Aleph-Seminar

Belächelt und gepriesen

von Sue Fishkoff

Karyn Berger, eine zierliche dunkelhaarige Frau mit einem königsblauen Gebetsschal stellt sich und ihre vier Kollegen vor. Sie alle stehen kurz davor, zu spirituellen Führern der Jewish‐Renewal‐Bewegung ordiniert zu werden: zwei Rabbiner, zwei rabbinische Seelsorger und ein Kantor.
„Wir wurden in Österreich, Budapest, der Bronx, in Toronto und Oklahoma geboren“, beginnt sie. „Wir sind atheistisch, reform‐koscher, sozialistisch‐zionistisch aufgewachsen. Zwei von uns haben eine orthodoxe Jeschiwa besucht. Unser Durchschnittsalter liegt bei 49, und alle zusammen genommen sind wir 75 Jahre verheiratet.“
Während das Gelächter abklingt, fährt Berger, Doktorandin in mittelalterlicher arabischer und hebräischer Dichtung, mit größerem Ernst fort. „Alle fünf von uns fühlten in uns die Berufung, Seelen zu heilen, dem jüdischen Volk zu dienen, und hier sind wir.“
Diese persönliche, emotionale Zeremonie am 7. Januar – Höhepunkt der jährlichen Ohalah‐Tagung des Verbands der Renewal‐Rabbiner – steht im Einklang mit der Mission von Jewish Renewal. Es ist eine egalitäre, neochassidische jüdische Bewegung, die größere interne Geschlossenheit und eine Vereinheitlichung ihrer rabbinischen Ausbildung anstrebt.
Oft als „New‐Age‐Judentum“ belächelt oder gepriesen, konzentriert sich Renewal auf den Umweltschutz und den unmittelbaren spirituellen Kontakt mit dem Göttlichen. Die Bewegung gehört der sich ausbreitenden Welt eines konfessionsüber‐ greifenden Judentums an, der wachsenden Anzahl von Synagogen, Rabbinern und Gebetsgruppen, die den Anschluss an eine der jüdischen Hauptströmungen meiden.
Renewal ist keine Konfession, sondern der Versuch, jüdisches Leben durch die Betonung seiner spirituellen Tiefen wiederzubeleben, sagt Rabbinerin Marcia Prager, Dekanin des rabbinischen Programms von „Aleph“, der Allianz für jüdische Erneuerung. Das Konzept wurde vor vier Jahrzehnten von Rabbiner Zalman Schachter‐Shalomi, einem ehemaligen Chabad‐Luba‐ witscher Rabbiner, entwickelt, der auch heute noch spirituelles Oberhaupt der Bewegung ist.
Derzeit gehören der Bewegung nach eigenen Angaben 40 Gemeinden an. Seit 1974 wurden 98 Rabbiner und Rabbinerinnen, drei Kantoren und elf rabbinische Seelsorger ordiniert.
„Aleph“ unterscheidet sich von anderen Rabbinerseminaren dadurch, dass es nicht ortsgebunden ist. Für jeden Schüler wird ein Programm maßgeschneidert, das von einem Betreuungskomitee entwickelt und beaufsichtigt wird. Ein solches Programm kann Kurse an anderen Seminaren, an Synagogen und Universitäten einschließen, ebenso Kurse per Telekonferenz, die von „Aleph“-Lehrern geleitet werden.
Neben Hebräischkursen, Seminaren zu jüdischen Schriften, zur Geschichte und Philosophie und Berufsbildungskursen studieren Renewal‐Studenten chassidische Literatur und Philosophie, Meditation und Gebet. Jedem Studenten ist ein Maschpia, ein Mentor, zugeordnet, der die persönliche religiöse Entwicklung des Schülers betreut. Das Maschpia‐System ist überall in der chassidischen Welt verbreitet.
