fernsehen

Bilder unseres Lebens

Regel Nummer 1: In den Ferien gibt es im Fernsehen nur Wiederholungen. Regel Nummer 2: Wenn im hiesigen TV Juden in Filmen oder Serien vorkommen, dann als Klischees: fromm oder verfolgt. Zudem geht es dabei meist politisch korrekt und pädagogisch zu, sprich, langweilig. Regel Nummer 3: Falls jüdische Protagonisten ausnahmsweise doch einmal als normale Menschen auftauchen, handelt es sich um – gewöhnlich schlecht synchronisierte – US‐Produktionen, die fast immer wochentags nach 23 Uhr ausgestrahlt werden, wenn die meisten Leute schlafen müssen.
So weit die gängige Meinung. Arte versucht jetzt, den Beweis des Gegenteils anzutreten. Innerhalb von acht Tagen zeigt der deutsch‐französische Kultursender zur besten Sendezeit gleich zwei populäre Miniserien, die sich um die jüdische Erfahrung im 20. Jahrhundert drehen.

alija Den Anfang macht am Donnerstag, den 23. Juli um 21 Uhr der Sechsteiler Milch und Honig. Das Land, in dem Milch und Honig fließen, ist Erez Israel. Dorthin macht sich 1946 von Marseille aus per Schiff eine Gruppe jüdischer Männer, Frauen und Kinder auf. Es sind Schoa‐Überlebende wie die Polin Leah und die Französin Angèle, der Waisenjunge Marc, den ein nichtjüdischer Freund seines ermordeten Vaters vor der Deportation gerettet hat, aber auch Juden aus Marokko, wie die Geschwister Perla und Ashriel, die ihre gesicherte bürgerliche Existenz in Casablanca aufgegeben haben, um in das Land ihrer Väter zurückzukehren.
Doch die Reise dorthin wird eine Tour der Qualen. Der von den Olim in »Jehuda Halevi« umbenannte marode spanische Frachter ist überfüllt; es kommt zu einer Motorpanne auf hoher See; ein Mädchen stirbt, ein Passagier wird als Spitzel der Briten entlarvt. Und vor der Küste Palästinas angekommen, wird das Schiff von der britischen Kriegsmarine aufgebracht. Nur die Hälfte der Passagiere erreicht das Ufer. Die anderen werden nach Zypern verfrachtet und dort interniert. Aber auch in dem Kibbuz, in dem die Auswanderer gelandet sind, die mehr Glück hatten, fließen keineswegs Milch und Honig. Immer wieder kommt es zu Zusammenstößen mit den Bewohnern eines arabischen Nachbardorfes. Es gibt Tote. Und immer wieder auch brechen die Konflikte zwischen Sefardim und Aschkenasim auf, ob in Palästina oder auf Zypern.

klischees Es ist das Verdienst dieser Miniserie, endlich den sefardischen Anteil an der Alija zwischen Kriegsende und Gründung Israels zu thematisieren, von dem viele europäische Juden nichts wissen. Regisseur Haim Bouzaglo kennt sich aus. Er stammt selbst aus der Gruppe der orientalischen Einwanderer. Milch und Honig hätte so die notwendige Ergänzung zum Alija‐Klassiker, Otto Premingers Film Exodus von 1960, werden können. Hätte. Leider fehlt der Fernsehserie dazu das Niveau. Allzu holzschnittartig ist die Geschichte geraten, allzu klischeehaft die Figuren. Die KZ‐Überlebenden sind gebrochen, die Sefarden lärmen, der Haganakommandant ist jung und entschlossen, die Rabbiner verströmen penetrant Weisheit, die jiddischen Mammes Güte; die unvermeidlichen Liebesgeschichten haben etwas von Daily Soap an sich. Vor allem aber werden die Konflikte – ob zwischen Einwanderern und Briten oder Juden und Arabern – allzu simpel gezeichnet: Wir gut, die anderen böse. So handwerklich modern die Serie ist – beim Festival von Luchon in diesem Jahr wurde sie für die Kameraführung ausgezeichnet: Inhaltlich fühlt man sich an zionistische Propagandastreifen der 50er‐Jahre erinnert.
familiensaga Qualitativ um Klassen besser ist da die zweite Serie, die russisch‐französisch‐jüdische Familiensaga Der Sturm zieht auf, die am Freitag, den 31. Juli um 21 Uhr anläuft. Regisseurin Nina Companeez, die auch das Drehbuch geschrieben hat, erzählt die Geschichte ihrer eigenen Familie – von Moskau 1900 über das Berlin der 20er‐ und 30er‐Jahre bis Nizza 1944 nach der Befreiung. Im Zentrum des Films steht Tatiana Schneider, Tochter eines wohlhabenden Moskauer Modeunternehmers. Obwohl Sympathisantin der revolutionären Linken, heiratet sie auf Druck ihrer Eltern den Industriellen Leonid Stern. Als die Bolschewiki die Macht übernehmen, stehen Tatiana, ihr Mann und ihre Kinder als »Klasssenfeinde« im Visier der Tscheka. Sie verlieren ihr Vermögen und flüchten nach Berlin, wo sie sich als Pensionsbetreiber über Wasser halten. Bis die Nazis kommen und die Sterns wieder flüchten müssen. Diesmal nach Paris, wo sie sich eine neue Existenz aufbauen. Doch dann marschiert 1940 Hitlers Wehrmacht in Frankreich ein. Erneut ist die inzwischen auf Schwiegersöhne und -töchter sowie deren Kinder angewachsene Sippe auf der Flucht.

grosses kino Es ist die inzwischen zur Matriarchin gereifte Tatiana, die die Familie in all den Wirrnissen zusammenhält – wobei es nicht nur politische Verwerfungen sind, die für Dramen sorgen, sondern auch und vor allem private Tragödien, von Spielsucht über Kindesmissbrauch bis zu Suizid. Bei allem Drama gleitet der Film nie ins Melodram ab, bei aller Opulenz nie in Schwulst. Die Figuren sind differenziert gezeichnet, die Geschichte vieldimensional angelegt, ohne sich je in den Nebensträngen zu verirren. Der Sturm zieht auf ist nicht nur gutes Fernsehen, der Film ist großes Kino, irgendwo zwischen den Budden‐brooks und Bertoluccis 1900 angesiedelt. Eine jüdische Geschichte, die trotz insgesamt 5 Stunden Länge nie langweilt, und die auch nichtjüdische Zuschauer in ihren Bann ziehen wird.

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