Synagogen

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göttingen: Hinter den Fenstern des Restaurants recken Menschen ihre Hälse. Passanten auf der Straße bleiben erstaunt stehen. Der Zug von Mitgliedern der libera‐ len Jüdischen Gemeinde Göttingen und ihren Gästen durch die Stadt zur neuen Synagoge erregt Aufmerksamkeit. Nach einem Festakt in der Aula der Universität mit fast 500 geladenen Gästen, darunter prominenten Vertretern aus Politik und Kirchen, hatten sich viele am Mahnmal eingefunden, das an die Zerstörung der alten Synagoge während der Reichspogromnacht erinnert.
Der Amsterdamer Rabbiner Edward van Voolen, der regelmäßig nach Göttingen kommt, führt den Zug zum jüdischen Zentrum in die Angerstraße 14 an. Rabbinatsstudenten folgen ihm mit dem Baldachin, unter dem Vorstandsmitglieder der Gemeinde Torarollen tragen. Am Eingang des Zentrums gibt es Personenkontrollen. Nur geladene Gäste dürfen den geschotterten Hof betreten. Dort erhebt sich, abseits der Straße, das acht mal acht Meter große Fachwerkgebäude, das bereits von 1825 bis 1937 im nahen Weserort Bodenfelde als Synagoge gedient hatte.
Umgewandelt in eine Scheune überstand es den Naziterror. 60 Personen passen hinein, was den 170 Gemeindemitgliedern ausreicht. Strafgelder für Nichter‐ scheinen beim Gottesdienst gebe es heute nicht mehr, sagt die Vorsitzende, Jacqueline Jürgenliemk, beim Festakt scherzend. Die erste Satzung der Bodenfelder Gemeinde hatte solche vorgesehen.
Die Einweihung der Synagoge möchte Jürgenliemk als Schritt „auf dem langen Weg eines Heilungsprozesses“ verstanden wissen. Der ehemalige Vorsitzende Harald Jüttner dankt dem Förderverein, ohne dessen Hilfe das 500.000-Euro-Projekt nicht realisiert worden wäre. Bereits kurz nach Wiedergründung der Gemeinde 1994 hatten die Planungen begonnen. 1998 wurde die Synagoge gekauft und 2006 nach Göttingen versetzt. 2002 eröffnete die Gemeinde mit Unterstützung des Vereins das Zentrum in der Angerstraße. Michael Caspar

lörrach: Es war ein ebenso feierlicher wie rührender Moment, als am Sonntag‐nachmittag zu Beginn der Eröffnungsfeier der neuen Lörracher Synagoge vier Torarollen von Rabbinern, unter anderen aus Basel, Freiburg und Karlsruhe, mit Singen und Tanzen ins neue Haus eingebracht wurden. Darunter befand sich auch die Tora, die 1938 von engagierten Lörrachern kurz vor der Zerstörung des Gotteshauses in Sicherheit gebracht und über 60 Jahre privat aufbewahrt worden war. Sie geht nun zurück in den Besitz der Israelitischen Kultusgemeinde Lörrach.
Gerade diese Schriftrolle symbolisiere die Verbindung von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft, die sich in Lörrach manifestiere, stellten fast alle Redner, unter ihnen etwa der baden‐württembergische Ministerpräsident Günther Oettinger, fest. Oettinger bezeichnete den Neubau als „Erfolg über die finsteren Vorhaben der Nazis“, denn die „Zerstörer“ hätten nicht das letzte Wort gehabt. Der Ministerpräsident gab bekannt, seine Landesregierung biete den beiden jüdischen Landesverbänden einen Staatsvertrag an.
Applaus bei der vom Baseler Synagogenchor umrahmten Feier brandete auch auf, als Wolfgang Fuhl, Präsident des Oberrats der Israeliten Badens bekannt gab, dass Rabbiner Benjamin Soussan vom Oberrat soeben den Titel eines Landesrabbiners verliehen bekomme. Als erste Amtshandlung sprach der so Geehrte die religiösen Eingangsworte und brachte als Gastgeschenk die Mesusa mit. Soussan sprach von der „Sehnsucht nach einem jüdischen Haus“, die nun mit diesem Neubau gestillt worden sei.
Beeindruckend dann auch der Auftritt des aus Lörrach stammenden, heute in den USA lebenden 86‐jährigen Rabbiners Max Selinger, der sich wünschte, dass die „Wunden der Zerstörung“ bald vernarben. Selingers Auftritt stand für den Besuch zahlreicher ehemaliger Lörracher, die für die Eröffnung der Einladung ins Dreiländereck gefolgt waren. Die meisten von ihnen werden noch einige Tage in Lörrach bleiben, um auch am weiteren Programm rund um die Synagogen‐Eröffnung teilzunehmen. Peter Bollag

speyer: Die Grundsteinlegung für die neue Synagoge in Speyer ist für den Geschäftsführer der Jüdischen Kultusgemeinde der Rheinpfalz, Manfred Erlich, ein Zeichen der Rückkehr jüdischen Le‐ bens in die Domstadt. Die Synagoge gewährleiste, dass sich in Speyer wieder jüdisches Leben etablieren könne, ergänzte Gemeindevorsitzender Michael Tsenteris bei der Grundsteinlegung am vergangenen Sonntag. Seit 1938 gab es im einstigen Zentrum jüdischer Gelehrsamkeit keine Synagoge mehr. Gotteshaus und Gemeindezentrum auf dem Gelände der nicht mehr genutzten katholischen St. Guido‐Kirche sollen nach den Plänen des Offenbacher Architekten Alfred Jacoby zu einer Begegnungsstätte werden.
Das jüdische Gemeindezentrum in Speyer solle gemeinsam mit der geplanten Synagoge in Mainz auch ein Zeichen des Neuanfangs des Judentums im Land sein, betonte Peter Waldmann, der Vorsitzende des Landesverbandes der Jüdischen Gemeinden in Rheinland‐Pfalz. Doch ob auch die orthodoxe Gemeinde in Speyer das Gotteshaus nutzen darf, ist noch nicht geklärt. Seit der Gründung der orthodoxen Jüdischen Gemeinde vor 13 Jahren ist die Betergemeinschaft in Speyer zerstritten. Die Initiative zum Neubau sei von den orthodoxen Juden ausgegangen, sagte ihre Ge‐ schäftsführerin Juliana Korovai, sie würden jedoch vom Landesverband nicht anerkannt. Die rund 570 Mitglieder zählende Jüdische Kultusgemeinde der Rheinpfalz ist Trägerin der neuen Speyerer Synagoge.
Der rheinland‐pfälzische Ministerpräsident Kurt Beck appellierte an die Menschen, gemeinsam gegen Antisemitismus in der Gesellschaft vorzugehen. Hass, Rassismus und Gewalt dürften nicht geduldet werden, sagte Beck. epd/ja

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