterin des Wall Street Journal, die heute in Boston als Professorin für Journalismus lehrt und 2005 ein Buch über den Holocaust und Amerikas wichtigste Zeitung veröffentlichte, mit dem Titel: Buried by The Times – Begraben von der New York Times. Enkel und Urenkel von Arthur Ochs beklagten nach Bekanntwerden der Forschungsergebnisse öffentlich das Scheitern und Versagen ihrer Zeitung in diesem Punkt.
Der Vater von Arthur Sulzberger Jr. ernannte in den 60er‐Jahren mit Abraham Michael A. M. Rosenthal erstmals einen Juden zum Chefredakteur. Dieser hatte zu Beginn seiner Karriere nicht einmal den Vornamen Abraham über seine Artikel setzen dürfen – aus Angst, Leser könnten darin eine Voreingenommenheit erkennen. Als der neue Chefredakteur Thomas L. Friedman, wie jener ebenso ein Jude, mit der Berichterstattung aus Israel betraute, gab es in der Folge immer wieder Beschwerden. 2002 riefen orthodox‐konservative jüdische Organisationen sogar zum Boykott der Times auf, weil das Blatt angeblich tendenziös über den Nahost‐Konflikt berichtete. Der Vorwurf, der eigentlich dahinter stand, war ein anderer: Die Times sei zu wenig jüdisch.
Heute steht die Zeitung vor allem wirtschaftlich unter Druck. Drei Tage nach Vergabe der Pulitzer‐Preise im April musste Sulzberger vor seine Aktionäre treten und ihnen mitteilen, dass auch er nicht vorhersagen könne, ob und wie die New York Times die Krise unbeschadet überstehen könne. Das Anzeigengeschäft war eingebrochen, die Einnahmen im ersten Quartal um 19 Prozent und der Werbeumsatz um 27 Prozent zurückgegangen. Insgesamt belief sich der Verlust auf 74,5 Millionen Dollar. Mit weiteren Einbrüchen sei zu rechnen. Sulzberger sprach von »brutalen Aus‐ wirkungen«. Der Verlag musste Mitarbeiter entlassen und redaktionelle Seiten einstellen, das Zeitungsformat verkleinern, das neue Gebäude teilweise verkaufen, den Einstieg des mexikanischen Milliardärs Carlos Slim akzeptieren, Lohnkürzungen ankündigen und den Verkaufspreis von 1,50 auf zwei US‐Dollar erhöhen. Am Sonntag kostet die Zeitung nun sogar sechs anstatt bisher fünf Dollar.

zusammenhalt Doch trotz der wirtschaftlich prekären Lage betont der Verleger immer wieder eines: Die Familie wolle ihre Zeitung und den gleichnamigen Verlag nicht verkaufen und nicht privatisieren. Nein, es gäbe keine Unstimmigkeit. Die Familie werde zusammenhalten. Früher klangen solche Sätze wie eine Gewissheit. Ein Versprechen, dem alle glaubten. Eine Selbstverständlichkeit. Jetzt hört es sich so an, als wolle da einer den anderen Hoffnung machen.
In der Zeit, als die Sulzbergers ihren festen Anteil am Firmengewinn hatten, war die Frage nach der Zukunft der NYT eine theoretische. Aber 2008 hat die Zeitung die Dividende kürzen müssen, jüngst musste sie sie ganz streichen. Das bedeutet, dass die Sulzbergers kein Einkommen mehr aus ihrem Verlag beziehen und der Verlagschef nun auch innerhalb der Familie stärker unter Druck gerät.
Eine mögliche Fremdübernahme war bereits Thema im eigenen Blatt: Im Juli 2007 beschäftigte sich »public editor« Clark Hoyt in seiner Kolumne mit der Frage, wie lange die Sulzbergers der Times noch die Treue halten werden. Die Familie sei sich einig, dass die Struktur ihres Unternehmens langfristige Investitionen ermögliche, setzte Arthur Sulzberger Jr. dagegen. Dennoch fragt sich die Öffentlichkeit, ob die Familie in stürmischen Zeiten der Krise wirklich trotzen wird. Und wie der sprichwörtliche Fels in der Brandung versichert Sulzberger: »Sie wird.«

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