galina rosenthal

»Bewegung ist wie Medizin«

Alle reden von 20 Jahre Mauerfall. Für uns war das nicht so faszinierend. Wir kamen im August 1990 nach Deutschland. Gerade waren wir eingewandert und hatten erlebt, wie schön der Westen ist, schon wurden wir enttäuscht: Unsere Sprachschule lag in Ost‐Berlin. Jedesmal, wenn wir hinfuhren, dachten wir: Das sieht ja aus wie in der Ukraine. Nicht so wie in Charlottenburg, wo wir die tollen Autos bewunderten, die helle Beleuchtung überall, die völlig anderen, freundlichen Gesichter. Inzwischen hat sich ganz Berlin verändert. In dieser Stadt ist es nie langweilig, und ich kann sagen: Ich habe deutsch‐deutsche Geschichte erlebt.
In den vergangenen Monaten waren wir im Hochzeitsfieber. Unser Sohn Leonid hat geheiratet. Aus aller Welt sind Gäste gekommen: aus England, Kanada, Neuseeland, Israel. Die Kinder wollten keine große Hochzeit, nur die engste Familie und Freunde. Aber am Ende waren es doch über hundert. Wir haben zu unserem Sohn gesagt: Deine Eltern wollen feiern, dass sie es geschafft haben mit dir. Leo ist 29 Jahre. Er hat Jura studiert und betreibt eine eigene Kanzlei. Er ist unser einziges Kind.
Bei den Vorbereitungen ist alles wieder hochgekommen: unser Leben in Lemberg, die Auswanderung, der Neubeginn in der westlichen Welt. Eigentlich wollten wir nach London. Doch dann lud uns ein Freund nach Berlin ein. Wir dachten: Bleiben wir ein bisschen – und sind bis heute geblieben.

lemberg Dass wir ausgerechnet in Deutschland begonnen haben, unser jüdisches Leben zu leben, ist schon komisch. Im Kindergarten war ich das einzige jüdische Mädchen. Damals hieß ich Reutberg. Das ist in der Ukraine ein ungewöhnlicher Name, er klingt weder russisch noch ukrainisch. Warum heißt du Reutberg, haben mich die anderen Kinder gefragt. Ich weiß es nicht, hab ich geantwortet. Da sagten sie: Weil du Jüdin bist. Aber ich fühlte mich doch wie alle anderen!
Auch im Studium war ich die einzige Jüdin. Ich habe Sportphysiotherapie studiert und war Profisportlerin im Fechten. Als Sportlehrerin an der polnischen Schule in Lemberg gründete ich 1987 in der Stadt den ersten Maccabi‐Verein nach dem Zweiten Weltkrieg. Das war sehr erhebend. Bald hatten wir 120 Mitglieder in sechs Abteilungen – und alle waren Juden. Vorher gab es weder offiziell noch inoffiziell jüdisches Leben in Lemberg. Und das im Zentrum von Galizien, in einer Stadt, in der vor 1933 ein Drittel der Bevölkerung jüdisch war.
Ende der 80er‐Jahre kamen viele Chassidim aus Israel, den USA und Kanada zu uns. Sie suchten nach ihren Wurzeln, wollten die Grabstätten ihrer Vorfahren aufsuchen. Doch die meisten jüdischen Friedhöfe lagen in der militärischen Sperrzone. Wie sollten die Chassidim mit ihrem auffälligen Äußeren da hinkommen? Wir Jungen nahmen es in die Hand. Wir waren romantisch und uns der Gefahren nicht bewusst. Mit unseren Autos fuhren wir nachts in die Militärzone. Wir hatten Glück. Wären wir erwischt worden, hätte man uns nach Sibirien schicken können.
Allmählich ließ der politische Druck nach. Schließlich gründeten wir sogar ein jüdisches Zentrum. In dieser Zeit fand zu Chanukka das erste offizielle Klesmerkonzert mit meinem Mann statt. Boris ist Berufsmusiker, hier in Berlin arbeitet er als Musiklehrer an der Jüdischen Oberschule. 500 Leute kamen damals, das war ein Erlebnis! Und als wir das erste Mal Schabbat feierten, brannten Kerzen auf dem Fußboden. Viele haben von ihrem Judentum nichts gewusst. Wir wuchsen in einer atheistischen Welt auf. Das Einzige, was in meiner Kindheit jüdisch war, war das Mazze‐Essen zu Pessach. Und nun, wenn die Chassidim kamen, stapelten sich bei uns die koscheren Lebensmittel, um sie zu versorgen.
Heute halte ich mich nicht strikt an die Vorschriften der koscheren Küche. Aber ich trenne Milchiges und Fleischiges. Jeden Samstag und Sonntag kommen mein Sohn und seine Frau zum Frühstück. Dann essen wir verschiedene Käsesorten, Lachs, Obst und Gemüse. Zurzeit haben wir uns besonders an seine Kindheit erinnert. Er hat das musikalische Talent seines Vaters geerbt. Viele Zeitungsausschnitte habe ich gesammelt, er war ein Kinderstar. Ja, mit seiner schönen Stimme war er ein richtiges Wunderkind und ging auf Tournee.

