Bildungsprogramm

Big Brother

von Jacob Berkman

Dass immer weniger junge Menschen in die Synagoge gehen, ist nicht neu. Doch ein amerikanisches Projekt will das nun ändern – mit einem Software‐System. Dieses wird in den Gemeinden installiert, und man kann damit verfolgen, an welchen Veranstaltungen Jugendliche teilnehmen. Man möchte endgültig wissen: Was interessiert junge Juden und was nicht.
Die jüdische Vereinigung von Groß‐Kansas‐City (CAJE) zählt rund 20.000 Mitglieder und hat 2003 das sogenannte »Engaging for Life«-System installiert, um zu erfahren, welche Bildungsaktivitäten, Veranstaltungen und Sommercamps für die jungen Mitglieder der Gemeinde attraktiv sind.
Seit sechs Jahren versucht die Vereinigung, Informationen über die Interessen ihrer Kinder zu sammeln. Als die damit Beauftragten erkannten, dass ihre Daten voller Überschneidungen waren, taten sie sich mit dem Berman Institute for Informal Jewish Education an der Brandeis‐Universität und einem Softwareunternehmen zusammen, um eine interaktive Datenbank zu entwickeln. Die ersten größeren Vereinigungen folgen bereits dem Beispiel von Kansas City. Die Gemeinden in Boston mit rund 250.000 Juden und Atlanta mit mehr als 100.000 stehen kurz davor, das System zu übernehmen.
Sieben der neun Synagogen von Kansas City sammeln – angefangen bei der fünften Klasse – Informationen über jedes Angebot einer Jugendgruppe, bei dem ihre Kinder mitmachen. Dann folgen Interviews, um herauszufinden, an welchen anderen Aktivitäten außerhalb der Synagoge die Kinder teilnehmen. Auch diese Informationen werden in der Datenbank gespeichert.
Allison (Name geändert) ist Schülerin der neunten Klasse und Mitglied der Beth‐Torah‐Reformgemeinde in Kansas City. Sie besuchte in den Sommern 2003, 2004 und 2005 das Ferienlager der Union for Reform Judaism. Vom 23. September 2003 bis 28. Dezember 2006 nahm sie an 25 weiteren jüdischen Bildungsveranstaltungen teil. Zum Beispiel am 27. März 2004 an einem Pizzafest vor Pessach, an einer Klausur für Achtklässler am 9. September 2005 und an einer Felsenklettertour am 25. März 2006.
Joshua (Name geändert), ebenfalls Neuntklässler und Beth‐Torah‐Mitglied, besuchte im gleichen Zeitraum 19 Veranstaltungen, davon drei, an denen auch Allison teilgenommen hatte. Anders als Allison aber nahm er nicht an einer Gedenkfeier zum Martin‐Luther‐King‐Tag am 16. Januar 2006 teil und besuchte auch kein jüdisches Sommerlager.
Die Daten sind vertraulich. Die einzelnen Gemeinden kennen zwar die Identität der Kinder, doch die Informationen, die sie an die Vereinigung weiterleiten, sind anonym. Auf diese Weise erhält Karen Gerson, Leiterin der Abteilung für außerschulische jüdische Bildung bei der CAJE, umfassende Angaben darüber, was jüdische Kinder in Kansas City machen, und muss sich nicht, wie sonst in den Gemeinden üblich, auf ungenaue Einzelberichte verlassen.
Gerson weiß, dass die Zahl jüdischer Kinder in Kansas City, die an einem Ferienlager teilnahmen, in den Jahren 2001 bis 2003 von 109 auf 137 gestiegen ist. Sie sieht darin den Erfolg eines Programms, in dessen Rahmen die Vereinigung mehreren Gemeinden Beihilfen in Höhe von 10.000 Dollar gewährte, um die Bildungs‐ und Freizeitaktivitäten zu verbessern. 2004 sank die Zahl auf 113, was Gerson der Tatsache zuschreibt, dass es in der ganzen Region weniger jüdische Kinder gibt. Viele Familien verlassen im Zuge einer wirtschaftlichen Stagnation Kansas City.
Marcia Rittmaster ist die Leiterin der Abteilung für Jugend und außerschulische Bildung bei Beth Torah und betreut die Datenbank der Gemeinde. Wenn sie feststellt, dass ein Kind Angebote kaum wahrnimmt, ruft sie in vielen Fällen die Familien an und bespricht, was für das Kind von Interesse sein könnte.
Solche Gespräche seien oft schwierig, meint Rittmaster, »aber es lohnt sich«. Auf Grundlage der gesammelten Daten registrierten Vertreter der jüdischen Organisationen, dass die Teilnahme an organisierten Aktivitäten massiv zurückging, nachdem die jüdischen Kinder auf die Highschool wechselten. Nach Gesprächen mit vielen der betreffenden Familien wurde deutlich, dass der Rückgang Hand in Hand ging mit dem wachsenden sportlichen Interesse der Teenager. Deshalb wurde in einem der Gemeindezentren von Kansas City ein Purim‐Basketball‐Wettkampf für jüdische Kids veranstaltet.
Auch der Verband jüdischer Wohltätigkeitsorganisationen im Großraum Boston hat die spezielle Software gekauft. Er arbeitet mit drei Gemeinden zusammen, um das System zu testen, berichtet David Goldstein, Koordinator von YESOD, einem Projekt der Boston Federation’s Commission on Jewish Continuity and Education und Berater in Bildungsfragen für das Bostoner Bureau of Jewish Education. Laut Robyn Faintich, Leiterin der Teeanager‐Initiative der Gemeinde von Atlanta, wird demnächst auch die jüdische Vereinigung für Groß‐Atlanta einen Vertrag unterzeichnen, um die Software zu kaufen. Kostenpunkt: rund 8.000 Dollar
»Aber nicht alle Gemeinden wollen das Projekt unterstützen. Einige meinen, es sei wie Big Brother«, sagt Faintich. Die jüdische Vereinigung von Atlanta sieht jedoch in dem Erfassungssystem eine Möglichkeit, die Neuausrichtung der Teenager‐Initiative auf eine stabilere Grundlage zu stellen. Vor allem weil es potenziellen Geldgebern konkrete Daten zur Verfügung stellt, welche Aktivitäten für die jungen Leute attraktiv sind. »Je genauer die Daten sind, desto besser sind die Chancen, Geld aufzutreiben«, sagt Faintich.
Jonathan Woocher, Hauptideengeber im Lippmann‐Kanfer Institute von JESNA (Jewish Education Service of North America), sprach über die Grenzen des Systems – vor allem weil es keine Möglichkeit bietet, etwas über jene Kinder herauszufinden, die an keiner der angebotenen Veranstaltungen teilnehmen. Dennoch betrachtet es Woocher als hervorragendes Mittel, festzustellen, was bei jungen Menschen, die sich zumindest ein wenig engagieren, Anklang findet. Es könne helfen, attraktivere, maßgeschneiderte Programme zu erstellen. Und hinzu komme, dass unter den Institutionen eine Zusammenarbeit entsteht. »Es ist ein äußerst innovativer Versuch, die jüdische Erziehung effektiver zu machen.«

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