11. September

Betroffen

von Tobias Kaufmann

»Nichts wird mehr so sein, wie es einmal war.« Die Befürchtung, die nach dem 11. September 2001 die Runde machte, war unbegründet. Dennoch ist der Alltag in Zeiten des Terrors ein anderer. Für die Juden in den USA gilt das besonders. Fünf Jahre danach beschäftigt sich die jüdische Gemeinschaft wieder vor allem mit den Themen, die sie schon vor 9/11 bewegten, zum Beispiel der Herausforderung, bei einer weiter steigenden Zahl interreligiöser Ehen eine jüdische Identität zu bewahren. Andererseits ist auch für die Juden, die viel selbstverständlicher in die US‐Gesellschaft integriert sind als in der europäischen Diaspora üblich, die Frage »Wie hältst Du’s mit Israel?« durch die islamistische Bedrohung zentraler geworden.
Das Gefühl, direkt angegriffen worden zu sein, ist in der jüdischen Gemeinschaft stark verbreitet. Immer wieder bemühen amerikanische Juden einen Vergleich mit der Schoa. So sagte der Rabbiner des New Yorker Police Departments, Alvin Kass, 2002 am Jahrestag der Anschläge: »Dies ist unser amerikanischer Holocaust.« Fred Gompertz, der die Reichspogromnacht als Kind in Gelsenkirchen erlebt hatte und am 11. September von seiner Wohnung aus mit ansah, wie Menschen aus den Fenstern des brennenden World Trade Centers (WTC) sprangen, sagte: »Am 11. September wurde ich zum zweiten Mal in meinem Leben beschädigt.« Auch Julia Millman erinnerte die Stimmung in New York an Europa zur Zeit des Holocaust. »Ich habe das schon mal gesehen, ich weiß, worum es hier geht«, sagte die 76jährige, die Auschwitz überlebt hat und ihren Sohn Ben im WTC verlor.
Die Vereinigung der amerikanischen Gemeinden vergleicht die Anschläge offiziell mit Ereignissen wie dem japanischen Angriff auf den US‐Stützpunkt Pearl Harbor oder die Ermordung von US‐Präsident John F. Kennedy. Nach 9/11 hat der Dachverband den Sicherheitsaufwand für die eigenen Einrichtungen erhöht. Zudem engagierten sich jüdische Gruppen humanitär, sozial und kulturell für jüdische und nichtjüdische Betroffene der Anschläge. Einen zweistelligen Millionenbetrag aus Spenden und Eigenmitteln stellten jüdische Organisationen über Stiftungen und Hilfsfonds zur Verfügung, Hunderttausende Menschen bekamen beispielsweise Hilfe bei der Verarbeitung eines 9/11‐Traumas.
Der »Krieg gegen den Terror« hat die jüdische Gemeinschaft in den USA aber auch selbst aufgewühlt. Der Widerspruch zwischen außenpolitischen und innenpolitischen Überzeugungen trat bei der vergangenen Präsidentenwahl zutage. Obwohl die Mehrheit der amerikanischen Juden traditionell demokratisch wählt, weil sie beispielsweise zu Themen wie Abtreibung, Trennung von Religion und Staat oder Bürgerrechten liberale Positionen vertritt, bekam der Republikaner George W. Bush für seine israelfreundliche Haltung und den Kampf gegen den Terror ungewohnt viele jüdische Stimmen. Andererseits waren seine innenpolitischen Maßnahmen wie der »Patriot Act« 2003 in jüdischen Organisationen als Bedrohung für die Bürgerrechte höchst umstritten. Besonders hart trifft deshalb viele amerikanische Juden, daß sie seit dem 11. September ständige Zielscheibe antisemitischer Verschwörungstheorien sind (siehe unten). Der Haß kommt aus allen politischen Richtungen und, trotz zahlreicher Dialogprojekte, von Muslimen. Wachsender Antisemitismus ist auch in den USA eine Begleiterscheinung des islamistischen Terrors und des Kampfes gegen ihn. Mit Aufklärung und Skandalisierung, aber auch mit Witz versuchen amerikanische Juden, auf den Haß zu reagieren. So haben die Journalisten Joshua Neuman und David Deutsch Das große Buch der jüdischen Verschwörungen veröffentlicht.
Fünf Jahre danach ist der 11. September aber auch unter Amerikas Juden vor allem für die Angehörigen der Opfer ein besonderes Datum. Denn für sie ist seit diesem Tag tatsächlich nichts mehr wie es einmal war. (mit jta)

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