„Natürlich müssen die Studenten die Bibel und den Talmud kennen, aber wir haben geistliche Begleitung zum Herzstück der Ausbildung gemacht“, sagt Rabbi Victor Gross, ein ehemaliger Rabbiner der Konservativen Bewegung, der jetzt dem „Aleph“-Lehrerkomitee angehört. Während andere Seminare sorgfältig strukturierte Fünf‐Jahres‐Programme anbieten, kann ein „Aleph“-Kurs zwei bis zehn Jahre oder länger dauern. Nur wenige studieren ganztags. Die meisten Studenten sind bereits älter und können Familie und Beruf nicht einfach zurücklassen, um ein Seminar zu besuchen. „Viele, die wir ordinieren, arbeiten nicht als Vollzeitrabbiner“, erklärt „Aleph“-Schatzmeister David Rafsky. „Sie tun es aus Liebe.“
So waren in der Klasse im Jahr 2005 unter den zehn Rabbinatsstudenten ein Arzt, zwei Rechtsanwälte und drei Promovierte. Einer der Rechtsanwälte war Eli Cohen, früher Pflichtverteidiger in Santa Cruz, Kalifornien, wo er jetzt als Renewal‐Kanzelrabbiner dient. Als Cohen sich für jüdische Studien zu interessieren begann, kam er zu der Überzeugung, dass Renewal seinen spirituellen Neigungen am besten entsprach. „Ich wollte meinem Herzen folgen, und das bedeutete: Renewal.“
Laura Kaplan war jahrelang Philosophie‐Professorin an der University of North Carolina, wo sie vor zwei Jahren ihre Renewal‐Ordination erhielt. Sie gab ihren sicheren Lehrstuhl auf, weil es, wie sie sagt, etwas Zwingendes für sie hatte, „die akademische Welt zu verlassen und in die Welt des Geistes einzutreten und den Menschen zu dienen.“
Daniel Siegel, der 1974 als Erster von Schachter‐Shalomi zum Renewal‐Rabbiner ordiniert wurde, sagt, dass der Schwerpunkt bei „Aleph“ in der Seelsorge liege. „Wir wollen Menschen ausbilden, die von der Idee, anderen Menschen zu dienen, motiviert sind“, sagt er. Die Leiter anderer Seminare äußern jedoch Bedenken gegen „Aleph“, nicht weil sie an der Qualität oder der Aufrichtigkeit von Studenten und Lehrkörper zweifeln, sondern wegen der fehlenden Standards. Rabbiner Dan Ehrenkrantz, Präsident des Reconstructionist Rabbinical College, merkt an, „Aleph“ habe nicht um Akkreditierung nachgesucht. Sich auf Fernstudien zu verlassen, hält er für fragwürdig. „Es ist ja nicht ohne Grund, dass unser Programm fünf oder sechs Jahre dauert“, sagt Ehrenkranz. „Wir wollen, dass Menschen Sozialisierungserfahrungen machen, die für die Herausbildung einer rabbinischen Identität entscheidend sind.“
„Wenn jemand ‚Rabbiner‘ genannt wird, setzt dies Frömmigkeit und eine profunde Kenntnis der jüdischen Texte sowie der jüdischen Tradition, darüber hinaus Moral, Integrität und Führerschaft voraus“, sagt Rabbiner William Lebeau, Dekan der rabbinischen Schule am Jewish Theological Seminary der Konservativen Bewegung.
Potenziellen Studenten, die sich mit dem Ziel bei „Aleph“ anmelden, Kanzelrabbiner zu werden, wird empfohlen, sich zusätzlich an einem anderen Seminar einzuschreiben, um ihre beruflichen Chancen zu erhöhen. Viele haben diesen Rat befolgt und erhielten am Ende ihres Studiums eine doppelte Ordination.
Jedoch „der Schlüssel zu Renewal ist Autonomie“, sagt Rabbiner Schachter‐Shalomi. „Wir bringen das Herz in die Sache. Wir bringen Mitgefühl hinein.“ Ganz egal was andere Strömungen darüber denken.

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