Polen

Beten zwischen Akten

Polens Oberrabbiner Michael Schudrich steigt auf zwei zusammengerückte Stühle. Er versucht, sich trotz des aufgeregten Stimmengewirrs Gehör zu verschaffen. Die Zeit drängt, denn es sind nur noch wenige Minuten bis zum Beginn des Schabbats. »Nowa linia«, ruft Schudrich, »neue Linie«, und dirigert die Männer nach vorne und die Frauen nach hinten. Doch das Staatsarchiv im ostpolnischen Kielce ist bereits so überfüllt, dass es nicht mehr alle Männer über die »neue Linie« schaffen, die sich zwischen den mit Packpapier verhängten Regalen be‐
findet. Egal, der Gottesdienst muss beginnen, Schudrich ruft mehrfach »Schabbat Schalom«, und allmählich kehrt Ruhe ein.
Als Erster ergreift Rechtsanwalt Michael H. Traison das Wort. Sichtlich bewegt weist der 63‐jährige Amerikaner, der in Warschau eine Kanzlei unterhält, auf den besonderen Augenblick hin: Heute, am 16. Oktober, wird zum ersten Mal seit dem Zweiten Weltkrieg an diesem Ort wieder ein Schabbatgottesdienst gehalten. Das Staatsarchiv, in dem seit 1951 Akten und Dokumente gelagert werden, war einst eine Synagoge. Sie war Anfang des 20. Jahrhunderts für die stetig wachsende jüdische Gemeinde in Kielce erbaut und von den deutschen Nationalsozialisten 40 Jahre später wieder zerstört worden.
Traison lädt seit einigen Jahren Juden und Nichtjuden in polnische Städte ein, in denen das einst blühende jüdische Leben im Holocaust vollständig vernichtet wurde. Traisons Anliegen: die Erinnerung an das vernichtete »Jiddischland« zu pflegen, Kontakte zwischen Juden und Christen zu fördern und zu zeigen: »Am Israel chaj« – das Volk Israel lebt.
An diesem Wochenende findet der Schabbaton in Kielce statt, einer 200.000-Einwohner-Stadt, die auf halbem Wege zwischen Warschau und Krakau liegt. Vor dem Einmarsch der deutschen Wehrmacht lebten hier rund 18.000 Juden – ein Drittel der Bevölkerung. Am 4. Juli 1946 geschah hier das größte Pogrom der Nachkriegszeit: Über 40 Juden, die nach dem Holocaust zurückgehrt waren, wurden von einem polnischen Mob ermordet, weitere 80 verletzt.
Über Jahrzehnte sei das Pogrom ein Tabu in der Stadt gewesen, sagt Bogdan Bialek, Vorsitzender der örtlichen Jan‐Karski‐Gesellschaft und Mitveranstalter des Schabbatons. Erst nach Ende des Kommunismus, in den 90er‐Jahren, habe sich die Stadt dem schrecklichen Geschehen gestellt. Bialek gehört zu denen, die sich für einen offenen Umgang mit der Geschichte einsetzen. Mit seinem Bruder hat er dafür gesorgt, dass in Kielce ein Denkmal für die ermordeten Juden errichtet wurde. Der Schabbaton in Kielce ist für ihn ein Zeichen, dass sich das Verhältnis zwischen Juden und Polen weiter entspannt, was nicht zuletzt daran deutlich werde, dass der Oberbürgermeister der Stadt das Ereignis unterstütze.
Doch nicht nur die lokale Politik würdigt das Treffen, das von zahlreichen kulturellen Veranstaltungen umrahmt wird, sondern auch Polens Staatspräsident Lech Kaczynski: Er lässt beim offiziellen Eröffnungsakt im Kielcer Rathaus eine Grußbotschaft verlesen, in der er das Pogrom von 1946 als »Schande und Tragödie für Polen« verurteilt und den Schabbaton als Beitrag für ein »neues polnisch‐jüdisches Bewusstsein« würdigt.
Wie sehr der erste Gottesdienst seit über 60 Jahren an diesem Ort die Teilnehmer aufgewühlt hat, wird im Anschluss beim Kiddusch deutlich. Viele haben weite Wege auf sich genommen, um nach Kielce zu kommen: Sie sind aus Belgien, den USA, Israel und aus ganz Polen angereist wie etwa Adam Lidner von der kleinen jüdischen Gemeinde in Kattowitz, der sich freut, anderen Juden zu begegnen. Wie der israelische Rabbi Schlomo Brin, der davon berichtet, wie er am Vormittag unweit von Kielce seines dort ermordeten Großvaters gedacht hat.
Oder wie Yael Krauss aus Jerusalem, deren Familie aus Kielce stammt: Von acht Geschwistern, erzählt sie, hätten nur ihre Großmutter und eine weitere Schwester die Schoa überlebt. Sie hoffe, in Kielce auf Spuren ihrer Familie zu treffen, denn sie wisse nichts über sie, »das ist schrecklich«. Polen und Juden, sagt später Michael H. Traison, seien wahrscheinlich die einzigen Nationen, die selbst an einem solch feierlichen und fröhlichen Tag wie diesem in Tränen ausbrechen. Uwe von Seltmann

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