gilad SChalit

Blut an ihren Händen

Es war eine makabre Demonstration, ein wohlfeil inszenierter Akt zynischer Menschenverachtung. Am 14. Dezember 2008 zogen bewaffnete Terroristen der Hamas im Stechschritt durch die Straßen von Gasa‐Stadt. Feixend und johlend tanzte ein junger Palästinenser zwischen den schwarzen Blöcken hin und her, riss immer wieder die Arme gen Himmel und imitierte, höhnisch verzerrt, die Verzweiflung eines Menschen. »Oh Mama, oh Papa, ich vermisse euch doch so sehr«, kreischte der junge Mime. Der Tänzer war in die Uniform der israelischen Armee gekleidet. Und seine Darbietung galt dem Seelenzustand Gilad Schalits, dem jungen Soldaten, der sich seit mehr als drei Jahren in palästinensischer Geiselhaft befindet. Ein sarkastisches Schauspiel.

Nachdem vorvergangene Woche Presseberichte eine baldige Freilassung von Gilad Schalit signalisierten, scheinen nun die Verhandlungen über den Hamas‐Gefangenen wieder ins Stocken geraten zu sein. Der in Damaskus lebende Chef der Hamas, Khalid Mashal, erklärte vor Kurzem bei einem Besuch in Kairo, dass »eine Einigung mit Israel über einen Gefangenenaustausch noch in sehr weiter Ferne liegt«.

An Mashal waren in der Vergangenheit alle Bemühungen um Schalits Freilassung gescheitert. Der Islamist sieht sich in einer starken Verhandlungsposition, weiß er doch, wie sehr das Schicksal des jungen Soldaten Israel bewegt. In Schulen, in Tageszeitungen, während öffentlicher Gebete, bei immer wiederkehrenden Demonstrationen wird an den heute 23‐Jährigen erinnert, wird öffentlich gefordert, alles, aber auch wirklich alles für dessen Freilassung zu unternehmen.

Zwei Grundsätze israelischer Politik stehen sich dabei im Weg: »Wir lassen niemand zurück«, formuliert die Armee. »Wir verhandeln nicht mit Terroristen«, so das Dogma der Regierung. Ohne Gespräche mit eben diesen Terroristen aber ist eine Freilassung von Gilad Schalit unmöglich. Deshalb spricht Jerusalem seit drei Jahren über Umwege mit der Terrororganisation. Der Apostolische Nuntius in Israel, Erzbischof Antonio Franco, Frankreichs Staatspräsident Nicolas Sarkozy, die ägyptische Regierung und der Bundesnachrichtendienst (BND) – sie alle sind bislang gescheitert.

Und in Mitzpe Hila, einem kleinen Dorf in Galiläa, warten die Eltern Noam und Aviva Schalit. »Ich will meinen Sohn zurück, nicht bloß Briefe oder Grüße vom Tonband«, sagt Vater Noam. Seine Frau macht es verrückt, hier zu sein, »in einem Haus, in dem Gilad nicht mehr lebt, obwohl er überall präsent ist«. Ein Haus, in dem es nach ihm riecht. In dem die Mutter die Worte des Sohnes hört, die aus Gasa übermittelt werden.

»Ich, der Soldat Gilad, Sohn des Noam Schalit, der in Gefangenschaft der Khattab el Shahid Azz‐a‐din el Kassam ist, Mama und Papa, Bruder und Schwester …« So hat die Hamas Gilad Schalit nach einem Jahr Gefangenschaft auf Band sprechen lassen, ihm erlaubt, »euch aus dem Gefängnis Grüße und meine Sehnsucht nach euch allen« zukommen zu lassen. Zwei Briefe folgten. Mehr nicht. Bis heute haben die Eltern keinerlei Kontakt zu ihrem Sohn, auch dem Internationalen Roten Kreuz verwehrt die Hamas jeden Zugang zu ihrem Gefangenen.

Noam Schalit ist ein unpolitischer Familienmensch. Vor drei Jahren hat es ihn ins Zentrum der Weltöffentlichkeit geschleudert. Er trifft sich mit dem früheren amerikanischen Präsidenten Jimmy Carter und dem EU‐Chefdiplomaten Javier Solana, organisiert Mahnwachen vor der Residenz des israelisches Premiers, Demonstrationen vor israelischen Gefängnissen, in denen palästinensische Häftlinge einsitzen und in den Genuss regelmäßiger Familienbesuche kommen. Selbst, dass Ghazi Hamad, ein Sprecher der Hamas, Israel ein »Krebsgeschwür« nennt, das »ausgemerzt« gehört, kann den Vater nicht davon abhalten, sich mit Israel‐Hassern zu treffen – im verzweifelten Bemühen, seinen Sohn zu retten.

