Dresdner Kunstprojekt

Bitte setzen!

von Wolfram Nagel

Die Brühlschen Terrassen am Nachmittag. Besucher flanieren über den »Balkon Europas«, genießen den Blick über die Elbe, hinüber zum Königsufer mit den breiten Wiesen und den trutzigen Bauten aus der Kaiserzeit, ruhen auf den Parkbänken aus, schlendern weiter. Der warme Fühlingswind treibt Blütenblätter über den Belvedere‐Hügel.
Alle Parkbänke sind an diesem sonnigen Tag besetzt. Auf einer klettert ein kleines Kind, angezogen vom ungewöhnlichen Weiß des Plexiglases. Es zieht mit den Fingerchen die ausgefrästen Buchstaben der Rückenlehne nach: »Hinsehen« schreibt es. Die Eltern verharren vor einem in Metall gegossenen Schriftzug am Boden vor der Bank: »Nur für Arier. Ende November 1938: Juden ist das Betreten des Königsufers verboten. 1. April 1940: Juden ist der Zutritt zur Brühlschen Terrasse verboten!« Kaum setzt sich das Kind hin, wird es von Vater oder Mutter zum Weitergehen ermuntert.
Seit dem 21. April steht die Bank als »Denk‐Ort« an diesem historischen Platz. Oberbürgermeisterin Helma Orosz lobt das Projekt als wichtigen Beitrag zur Bewältigung der Vergangenheit. Vergessen sind die Auseinandersetzungen, die man sich zwei Jahre lang im Elbflorenz über das Kunstprojekt von Marion Kahnemann geliefert hatte. Die sächsische Verwaltung Schlösser und Gärten wehrte sich gegen das Aufstellen der Bank. Da hatten die Kunstkommission der Stadt Kahnemanns Arbeit längst abgesegnet. Auch das nötige Geld war da.
Prominente Ablehnung kam auch von Mitgliedern der Jüdischen Gemeinde Dresden. Heinz Joachim Aris, Vorsitzender des Landesverbandes Sachsen der Jüdischen Gemeinden, kann sich noch an die Verbotsschilder erinnern. Er war damals ein Kind, gerade sechs Jahre alt. »Es gehörte einfach dazu, am Sonntag über die Brühlsche Terrasse zu flanieren«, erzählt er. Auf einmal war das vorbei. Dieses Gefühl lasse sich auch nach so langer Zeit nicht verdrängen, sagt der 75‐Jährige. Die ursprünglich geplante Inschrift: »Nur für Arier« habe er deshalb strikt abgelehnt. Zu sehr wäre er dadurch an die damalige Zeit er‐ innert worden.
In Dresden seien die antijüdischen Maßnahmen sehr konsequent durchgesetzt worden, erzählt die Historikerin Nora Goldenbogen, Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde Dresden. »Hier herrschte einer der fanatischsten Gefolgsleute Hitlers, Gauleiter Martin Mutschmann. Eines der ersten Verbote war, das Königsufer zu betreten. Die Brühlsche Terrasse wurde Juden auch deshalb verboten, weil damit der Blick hinüber verbunden war.«
Auch Marion Kahnemanns Vater Heinz Kahnemann, ein bekannter Schauspieler, war der Zutritt verboten, ebenso das Sparzierengehen im Blüherpark und im Großen Garten. Daran habe sie denken müssen als 2004 die NPD in den sächsischen Landtag einzog, erzählt die Bildhauerin, die sich seit Längerem mit der Vergangenheit Dresdens auseinandersetzt.
»Es ist toll, die Bank nun vor sich zu sehen, wenn man zwei Jahre darum gekämpft hat«, freut sich die Künsterlin nun nach der Einweihung ihrer ersten Bank aus Plexiglas auf der Brühlschen Terrasse. »Hinsehen«, wo Juden der Zutrittt verboten war. »Hinsehen«, wenn sich rechtsextreme Ideologien in dieser Stadt wieder breit machen. Da geht Marion Kahnemann keinen Kompromiss ein.
»Ich denke, Ausgrenzung fängt immer irgendwo an. Für die meisten Menschen unbemerkt. Mein Objekt ist für Menschen gedacht, die in Dresden leben oder als Touristen in die Stadt kommen. Die Bank soll Geschichte fühlbar machen, damit nicht noch mehr Rechtsextremismus in dieser Stadt passiert«, sagt Kahnemann.
Ursprünglich wollte sie den historischen Text als Schriftzug einfräsen, weil er radikaler, anklagender war: »Nur für Arier«. Lange Diskussionen überzeugten die Bildhauerin. »Ich habe festgestellt, dass den Jugendlichen das Zitat ›Nur für Arier‹ fast nichts mehr sagt. ›Hinsehen‹ ist gerade für die Dresdener extrem wichtig.« Doch sie wolle mit ihrem Gedenkobjekt auch das Hinsetzen ermöglichen. Die Kunstglaselemente sind stabiler als Holz.
Cecilia Walsch ist Schülerin der 11. Klasse am Dresdner St. Benno‐Gymnasium, von dem Gedenk‐Projekt hat sie im Unterricht gehört. Marion Kahnemann unterrichtet an ihrer Schule Kunst und Werken. Vom Unterricht angeregt, hat Cecilia im vergangenen Jahr bereits den Weg der Erinnerung mitgestaltet. Eine Station war der Große Garten. »Was bedeuten Zahlen und Fakten, wenn man sich die Zeit der Judenverfolgung kaum vorstellen kann«, sagt die 16‐Jährige. »So eine Bank spricht natürlich an. Da kann ich mich in die Situation von Menschen hineinversetzen.«
Bald schon sollen zwei weitere gläserne Gedenk‐Bänke aufgestellt werden: im Blüherpark und im Großen Garten. »Hinsehen« gleich an der Hauptallee, mit Blick auf das kurfürstliche Palais. Die Patenschaft für den Dresdner Denk‐Ort übernimmt ein Fanclub des Dresdener Fußballvereins SG Dynamo.

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