Feuer

Brandmal

von Peter Bollag

Abgebrannte Synagogen hinterlassen immer starke Betroffenheit. So konnte auch die sefardisch‐jüdische Gemeinschaft in Genf unmittelbar nach dem Brand der Synagoge an der Rue de Malagnou der Solidarität der Behörden und vieler nichtjüdischer Einwohner der Calvinstadt sicher sein. Auch wenn eine Woche nach dem Unglück in der größten der fünf Genfer Synagogen – sie bietet 1.200 Menschen Platz – so gut wie nichts auf Brandstiftung hindeutet, brachte es der Präsident der jüdischen Gemeinde der Stadt, Ron Aufseesser, auf den Punkt: Er sagte gegenüber den Medien, eine Synagoge brennen zu sehen, das schmerze immer stark.
Ausgebrochen war das Feuer in dem 1972 erbauten Gotteshaus am frühen Morgen des zweiten Schawuot‐Tages, dem 23. Mai. Polizei und Feuerwehr versuchten zu retten, was es noch zu retten gab: Das Gebäude stand bereits in Flammen, als sie eintrafen. Die Eingangshalle der Synagoge ist vollständig zerstört, die übrigen Räume sind durch den starken Rauch und durch Löschwasser stark beschädigt. Fast alle Tora‐Rollen und Gebetsbücher sowie Folianten konnten gerettet werden, auch das Innere der Synagoge blieb unverwüstet.
Nachdem sich die Nachricht vom Brand in der Gemeinde der Malagnou‐Synagoge verbreitet hatte, versammelten sich die Gläubigen in einem nahegelegenen Park und verrichteten ausnahmsweise dort ihre Feiertagsgebete. Die Frage Nummer 1 am Rande dieses speziellen Gottesdienstes: Wurde der Brand von Menschenhand gelegt? Denn 2005 hatte man in Genf an einer (allerdings anderen) Synagoge antisemitische Schmierereien gefunden, und vor zwei Jahren war die Synagoge in Lugano im Kanton Tessin Ziel eines Brandanschlags. Dort war es die Tat eines Verwirrten, wie die Behörden später immer wieder betonten.
Gegen die Theorie einer Brandstiftung in Genf spricht, dass es lediglich einen Brandherd gab. Auch das Absuchen der Unglücksstelle mit Spürhunden brachte keine Hinweise darauf. Endgültige Gewiss‐ heit hat man jedoch nicht. Auf die wird man noch warten müssen.
Einer der Ersten, die nach dem Brand an die Rue de Malagnou kamen, war der betagte Genfer Industrielle Nessim Gaon: Für ihn muss der Brand ein besonderer Schock gewesen sein. Hatte er doch vor 35 Jahren den Bau des Gotteshauses finanziert.
Die Figur Nessim Gaon hat in der Calvinstadt einen großen Symbolwert. Die einzige sefardische Gemeinde des Landes verdankt dem Rohstoffhändler einiges – und damit ist nicht nur Geld gemeint. Die Nähe zu Frankreich und die helvetische Sicherheit haben die jüdische Gemeinschaft am Bankenplatz Genf in den Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg zur zweitgrößten der Schweiz wachsen lassen. Vor allem kam dies durch die Einwanderung sefardischer Juden aus Nordafrika in den 50er‐Jahren. Nessim Gaon war damals Präsident des sefardischen Weltbundes.
Heute leben rund 4.000 Jüdinnen und Juden in Genf. Ausgerichtet sind viele von ihnen allerdings oft eher nach Paris oder gar Tunis und Casablanca als nach Zürich oder Basel, was die Schlagkraft des Schweizerischen Israelitischen Gemeindebundes (SIG), in dem alle jüdischen Gemeinden der Schweiz organisiert sind, nicht unbedingt erhöht. An den Jahresversammlungen wird dies jeweils deutlich sichtbar. Selbst wenn, wie im Moment, der Genfer Arzt Alfred Donath, ein Westschweizer mit Deutschschweizer Wurzeln, den SIG führt.
Auf eine starke jüdische Rolle in Genf deutete die Geschichte der Juden im Kanton nicht unbedingt hin – erst die französische Revolution 1789 führte zur dauerhaften Wohnsitznahme von Jüdinnen und Juden in der westlichsten Ecke der Schweiz, einer Gegend, die damals noch zu Frankreich gehörte.
Doch in der Protestanten‐Hochburg Genf war auch noch Jahrzehnte nach der Revolution nur das christliche Glaubensbekenntnis zugelassen. Erst 1852 wurde die Gründung einer jüdischen Gemeinschaft möglich, bis dahin musste sich die jüdische Minderheit im benachbarten Frankreich ansiedeln. Bald entstand aber mit der Großen Synagoge ein sichtbares Symbol jüdischer Präsenz. In Frage gestellt wurde diese dann erst wieder in der Nazi‐Zeit.
Dass die jüdische Gemeinschaft in Genf heute in Frage gestellt sein könnte, glaubt niemand. Auch dann nicht, wenn sich am Ende doch herausstellen sollte, dass das Feuer in der Synagoge an der Rue de Malagnou willentlich gelegt worden ist. Die Brandspezialisten der Polizei jedenfalls arbeiten auch eine Woche nach dem Brand weiter auf Hochtouren.

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