Dalai Lama

Botschafter der Toleranz

von Wladimir Struminski

Der Februarmorgen auf dem Skopusberg ist recht kühl. Durch die geöffneten Fenster des Klubraums der Fakultät für Geisteswissenschaften weht frischer Ostwind hinein. Da bleiben die Versammelten lieber im Sakko oder Mantel. Nur dem Ehrengast, der einen Vortrag zum Thema „Recht und Mitgefühl“ hält, macht die Kälte anscheinend nichts aus. Auch wenn die rotgelbe Robe die Arme freiläßt. Der Dalai Lama, erklärt ein ihn begleitender tibetischer Mönch, ist ganz andere Kältegrade gewohnt. Derweil erläutert der Referent, in seinem großen Sessel ebenso bequem wie wachsam sitzend, wie Mitgefühl das menschliche Leben verbessern kann.
„Was halten Sie von Religionskonflikten?“, fragt plötzlich ein arabischer Journalist den Redner. Die Frage riecht nach Schlagzeilenjagd und paßt nicht zum Thema. Das läßt der Gast den Fragenden auch spüren – mit virtuoser Eleganz. Er fixiert den Journalisten, blickt verschwörerisch ins Publikum, schüttelt den Kopf und sagt mit leichtem Grinsen: „Very bad.“ Da müssen die seriösen Damen und Herren im Publikum doch laut lachen: ein geistiger K.o.-Sieg für den Friedensnobelpreisträger.
Anschließend geht es zum Hauptvortrag in die überfüllte Aula. Auf dem Weg dorthin hält der Dalai Lama zwei seiner israelischen Begleiter die Hand. Nicht etwa, weil der bald Siebzigjährige Gehhilfe brauchte. „Es ist seine menschliche Wärme“, sagt der begleitende Mönch. Die Hörer warten stehend auf den Gast. Applaus. In dem Gesicht über der Robe leuchtet ein Lächeln auf. Dann bedeutet eine gewollt oberlehrerhafte Bewegung beider Hände: „Setzen“. Schon wieder hat der Charmeur die Lacher auf seiner Seite.
Jetzt, nachdem das Eis gebrochen ist, erlegt er jungen Menschen auf, das 21. Jahrhundert im Sinne der Spiritualität und der Toleranz zu prägen. Bei der einen oder anderen Formulierung wechselt der Vortragende vom Englischen ins Tibetische, der neben ihm stehende Dolmetscher springt ein. Dem frei gehaltenen Vortrag tut das keinen Abbruch.
Wie an der Hebräischen Universität schlägt dem Dalai Lama bei jedem seiner Auftritte in Israel eine Welle der Sympathie entgegen. „Er ist authentisch“, sagt Awia Spivak, Vizegouverneur der Bank von Israel. Wie viele Prominente hat sich der Banker die Zeit genommen, um bei einem Treffen mit dem Führer der Tibeter dabei zu sein. Zu den Stationen des Besuchs – es ist sein vierter in Israel – gehören unter anderem Auftritte an der Ben‐Gurion‐Universität in Beer Schewa und am Jerusalemer Institut für Demokratie. Die Regierung in Jerusalem ignoriert den Exilmönch. Schließlich will man es sich mit China, das jede internationale Anerkennung des Dalai Lama bekämpft, nicht verderben. „Es ist ein privater Besuch“, erklärt Außenamtssprecher Mark Regew. „Treffen mit Regierungsvertretern sind nicht geplant.“
Der fulminante Empfang, den ihm Israels Bürger, Medien und Eliten bereiten, mag den Gast dafür entschädigen – auch wenn seine Botschaft der Toleranz und des Mitgefühls im kriegerischen Nahen Osten vielen naiv erscheinen mag.
Offizieller Ausrichter der Reise ist die israelische Organisation Jatiw. Das hebräische Akronym steht für „Freunde Tibets in Israel“. Der vor sechzehn Jahren gegründete Freundesverein hat es sich zum Ziel gesetzt, den Tibetern bei der Erhaltung ihrer Kultur im Exil ebenso wie bei der ökonomischen Existenzsicherung zu helfen. Die Freunde Tibets sehen viele Ähnlichkeiten zwischen Tibetern und Juden: Vertreibung, Unterdrückung, Heimweh und ein Kampf gegen Assimilation und Identitätsverlust. „Das sind Dinge, die auch wir kennen“, sagt der Jatiw‐Vorsitzende Alona Vardi. In ihrer tibetischen Heimat seien die Tibeter wegen der Ansiedlungspolitik der chinesischen Regierung heute eine Minderheit. Viele tibetische Kinder sprechen nur noch chinesisch. Um so schwerer wiege die Verantwortung der Exilanten, ihre Kultur zu bewahren.
Wie ein Volk in der Diaspora überleben kann, ist denn auch ein Thema, bei dem der Dalai Lama von jüdischen Freunden lernen will. Nach einem Besuch der Holocaust‐Gedenkstätte Yad Vashem faßte er den Beschluß, ein Tibet‐Museum zu errichten, um die Erinnerung an die Heimat seines Volkes aufrechtzuerhalten. Bei der Planung des Projekts war eine Gruppe von Israelis behilflich. Heute steht das Museum im indischen Dharamsala, dem Exilzentrum der Tibeter. Ihrerseits hoffen Dalai Lamas Freunde im jüdischen Staat, der Besuch werde nicht der letzte sein.

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