stimmung Heute geht mein Sohn jeden Freitag in die Synagoge. Nach unserer Ankunft in Berlin sind wir sofort der jüdischen Gemeinde beigetreten. Aber die Stimmung ist zurzeit nicht gut, ich fühle mich nicht mehr wohl. Der Vorstand scheint vergessen zu haben, dass sich eine jüdische Gemeinde auch um Kinder und Alte kümmern muss. Sie ist nicht nur ein Wirtschaftsbetrieb, in dem man über Sparmaßnahmen redet. Warum braucht unsere Gemeinde 14 Autos, wenn man keinen Ausflug mit den Alten finanzieren kann? Das ärgert mich.
Seit 2006 habe ich eine eigene Physiotherapiepraxis in Wilmersdorf, gleich neben dem Gertrauden‐Krankenhaus. Bei mir arbeiten acht fest angestellte Physiotherapeutinnen, vier davon mobil. Sie sind hoch qualifiziert und können nahezu jede Behandlung abdecken: Osteopathie, manuelle Therapie, Bobath, Atemtherapie, Schlingentisch, Shiatsu, Chi Gong, Reflexzonentherapie. Bewegung, sowohl körperlich als auch geistig, ist das Wichtigste im Leben – wie eine gute Medizin.
Meine erste Berufserfahrung in Berlin ist mit einem urkomischen Umstand verbunden. In der Zeitung las ich, dass eine Physiotherapiepraxis eine Vertretung für Hausbesuche sucht. Ich telefonierte mit der Dame, aber wir verstanden uns kaum, denn mein Deutsch war damals noch sehr schlecht. Doch diese Frau hat mich tatsächlich genommen. Für die Hausbesuche kaufte ich mir ein Auto: einen Opel Manta – in Orange! Für mich war es das Größte. Doch als ich völlig gestresst durch das mir unbekannte Berlin fuhr, haben viele gehupt und auf ihre Muskeln und Ellenbogen gezeigt. Ich hab das nicht verstanden. Noch heute lachen wir über diese Episode.
Weil ich in der Ukraine Sport studiert habe und später in Berlin eine Ausbildung zur Physiotherapeutin gemacht habe, besitze ich sehr gute anatomische Kennntnisse. Mit Bewegung kann man sich vor manchen Krankheiten schützen. Klar, in der Praxis kann ich zum Beispiel auf sanfte Weise osteopathisch behandeln. Aber die Patienten brauchen auch Tipps für richtiges Dehnen und Strecken im Alltag, für Bewegungsübungen zu Hause, um Rücken‐ und Bauchmuskulatur zu stärken. Die Behandlung durch den Profi ist nur ein Teil des Heilungsprozesses.

patienten Zu uns kommen Menschen, die an Multipler Sklerose oder Parkinson erkrankt sind, die einen Schlaganfall erlitten haben oder Lymphdränagen wegen einer Mammakarzinom‐Operation brauchen. Früh bin ich meist die Erste, abends oft die Letzte in der Praxis. Durch die Gesundheitsreform sind die Abrechnungen komplizierter geworden. Manche Patienten können die Zuzahlungen nicht aufbringen. Weil ihnen das peinlich ist, kommen sie trotz Verordnung nicht mehr. Für die Lymphdränagen zum Beispiel braucht man bestimmte Materialien. Die Kassen sagen, was die Ärzte verordnen, zahlen wir. Die Ärzte aber sagen, das geht zu sehr auf unser Budget, das sollen die Therapeuten zahlen. 30 Euro pro Patient – das schaffen wir Therapeuten nicht. Wo also ist die Lösung für den Patienten? Besonders bitter ist es für die Krebspatienten.
In meine Praxis kommen sehr viele russischsprachige Patienten. Die meisten sind aus Leningrad, sogenannte Blokadniks. 1,1 Millionen Menschen sind in den Jahren 1941 bis 1944 umgekommen, als die deutsche Wehrmacht Leningrad eingekreist hatte. Viele meiner Patienten sind Überlebende von damals. Ich behandle sie wie meine Verwandten. Etliche von ihnen klagen über die Gemeinde: Sie wollen nicht ewig wie Russen behandelt werden, sie wollen sich wie Juden fühlen.

Fussball

Israel triumphiert gegen Österreich

Das ÖFB-Team verliert ausgerechnet gegen die vom Österreicher Andreas Herzog betreuten Israelis

 24.03.2019

Fußball

Eklat in der Oberliga

Torwart soll antisemitische Fotomontage gepostet haben. Askania Bernburg trennt sich von dem Spieler

 18.03.2019

Fußball

Hass-Tweet gegen Cohen

Der israelische Profi vom FC Ingolstadt wird massiv judenfeindlich beschimpft. Jetzt ermittelt der Staatsschutz

 09.03.2019