Um jeden Preis. Auch wenn das bedeutet, dass im internationalen Verhandlungspoker um seinen Sohn palästinensische Häftlinge, die Blut an ihren Händen haben, aus israelischen Gefängnissen entlassen werden.

Unverständnis In Haifa sitzt Ron Kehrmann. Er fühlt sich allein gelassen, obwohl er »jedes Verständnis der Welt für das hat, was Noam Schalit unternimmt. Nichts wünsche ich mir mehr, als dass Gilad nach Hause kommt. Ich würde wohl genauso handeln.« Aber Kehrmann will kein »Verständnis dafür aufbringen, dass auch nur ein Terrorist dafür freigelassen wird«.

Am 5. März 2003 sitzt Tal, die damals 17 Jahre alte Tochter von Ron Kehrmann zusammen mit ihrer Freundin Litz Katzmann im Bus Nummer 37, als ein palästinensischer Selbstmordattentäter auf den Knopf seines Sprengstoffgürtels drückt. Die Explosion zerfetzt den Bus, zerreißt Tal und ihre Freundin. 15 weitere Menschen sterben, Jungen, Mädchen.

Kehrmann ist kein Eiferer, aber er fühlt sich von seiner Regierung und der Öffentlichkeit allein gelassen in seiner Trauer, in seinem Unverständnis angesichts eines möglichen »Deals mit Terroristen«. »Wir müssen alles für Gilad tun«, sagt er. »Aber es kann nicht sein, dass wir die Mörder meiner Tochter freilassen. Denn dann werden sie wieder morden, ihre Opfer verhöhnen«, klagt Kehrmann und erinnert an Samir Kuntar.

Der hat 1979 am Strand von Naharija der vier Jahre alten Einat Haran den Schädel zertrümmert und dann fast 30 Jahre in israelischer Haft gesessen. In »Folterhaft«, wie das von der Hisbollah und ihren internationalen Sympathisanten genannt wurde. Folterhaft – Kuntar durfte während dieser Zeit heiraten, konnte einen akademi‐ schen Abschluss in Soziologie machen und wurde im Austausch gegen die Leichen von Ehud Goldwasser und Eldad Regev 2008 begnadigt. Seither inszeniert er sich gern als heldenhafter Freiheitskämpfer und betont, dass er das gleiche Verbrechen jederzeit erneut begehen würde.

Verständnis »So etwas darf sich nicht wiederholen«, sagt Ron Kehrmann. »Das wird sich aber wiederholen, wenn wir im Austausch für Gilad Terroristen mit Blut an den Händen freilassen.« Kehrmann hat sich mit Yossi Zur und Yossi Mendellevitch zusammengetan. Sie haben einen offenen Brief an die Familie Schalit geschrieben, in dem sie um deren Verständnis für ihr eigenes Unverständnis werben. Zurs Sohn Asaf (16) und Mendellevitchs Sohn Yuval (13) saßen mit dem Mädchen Tal im Bus Nummer 37 in Haifa. »Es ist schwer«, sagt Ron Kehrmann, »einem Vater oder einer Mutter zu sagen, dass das Leben ihres Sohnes nicht um jeden, jedenfalls nicht um diesen Preis gerettet werden sollte.« Dann schweigt er. »Aber ich weiß natürlich, dass, wäre Gilad mein Sohn, ich genau das fordern würde.«

Als Ron Kehrmann liest, dass ein hochrangiger BND‐Beamter seit Monaten mit der Hamas über einen Häftlingsaustausch verhandelt, schreibt er einen Brief an Bundeskanzlerin Angela Merkel. Darin fordert der Vater die deutsche Regierungschefin auf, die Bemühungen einzustellen: »Eine Freilassung so vieler und äußerst gefährlicher Mörder ist völlig inakzeptabel, jenseits jeglicher Rationalität, Logik oder anderer Standards und Werte der westlichen Welt«, schreibt er. Für Kehrmann, der die israelische und deutsche Staatsangehörigkeit besitzt, wäre dies ein Verrat an allen Prinzipien von Justiz und Gerechtigkeit. »Ich erwarte, dass Deutschland an der Spitze der Gruppe steht, die gegen den globalen Terrorismus kämpft. Die Teilnahme an einer derartigen Massenfreilassung, Frau Merkel, ermutigt sogar derzeit junge Terroristen, sich aktiv am ›Heiligen Krieg‹ gegen den westlichen Lebensstil zu beteiligen.« Eine Antwort auf den Brief steht noch aus.

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