geschichte

Ausweg der Verzweifelten

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Ausweg der Verzweifelten

Das Centrum Judaicum erforscht Selbstmorde von Juden zur NS‐Zeit

von Thomas Kunze

Der Grabstein von Charlotte und Leopold Jacob auf dem Jüdischen Friedhof in Berlin‐Weißensee: Als Sterbedatum ist der 21. Mai 1940 eingemeißelt. „Auf diesem Friedhof gibt es viele solcher Grabsteine“, sagt Anna Fischer bewegt. „Charlotte und Leopold Jacob gehören zu jenen Berliner Juden, die während der Naziherrschaft vor Verzweiflung in den Tod gegangen sind.“
In einem bundesweit einzigartigen, von der Europäischen Union finanzierten Projekt erforscht die Stiftung Neue Synagoge Berlin – Centrum Judaicum dieses Thema. Fischer hat dafür Zeitzeugen und Angehörige der Opfer befragt und historische Quellen ausgewertet. „Wir gehen davon aus, daß sich in Berlin rund 1600 jüdische Menschen zwischen 1938 und 1945 das Leben nahmen“, erläutert sie. „Die Dunkelziffer ist hoch, vermutlich sind damals wesentlich mehr Berliner Juden durch die immer schlimmer werdende Verfolgung und Entrechtung in den Freitod getrieben worden.“
Hermann Simon, Direktor des Centrums, hat einen schweren Aktenband aufgeschlagen, das Aufnahmebuch des Jüdischen Krankenhauses. Auf beinahe jeder Seite der Jahre 1941 bis 1943 finden sich Eintragungen wie „Schlafmittelvergiftung“, „Pulsadern aufgeschnitten“ oder „Freitod“. Martha Liebermann, Witwe des Malers Max Liebermann, teilte dieses Schicksal. Die Gestapo notierte später, Martha Liebermann habe sich am 5. März 1943 „aus Furcht vor der Evakuierung“ mit einer „Überdosis Veronal“ das Leben genommen. Sie starb am 10. März 1943 im Jüdischen Krankenhaus. Bruno Rothstein, einst Direktor der Dresdner Bank, und seine Frau Ida töteten sich am 1. Oktober 1942 selbst. Am 16. November 1942 nahm sich Else Schragenheim mit Leuchtgas das Leben. Sie war die Tante von Felice Schragenheim, der „Jaguar“ aus dem verfilmten Buch Aimée und Jaguar.
„In den Todesanzeigen der Zeitungen – es gab ohnehin nur noch das Jüdische Nachrichtenblatt – wurde nie von Selbstmord gesprochen“, sagt Fischer. „Die Angehörigen hatten Angst vor der Gestapo, die diese Vorfälle genau beobachtete.“
Zu den Motiven für das Projekt erklärt Simon: „Wir hatten den Eindruck, daß diese Menschen nicht ausreichend als Opfer gewürdigt werden, ja daß sie vielfach vergessen sind.“ Jetzt sei die letzte Chance, diese Opfer des NS‐Regimes in die Erinnerung zurückzuholen.
Dabei sind die Forscher auf Hilfe angewiesen. Fischer steht beispielsweise in Verbindung mit Yvonne Weinsberg, die in den USA aufgewachsen ist. Deren Mutter, Ingeborg Vormerker, entkam dem NS‐Wahn. Die Großmutter Ilse Vormerker blieb in Deutschland zurück und tötete sich vor der Deportation am 12. Januar 1943 selbst. Die Enkeltochter schickte Anna Fischer nun Fotos: Ilse Vormerker in glücklichen Tagen 1932 als junge Frau mit Tochter Ingeborg am Ostseestrand von Heringsdorf auf Usedom. „Wir sammeln alles, was wir zu den Schicksalen bekommen können: Unterlagen und Fotos, und wir nehmen Interviews mit Angehörigen auf Tonband auf“, erläutert Fischer. Jedes Mosaiksteinchen helfe.

Wer Informationen oder Dokumente zum Thema hat, wird gebeten, sich as Centrum Judaicum zu wenden, Tel. (030) 88 028 368.

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