Schabbatjahr

Ausgeruht

von Sabine Brandes

Jetzt mundet er ganz besonders. Die ersten erfrischenden Herbstabende sind da, die Blätter an den Bäumen erstrahlen in allen erdenklichen Schattierungen, das Schabbatjahr ist vorbei. Die perfekte Zeit, um sich bei einem Wein zu entspannen. Ob Petit Sirah, Merlot oder Chardonnay – nach dem Ruhejahr des Bodens scheint der Genuss eines guten Glases noch einmal so verlockend.
Jedes siebte Jahr ist ein Schabbatjahr im jüdischen Staat, das sogenannte Schmitta. Das vergangene Jahr war ein solches. In der Tora steht geschrieben, dass das Land in Israel während dieser Ruhephase nicht bestellt werden darf. In biblischen Zeiten war Schmitta eine bedeutende Maßnahme, um Land, Vieh und Mensch eine Unterbrechung von der harten Arbeit zu genehmigen.
Damit die Halacha, das religiöse Gesetz, nicht gebrochen wird, die Bauern dabei je-
doch nicht verarmen, haben sich die geistigen Oberhäupter Lösungen einfallen lassen. Eine ist die Heiter-Mechira-Regelung, bei der das Land symbolisch an Nichtjuden verkauft und weiter bestellt wird. Diese Praxis entstand in den frühen Jahren des 19. Jahrhunderts, als bettelarme Pioniere versuchten, den Boden unter extrem harten Bedingungen fruchtbar zu machen. Zwar stimmen nicht sämtliche Rabbiner aller Strömungen mit dieser Regelung überein, bislang aber ist sie jedes Schmitta erneuert worden.
Auch beim Weinanbau ist Heiter Me-
chira gängige Praxis. Die Weinstöcke werden symbolisch verkauft und weiter bearbeitet. Kellereien, die koscheren Wein herstellen, bauen im Schmitta-Jahr jedoch kei-
ne neuen Reben an.
Adam Montefiore ist einer der führenden Weinkenner Israels. Der gebürtige Londoner arbeitet als Chefentwickler der Weinkellereien Carmel und Yatir. Letztere ist eine der neuen Boutiquekellereien, die in den vergangenen Jahren überall im Land wie Pilze aus dem Boden schossen. Um die 200 sollen es derzeit bereits sein. Carmel ist der größte und historisch be-
deutendste Weinproduzent. Gegründet in den 1880er Jahren von der weltberühmten Rothschild-Familie hat Carmel eine Ge-
schichte, die untrennbar mit Israel verwoben ist. Beide Kellereien, für die Montefiore arbeitet, stellen koscheren Wein her. Warum? »Weil es normal und natürlich ist, in Israel koscheren Wein zu machen«, meint er. Dazu gehört auch die Beteiligung am Schmitta. Der Experte hält viel davon. »Diese Pause ist gut«, sagt er klar. »Das Land ist uns von Gott gegeben, ebenso wie der siebte Tag der Ruhe.« Sowohl landwirtschaftlich wie spirituell sei ein Schabbatjahr von großer Bedeutung. Man könne danach frisch und ausgeruht neu mit dem Anbau beginnen. »Spiritualität statt Materialismus. Das ist sehr wichtig, gerade in unserer hektischen Zeit.« Die Weinkellereien halten sich an das Schmitta entsprechend der rabbinischen Vorgaben. Natürlich sei es ein Kompromiss und nicht mehr, was es zu biblischen Zeiten war, er-
klärt er. Schmitta sei heute mehr Symbol als reelle Praxis. »Aber es ist ein durchaus wichtiges Symbol.«
Israelischer und koscherer Wein könne durchaus mit den hochwertigen Weinen der Welt mithalten, ist Montefiore überzeugt. In den letzten zehn bis 15 Jahren habe eine regelrechte Revolution in der Weinwelt hierzulande stattgefunden. Der Reb-
saft habe sich derart weiterentwickelt, dass er sich hinter italienischen, französischen oder kalifornischen Marken nicht mehr verstecken müsse. Dafür sorgen innovative Weinbauexperten: »Carmel etwa hat viele junge, moderne Önologen angestellt.«
Mittlerweile zieht sich eine wahre Weinroute durchs ganze Land. Besonders im Herbst besuchen Zigtausende von Liebhabern die kleinen und großen Kellereien, lassen sich Rebsaft und Käse schmecken. Weinproben werden überall für kleines Geld angeboten. Rustikale Bänke und Tische unter schattigen Olivenbäumen laden zum Verweilen ein.
Ein besonders beliebter Stopp ist die Weinkellerei in Katzrin. Schalom Ahronzon, Kaschrut-Beauftragter der Golan Heights Winery, freut sich über die Besucher. Die Weine des Jahres 5768 werden rechtzeitig zu den nächsten Hohen Feiertagen fertig sein, verspricht er. »Von besonders ausgeruhtem Land«. Dieses Jahr sind 5.500 Tonnen Trauben zu Wein verarbeitet worden. Die ersten guten Tropfen werden in diesen Tagen entkorkt und wollen probiert werden. Den Auftakt macht ein leichter, süßlicher Golan Moskato. Und auch ein heimisches Pendant zum be-
rühmten Beaujolais gibt es: In der dritten Novemberwoche lädt die Kellerei zum Probieren des Gamay Nouveau ein. Ahronzon freut sich: »Wir machen unsere eigene israelische ‚Beaujolais-Party‘ – Lechaim!«

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