bekenntnis

Berlin, mon amour

Ich liebte Berlin und liebe es noch, und ich werde nie mit dem Rätsel fertig, das die einstige Reichshauptstadt und heutige Hauptstadt des wiederverei‐nigten Deutschland für mich darstellt. Ich kann stundenlang in der Paris Bar oder im Café Einstein sitzen und unermüdlich die Paare junger – freundlicher, freier, ernster – Deutscher mit allen Bildern meiner weit zurückreichenden Erinnerungen vergleichen. Nach 1948 war ich öfter in Berlin, doch ein paar Jahre nach dem Fall der Mauer, während einer Fahrt auf der Spree, überraschte mich die – leichte, ätherische, erfindungsreiche – Architektur des neuen Berlin, die das in Ruinen liegende Berlin und seinen ersten Wiederaufbau herausforderte, so als zwinge die Geschichte diese Metropole zu ständigem Neubeginn. Bereits 1989 hatte ich das Bauhaus‐Archiv entdeckt, am Landwehrkanal, in den die ermordete Rosa Luxemburg geworfen wurde. (Mein Freund Marc Sagnol, der in Deutschland und Osteuropa emsig nach jüdischen Spuren sucht, hat mir die Stelle gezeigt. Dorthin gehe ich jedes Mal, wenn ich in Berlin bin, ohne eigentlich zu wissen, warum. Das ist wie eine innere Verpflichtung, der ich mich nicht entziehen kann.)

geschichtsbrachen Ich denke auch an andere Brachen, große verwahrloste Flächen im Herzen der Stadt an beiden Seiten der Mauer. In den endlosen Jahren des Kalten Krieges war ich öfter in Ostberlin, aber nie an diesen verbotenen Orten im Sperrgebiet. Doch eben hier befanden sich die Naziinstitutionen. Wenn ich diese Orte gesehen hätte, bevor ich Shoah drehte,wäre ich gewiss nicht imstande gewesen, sie zu deuten und zu entschlüsseln. Durch Shoah hat sich mein Blick geschärft und sensibilisiert. Die Prinz‐Albrecht‐Straße sagte mir etwas. Dort und in ihrer Umgebung lagen das Reichssicherheitshauptamt, das Auswärtige Amt, die Gestapo – das Zentrum des Hitlerschen Totalitarismus. Wenn man auf einer solchen Ödfläche ein paar Stufen hinabstieg, gelangte man zu einer kleinen unterirdischen Ausstellung, ein paar nicht allzu große Räume mit Fotos, bekannten und unbekannten, begleitet von maßvollen und aussagestarken Texten. Das war die Topographie des Terrors. Ich fragte mich, welche Deutschen auf diese Idee gekommen waren, und ohne sie zu kennen, empfand ich für sie lebhafte Sympathie. Die Vergangenheit lebte wieder auf durch diese Räume, die man in diesem Niemandsland geöffnet hatte, das keiner beanspruchte und wo alles möglich schien. Damals begriff ich, dass Berlin eine unvergleichliche Stadt war, denn durch diese urbane Landschaft hindurch konnte man die ganze Vergangenheit unserer Zeit erfassen, ihre verschiedenen Schichten – das Berlin Kaiser Wilhelms, das Berlin der Nazis, das Berlin der Alliierten, das Berlin der Kommunisten –, die nebeneinander existieren, sich vereinen und zu etwas verschmelzen, was in der Geschichte des 20. Jahrhunderts einzigartig ist. Für mich gab es dort so etwas wie ein Wunder der Erinnerung, ein bedrohtes Wunder, das man um jeden Preis beschützen musste. Ich dachte, wenn die Planer und Architekten des neuen Berlin ihre Verantwortung vor der Geschichte wahrnehmen wollten, dürften sie das hier nicht antasten, sondern müssten eine Leerstelle im Herzen der Stadt bewahren, dieses Loch, das ich für mich als »Gedächtnislücke« bezeichnete. Darüber sprach ich auch auf einem Kolloquium, ohne die geringste Hoffnung, denn das letzte Wort haben die Immobilienmakler, und der volle Raum ist stärker als die Leere. Heute gibt es meine erträumte »Lücke« nicht mehr, dort befindet sich jetzt der neue Potsdamer Platz mit seiner futuristischen und oft bewundernswerten Architektur.

