Rohbaufest

Dach überm Kopf

von Katja Haescher

Ein stabiles Fundament, Wände, ein Dach – das ist der Stoff, aus dem Träume sind. Lang gehegte Träume von einer neuen Synagoge, die jetzt für die Jüdische Gemeinde Schwerin in Erfüllung gehen. Im Herzen der Stadt wächst das Gotteshaus an genau der Stelle, an der bis 1938 die alte Schweriner Synagoge stand. Nach der Pogromnacht hatten die Nazis die Schweriner Juden gezwungen, das stark beschädigte Gebäude bis auf die Grundmauern abzutragen.
70 Jahre danach entsteht auf diesen Mauern etwas Neues. »Vielleicht wird uns erst später bewusst werden, was hier passiert«, verdeutlicht der stellvertretende Vorsitzende des Landesverbandes der jüdischen Gemeinden in Mecklenburg-Vorpommern, Valerij Bunimov, die historische Dimension des Baues. »Aus dem Alten erwächst etwas Neues, Schöneres für eine lebendige, junge, aktive und von Stadt und Land geförderte jüdische Gemeinschaft.«
Ein guter Grund, um gemeinsam mit den Helfern zu feiern: Nach dem Richtfest, zu dem Bauleute und Gemeindemitglieder Mitte August zusammenkamen, lud die Gemeinde nun alle Förderer zum Rohbaufest ein. Zu den Ehrengästen gehörte Landesminister Henry Tesch, der das Ressort Bildung, Wissenschaft und Kultur verwaltet. Er hatte im Dezember des vergangenen Jahres mit der jüdischen Gemeinde und der Stadt Schwerin eine Vereinbarung über den Bau der Synagoge unterschrieben, die die Finanzierung auf sichere Beine stellte. 660.000 Euro gibt das Land Mecklenburg-Vorpommern für die Fertigstellung der Bauhülle. »Die Landesregierung hat in Gänze für dieses Projekt gestanden«, betonte Tesch und fügte hinzu: »Der Neubau ist ein Zeichen für die demokratische Kultur des Zusammenlebens in einer freiheitlichen Gesellschaft.«
Im Grundriss 14 mal 15 Meter groß wird die künftige Schweriner Synagoge bis zu 110 Besuchern Platz bieten, um würdige Gottesdienste zu feiern. Bisher nutzte die Gemeinde dafür einen kleinen Gebetsraum im Gemeindehaus in der Schlachterstraße, in dessen Hof die Synagoge neu entsteht. »Doch gerade an den Hohen Feiertagen wie zum Beispiel Jom Kippur reichte der Platz nie aus, der Gottesdienst musste nicht selten in den Nebenraum übertragen werden, in dem dann ebenfalls Besucher saßen«, sagt Gemeindemitglied Janina Kirchner. Sie freut sich schon jetzt auf die feierliche Einweihung der neuen Synagoge am 3. Dezember.
Architekt Joachim Brenncke hat einen Bau mit klaren Linien entworfen. Wer aus dem Gemeindehaus kommend vor der Synagoge steht, blickt durch einen gläsernen Eingangsbereich auf die Ostwand mit dem Toraschrein. Auch die Fundamente des Vorgängerbaus werden an dieser Stelle sichtbar. Teile von Fußbodenkacheln der alten Synagoge, die Archäologen aus einem Schutthaufen geborgen haben, sollen ebenfalls im Neubau Platz finden. »Alle diese Dinge werden uns helfen, den Geist des Ortes wieder zu wecken«, sagte Brenncke überzeugt. Die erste Schweriner Synagoge wurde 1773 in der Schlachterstraße errichtet. Im Jahr 1819 erweiterten und erneuerte die Gemeinde das Gebäude, das hier bis 1938 stand.
Seit 1994 gibt es in Schwerin wieder eine jüdische Gemeinde. Die rund 1.000 Mitglieder pflegen ein aktives Gemeindeleben mit vielen Freizeitangeboten und einem dicht geknüpften Netz von Hilfen. Einen zentralen Platz nimmt das aktuelle Bauprojekt ein, das viel Kraft und Energie erfordert: »Wenn ich nicht bereits graue Haare hätte, so hätte ich sie spätestens jetzt bekommen«, sagt Valerij Bunimov lachend. Doch nun ist das große Vorhaben nach Jahren der Vorbereitung und Standortsuche greifbar. Jetzt muss parallel zur Fertigstellung der Bauhülle die Innenausstattung vorbereitet werden, die die Gemeinde finanziert. Unterstützt wird sie dabei vom Förderverein »Jüdisches Gemeindezentrum Schwerin«, der 23.000 Euro zur Verfügung stellt.
Der Verein wurde 2002 mit dem Ziel gegründet, ein Zentrum mit einem Gebetsraum zu schaffen. »Damals haben wir uns gar nicht getraut, Synagoge zu sagen«, erinnert sich der Vorsitzende des Fördervereins, Armin Jäger. Um so mehr entspricht das moderne Gebäude, das jetzt an historischer Stätte entsteht, seinen Wunschträumen. Ein Traum auch für Rabbiner William Wolff, der wegen einerErkrankung nicht teilnehmen konnte: Zur Eröffnung am 3. Dezember wolle er aber unbedingt dabei sein, richtete er durch Armin Jäger aus.

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