Literaturspezial

Casablanca und Computer

Ein Buchtitel wie dieser stellt sich sogleich unter Beweiszwang: Die Flucht der Genies. Neun ungarische Juden verändern die Welt. Tatsächlich? Nun ist die Autorin Kati Marton eine renommierte amerikanische Sachbuch-Schriftstellerin, darüber hinaus hat nun die angesehene »Andere Bibliothek« im Eichborn-Verlag die deutsche Übersetzung ihrer Genie-Geschichte herausgebracht. Worum geht es?
Unter anderem um die Wissenschaftler und späteren Nobelpreisträger Eugene Wigner und Leó Szilárd, die im Sommer 1939 Albert Einstein, ihren Mit-Emigranten in den USA, davon überzeugen, Präsident Roosevelt einen alarmierenden Brief zu schicken, der über Nazideutschlands Versuche informiert, eine Bombe bislang unbekannter Zerstörungskraft zu bauen. Unter anderem um John von Neumann, der als Miterfinder des Computers gilt und dessen »Spieltheorie« in Bezug auf Abschreckung und militärisches Kräftegleichgewicht noch heute von Pentagon-Experten genutzt wird. Unter anderem um Ed- ward Teller, den »Vater« der amerikanischen Wasserstoffbombe. Wer bislang mitgezählt hat: Wir sind bei vier, einem Quartett von praxisnahen Wissenschaftlern, die nach dem Zusammenbruch der k.u.k-Monarchie, der kommunistischen Räterepublik und dem nachfolgenden, immer stärker antisemitischen Regime des »Reichsverwesers« Horthy als junge Männer ihrem geliebten Budapest Valet gesagt und in den Vereinigten Staaten ein freies Betätigungsfeld für ihre Aktivitäten gefunden hatten.

wankende helden Gleichwohl ist das Buch von Kati Marton – sie ist, was sie nicht unterschlägt, die Frau des amerikanischen Spitzendiplomaten Richard Holbrooke – alles andere als eine unkritische Bellizisten-Bibel. Die vier Naturwissenschaftler waren sich nämlich untereinander keineswegs emotional sonderlich nahe, in einem geradezu existenziellen Punkt jedoch verschworen wie die Musketiere: »Nachdem sie hier Zuflucht vor Hitler gefunden hatten, wollten sie ihre Wahlheimat unbedingt auf die drohende Gefahr aufmerksam machen. Auf ihrem jeweiligen Gebiet bemühten sie sich, eine Welt wachzurütteln, die ihre Augen vor dem aufziehenden Unheil immer noch verschloss.«
Sprösslinge säkularisierter Juden, die ihre Schulbildung der heterogenen Offenheit der Donaumonarchie verdankten, wussten sie von Anbeginn an, dass nichts von Dauer ist und immer wieder aufs Neue verteidigt werden muss. Er spricht für Kati Martons atmosphärisch dichtes, durch konzise Vor- und Rückblenden strukturiertes Mehrfach-Porträt, dass sie bei aller Bewunderung für diese ebenso tollkühnen wie hochgebildeten (und nicht zu vergessen: hedonistisch-eleganten) Rastignacs des 20. Jahrhunderts keine simple Heldensaga schreibt. Edward Tellers höchst ambivalenter Charakter, der ihn in der McCarthy-Zeit sogar seinen Konkurrenten Robert Oppenheimer denunzieren ließ, wird ebenso luzid analysiert wie Arthur Koestlers genialische Monomanie.
Jetzt nämlich sind wir bei den fünf Künstlern – zuerst einmal bei den Fotografen André Kertész, Pioniergestalt einer poetisch-sensiblen Alltagsfotografie, und einem gewissen Endre Friedmann, der als Robert Capa mit seinen Kriegsfotos Weltruhm erlangen sollte. Denn auch hier ging es ums Aufrütteln der westlichen Welt – bei den Aufnahmen aus dem Spanischen Bürgerkrieg ebenso wie während der Landung in der Normandie. Danach aber: Champagner im Ritz, eine Affäre mit Ingrid Bergman, Gründung der legendären Fotoagentur Magnum – eine Rastlosigkeit vor dem frühen Tod im Indochinakrieg 1954, ein dem Schicksal (mitsamt allen Schicksal spielenden Diktatoren und Menschenschindern) abgerungene Daseins-Intensität, die freilich auf religiösem Ohr eher taub war. Auch Arthur Koestler beschäftigte sich in den letzten Lebensjahren vor seinem Freitod 1983 lieber mit Parapsychologie als mit Gott. Dafür aber hatte er in der ersten Hälfte des Jahrhunderts den kommunistischen »Gott, der keiner war« entlarvt wie kaum ein anderer – sein Roman Sonnenfinsternis ist und bleibt ein Meisterwerk der Diktaturkritik. 1940 erschienen, hatte jedoch eine appeasement-süchtige Welt an der Wahrheit über Stalins Reich ebenso wenig Interesse wie an einer effizienten Wachsamkeit gegenüber Hitlerdeutschland. Im Gegenteil. Als Sándor Kellner alias Sir Alexander Korda (wir sind nun beim emigrierten Genie Nummer acht) 1941 in Winston Churchills Auftrag den ebenso Mut machenden wie gekonnten Spielfilm Lord Nelsons letzte Liebe mit Laurence Olivier und Vivien Leigh in den Hauptrollen produzierte, sträubten sich anfangs die amerikanischen Verleiher, ja, ein Untersuchungsausschuss schickte dem Regisseur sogar eine Vorladung, um sich zum Vorwurf der »Propagierung eines Angriffskrieges« zu äußern.
Fünf Tage später aber kam Pearl Harbor. Der größte aller bislang denkbaren Kriege hatte begonnen, und Hollywood entsann sich seines berühmten Studio-Regisseurs Michael Curtiz, der 1888 als Mihály Kaminer in Budapest geboren war und – beeindruckende Koinzidenz – wie all die anderen Jungen im dortigen »Café New York« bereits von Aufbruch und großer Karriere geträumt hatte. Und so war es Curtiz-Kaminer, der aus Pappkulissen jenes »Rick’s Café« aufbauen ließ, in welchem ein vorerst abwartend-zynischer Humphrey Bogart schließlich den Antinazi-Flüchtlingen beistehen wird: Casablanca. Unschätzbar die Kraft, so Kati Marton, die gerade dieser Film den kämpfenden GIs bei der Befreiung Europas schenkte.

europa-melancholie Und dennoch. Am Ende ihrer Tage waren die Genies schließlich wehmütig geworden, überdrüssig des freien, ihnen alle Chancen gebenden Amerika, dessen Optimismus sie jedoch nicht teilten. Eine sentimentale Mit- teleuropa-Melancholie hatte sie ergriffen, eine Trotz-allem-Sehnsucht nach jenem so kultivierten Kontinent, der sich erst den Nazis, dann den Kommunisten in die Arme geworfen und seine jüdischen Bürger so schmählich verraten hatte. Rätsel der menschlichen Existenz, Unwägbarkeiten der Psyche. Wir Leser aber hören von nahezu unglaublichen Geschichten und schämen uns nicht, Ehrfurcht vor jenen berühmten Neun zu fühlen.

Kati Marton: Die Flucht der Genies. Neun ungarische Juden verändern die Welt. Aus dem Englischen von Ruth Keen. Eichborn, Frankfurt a.M. 2010, 348 S., 32 €

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