edelhuren Tatsächlich habe ich Berlin vom ersten Jahr an geliebt. Ich hatte vor dem Osten keine Angst mehr. Der Zusammenbruch des Dritten Reichs und die Kapitulation weckten bei den Berlinern ein hemmungsloses, wildes Freiheitsgefühl, das mit einer verblüffenden Disziplin und Courage einherging. Tag und Nacht klopften die »Trümmerfrauen« Ziegel ab und stapelten sie an den Kreuzungen zu hohen Pyramiden. Die Häuser am Kurfürstendamm waren scheinbar unversehrt, aber das war nur Dekoration. Hinter der Fassade fand man meistens Stützbalken, die sie senkrecht hielten. Doch in manchen Etagen gab es weiträumige, tiefe Wohnungen, die nahezu heil oder bereits saniert waren. Ich erinnere mich an die eines griechischen Konsuls namens Papaiannou, der deutscher als die Deutschen war und mich zu großen Festessen mit maßgeblichen Chirurgen, An‐ wälten und neureichen Immobilienspekulanten einlud – sie drängten sich geradezu, und während sie große Reden hielten, pressten ihre eleganten Frauen in Winkeln oder Toiletten ihren roten, gefräßigen Mund auf meine Lippen und steckten mir ihre hastig auf einen Zettel geschriebene Telefonnummer zu. So lernte ich die Gräfin B. kennen, eine stolze Schönheit, die sich als Hure entpuppte – als wir zum ersten Mal im Bett lagen, verlangte sie Geld von mir. Der Graf hatte die jämmerliche Miene eines geprügelten Hundes, und es war schwer zu sagen, ob er wusste, dass er eine Hure geheiratet hatte, oder ob sie eine Hure wurde, weil Deutschland zusammenbrach und die gräflichen Werke in Trümmern lagen. Sie wurden wieder aufgebaut. Die Industrie steht immer wieder auf.

kz‐überlebende In verschneiten Westberliner Straßen sah man Männer mit Mützen, Stiefeln und bunt zusammengewürfelter Kleidung, die in allen Sprachen und oft auf Jiddisch redeten. Sie waren 1945 aus den Deportiertenlagern gekommen, DPs –Displaced Persons, verschleppte Personen, viele davon Juden. Seit drei Jahren warteten sie auf Amerika, Australien oder Israel. Sie fühlten sich wohl in Berlin, denn dort waren sie unantastbar. Nach dem, was sie erlebt hatten, standen sie über dem Gesetz. Das Gesetz konnte sie nicht erreichen, außerdem wusste man nicht mehr genau, was das Gesetz war. Sie machten Schwarzmarktgeschäfte mit allem, mit amerikanischen Zigaretten, Rohstoffen, Aktien –selbst japanischen – zu ihrem niedrigsten Kurs, von denen sie wussten, dass sie wieder steigen würden. Einige wurden sehr reich. Yossele Rosensaft, genannt »the king of Belsen«, weil er alle Misshandlungen im KZ Bergen‐Belsen überstanden hatte, ein unbeugsamer, hochintelligenter kleiner Mann, begründete so sein Vermögen. Bei meinen Vorarbeiten für Shoah besuchte ich ihn in seinem New Yorker Apartment in der 71. Straße, Ecke Madison Square, wo er mir seine kostbare Sammlung französischer Impressionisten zeigte. Wir stellten fest, dass wir zur gleichen Zeit in Berlin gewesen waren. Er beging Selbstmord in London, in einer Suite des Savoy. Auch in anderen deutschen Großstädten, in Frankfurt, Hamburg oder München, erblickte man DPs. Manche schufen sich auf bemerkenswerte Weise eine neue Lebensgrundlage in Deutschland, wo sie den Kern der jüdischen Gemeinde bildeten.

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