Nürnberg:

Begegnen und lernen

von Andreas Franke

Sechseinhalb Jahre und 111 Veranstaltungen hat es gedauert, bis sich das Nürnberger »Forum für jüdische Geschichte und Kultur« einen großen Traum erfüllen konnte. Seit dem 28. März gibt es in der früheren Stadt der Nazi-Reichsparteitage und der Rassengesetze ein »Zentrum für jüdische Geschichte und Kultur«. Die Räume der Einrichtung liegen nahe der Stelle, an der bis August 1938 die Hauptsynagoge stand. Noch vor der Reichspogromnacht hatte Julius Streicher sie in seinem unbändigen antisemitischen Haß abreißen lassen. Nun sollen sich in der neuen Begegnungsstätte möglichst viele Menschen, die an der jüdischen Geschichte, Kultur und Religion interessiert sind, treffen und miteinander diskutieren.
»Mit Bedauern stellen wir fest, daß es in unserer Stadt, die sich der Demokratie und den Menschenrechten verpflichtet sieht, keinen Ort gibt, an dem Bürger und Besucher dem Judentum in seinen vielfältigen Facetten begegnen können.« Diesen Satz zitierte Leibl Rosenberg, Vorsitzender des Forums, bei der Einweihungsfeier des neuen Zentrums aus der Gründungspräambel der Vereinigung. Begonnen hat alles im Dachgeschoß eines Schwesternwohnheims. Dort riefen am 23. November 1999 neun Enthusiasten das Forum ins Leben, mit dem Ziel, irgendwann einmal ein eigenes jüdisches Zentrum in Nürnberg zu gründen.
Es folgten die bereits erwähnten 111 Veranstaltungen. Dazu gehörten Exkursionen in die jüdische Geschichte und Gegenwart ebenso wie gemeinsame Chanukka-, Purim- und Sukkot-Feiern. Zuletzt gab es einen Vortrag über den TuS Bar Kochba Nürnberg e.V., den jüdischen Sportverein, der 1913 gegründet, 1939 von den Nazis aufgelöst und erst 1969 wiedergegründet wurde. »Unser Forum hat sich der Begegnung von Menschen auf dem wahrlich heiklen und emotionsgeladenen Feld des Judentums verschrieben«, betont Rosenberg. Dazu gehört im Jahr der Fußball-Weltmeisterschaft, deren einer Austragungsort Nürnberg sein wird, auch die Geschichte dieses jüdischen Sportvereins.
Aber ebenso greift das Forum kulturelle, medizinische, historische und künstlerische Themen auf. Das Judentum soll dabei, so betont Leibl Rosenberg, nicht auf die zwölf Jahre von 1933 bis 1945 reduziert werden. Es sei auch »kein Fall für die Museumsvitrine, für nostalgische Reminiszenzen oder betuliches Mitleid«. »Bei uns begegnen sich Menschen unterschiedlicher Generationen, Glaubensbekenntnisse und politischer Überzeugungen.« Fast wie nebenbei seien auf diese Weise nicht nur Wissen und Verständnis füreinander gewachsen, sondern auch tiefe Freundschaften entstanden zwischen Menschen, die sonst wohl kaum einander begegnet wären.
Für den Vorsitzenden der Israelitischen Kultusgemeinde, Arno Hamburger, ist das neue Zentrum »gerade an dieser Stelle« daher auch ein wichtiger Baustein des jüdischen Lebens in der Stadt. Der heute 83jährige hat als Junge mit ansehen müssen, wie die Synagoge zerstört wurde. »Sie war so etwas wie der Höhepunkt jüdischen Lebens in Nürnberg. Nun steht dort der Gedenkstein am Leo-Katzenberger-Weg. Und die Vernichtung Katzenbergers durch die Nazis war ein Tiefpunkt der Zeit«, beschreibt er seine Gefühle und die Genugtuung über die neue Einrichtung an dem Ort. Für den Stadtrat Jürgen Fischer, eines der neun Gründungsmitglieder, ist das Zentrum ein »Stück Selbstverständlichkeit im Zusammenleben«. Und Julia Lehner, ebenfalls Mitbegründerin und heute Kulturreferentin der Stadt, freut sich: »Das Zentrum liegt mitten in der Stadt, im Herzen Nürnbergs. Das hat großen Symbolcharakter.«

Zentrum für jüdische Geschichte und Kultur, Heilig-Geist-Haus, Hans-Sachs-Platz 2, 90403 Nürnberg, Telefon 09 11/ 242 78 57

Feiertage

Chatima towa, oder was?

Was von Rosch Haschana über Jom Kippur bis Sukkot die korrekte Grußformel ist

von Rabbiner Yaacov Zinvirt  11.09.2026 Aktualisiert

Sachsen-Anhalt

BSW will AfD-Landtagspräsidenten mitwählen

Bundesweit ist es der AfD noch nie gelungen, das Amt eines Parlamentspräsidenten zu übernehmen – auch wenn sie die stärkste Partei war. Das könnte sich in Sachsen-Anhalt jetzt ändern

 08.09.2026

Bayern

Innenminister Herrmann geht von Brandanschlägen auf Rüstungsunternehmen aus

Nach einer Brandattacke auf eine Münchner Baustelle geht Bayerns Innenminister Herrmann von einem Anschlag mit politischem Hintergrund aus - und sieht ein größer werdendes Risiko

 03.09.2026

Berlin

Chabad-Gemeinde feiert 30-jähriges Bestehen

Musik, Street-Food und ein Festakt: Die jüdische Chabad-Gemeinde in Berlin hat ihr 30-jähriges Jubiläum gefeiert. Dabei gab es auch einen virtuellen Ausblick auf ein großes Bauprojekt, das nächstes Jahr starten soll

 30.08.2026

Westjordanland

Auslandspresseverband in Israel fordert Schutz für Journalisten

Gewalttätige Siedler attackieren US-Journalisten im Westjordanland – der Auslandspresseverband warnt vor einem gefährlichen Trend

 30.08.2026

Antisemitismus

Ire in Frankreich verhaftet, nachdem er gedroht hatte, jüdisches Paar zu ermorden

Nachdem der Australier und seine Frau aus dem Tunesien-Urlaub zurück waren, gingen sie zur Polizei

 27.08.2026

Desinformation

Was steckt hinter dem International Burke Institute?

Die KI-Firma OpenAI hat nach eigenen Angaben eine verdeckte russische Beeinflussungskampagne aufgedeckt, die sich als israelisch inszeniert haben soll

 26.08.2026

Würdigung

Hamburg ehrt Esther Bejarano und Jina Mahsa Amini

In der Hansestadt gibt es künftig eine Esther-Bejarano-Straße und einen Jina-Mahsa-Amini-Park

 24.08.2026

Nahost

Israel soll Militärflugplatz in Nordsyrien attackiert haben

Israel hat seit dem Umsturz wiederholt auch Ziele in Syrien ins Visier genommen. Nun wird ein erneuter Angriff gemeldet. Der US-Sondergesandte für Syrien übt deutliche Kritik

 18.08.2026