Spießrutenlaufs

Auf der Flucht

von Pieke Biermann

Der Satz, mit dem Serén ihre Geschichte beginnt, ist in seiner Nüchternheit ungeheuerlich: »Ich bin damals neu auf eine Grundschule gekommen, und da hab’ ich erst nach vier Monaten gesagt, dass ich Jüdin bin. Ich dachte mir, jetzt wissen die ja, dass ich kein schlechter Mensch bin.« Die das sagt, ist heute 14 Jahre alt. Serén ist nicht ihr richtiger Name. Sie hat ihn sich ausgesucht, weil sie Anne nicht mehr hören mag. Als »Fall Anne« ging sie Ende 2006 republikweit durch die Medien. Sie mag aber kein Fall sein und schon gar nicht Opfer.
Kinder haben ein feines Gespür für Macht und Grenzen. Überleben und Selbstfindung haben auch mit taktischem Geschick zu tun. Aber wie kommt ein Kind im Grundschulalter auf die Idee, dass es die Gleichung geben könnte: jüdisch = schlecht? In was für einem Land leben wir eigentlich, wenn sich so eine erschreckende Gleichung auch noch brutal bestätigt?
Wir sind in Berlin, der weltoffenen und liberalen Metropole. In Kreuzberg sogar, der Urhöhle für multikulturelle Lebensfreude und alles, was »anti« ist: antibürgerlich, antirassistisch, antifaschistisch. Wer beschimpft hier ein Kind als »dreckige Scheißjüdin«? »Es waren arabische Mädchen und Jungen«, sagt Serén. Kinder wie sie. Und die Lehrer? »Die haben irgendwelche Strafen gegeben. Und manche haben gesagt: Och, das passiert ja nach der Schule, damit haben wir gar nix zu tun.« Aber die Eltern? Serén hat keine. Nicht in dem Sinn jedenfalls, der solide Bindung, liebevollen Schutz und unbeschwerte Kindheit bedeutet. Sie lebt in Heimen oder betreuten Wohngemeinschaften und zwischendurch bei ihrer Mutter, die unter psychotischen Schüben leidet. Die haben auch mit der Schoa zu tun, die Wunden in ihre Familie gerissen hat. Serén ist ein einsames Kind, scheu, schreckhaft, mit Schlafstörungen. Im Stich gelassen von Erwachsenen, allein unter feindseligen Gleichaltrigen.
Das ändert sich erst, als Serén auf eine Kreuzberger Oberschule kommt. Die ist benannt nach einer sozial engagierten jüdischen Feministin und stolz auf ihr integratives multiethnisches Engagement. Auch hier bilden muslimische Kids die überwältigende Mehrheit. Aber hier gibt es Ann‐Charlott – genauso alt wie Serén, genauso braun gelockt, hübsch und hellwach. Auch sie hat in Wirklichkeit einen anderen Namen. »Bald waren wir beide unzertrennlich«, erzählt Ann‐Charlott. »Entweder hab’ ich am Wochenende bei ihr geschlafen oder sie bei mir.« Bei Ann‐Charlott: das bedeutet, in einer Pflegefamilie. Auch Ann‐Charlott hat im viel zu zarten Alter traumatische Erfahrungen gemacht. Ihre leibliche Mutter war 14, als sie sie bekam, und 16, als sie sie weggab. Mit zweieinhalb kam sie in Marita Leßnys Kreuzberger Patchwork‐Familie. Marita Leßny ist gelernte Erzieherin und hat zwei eigene Kinder. Und dann noch Pflegekinder? »Ja, wollte ich immer«, sagt sie lachend. »Ich denke mal, ich möchte helfen, und ich kann das auch. Ich kann an Kinder rankommen, die Furchtbares erlitten haben, und ihnen Stabilität und Liebe geben.« Nach der Geburt ihrer Tochter bewirbt sie sich beim Jugendamt um Pflegschaften. Das könne dauern, heißt es, aber plötzlich ist da ein zweijähriges geschundenes Kerlchen, das seinen ersten Drogenentzug im Brutkasten erlebt hat und seine gewalttätigen Eltern nicht mehr lange überlebt hätte. Alle sechs Kinder, die im Lauf der vergangenen 30 Jahre zu Marita gekommen, sind, sind traumatisierte Opfer. Manche so schwer, dass sie wohl lebenslänglich behindert bleiben.
Marita Leßny päppelt sie alle wieder auf, lernt mit jedem neuen Kind mehr über Heilpädagogik und Traumapsychologie, gründet den »AktivVerbund Berlin« für Pflegeeltern mit, bildet neue Pflegeeltern aus, organisiert Demos gegen die Sparpolitik des Senats. Sie ist eine kämpferische, eine starke Frau, die alle ihre Kinder mit unglaublicher Lebenskraft auszurüsten weiß.
Hier wird aus Ann‐Charlott ein selbstbewusstes Mädchen. Sie lässt sich nichts bieten, wenn ihrer Meinung nach etwas falsch ist. Und was sie vor Kurzem erlebt hat, ist falsch. Serén war schnell bekannt geworden als »die Jüdin aus der Grundschule«. Sie hat einen hebräischen Vornamen, den die arabischen Kids sofort erkennen. Und schon kommen wieder »so Sprüche wie ›hier riecht’s nach dreckigen Juden‹ und so was!«, empört sich Ann‐Charlott und geht dazwischen, wann immer sie es mitkriegt.
Im Frühjahr 2006 rutscht Seréns Mutter wieder in eine Psychose. Serén und Ann‐Charlott beschließen: Serén muss da raus, am besten mit zu Marita. Die ganze Familie bespricht das, alle finden es toll. Serén und Ann‐Charlott setzen es beim Jugendamt durch. Denn eigentlich darf es nur drei Pflegekinder pro Familie geben, Serén wäre das vierte. Im Mai zieht sie ein und blüht auf. Auch wenn das antisemitische Gepöbel weitergeht. Marita Leßny spricht das in der Schule an. »Aber die haben das so’n bisschen abgetan: ›Ach, die meinen das nicht so ernst.‹«
Dann kommt der Sommer und mit ihm der Krieg im Libanon. Der erhitzt die Gemüter überall auf der Welt. Er traumatisiert auch viele der arabischen Kids in Berlin‐Kreuzberg, die dort Familienangehöri‐ ge haben oder zu Besuch da waren. Nach den Sommerferien wird es also für Serén richtig ernst. »Du hast mein Land bombardiert«, schreit man sie an. »Alle Juden sollen sich aufhängen!« Marita macht die Beschimpfungen bei Elternabenden zum Thema. Nichts passiert. Im September wird Serén von einem arabischen Mädchen geschlagen. Ann‐Charlott und Serén gehen zur Sozialpädagogin, die Täterin wird zwei Tage vom Unterricht suspendiert. »Dann ging es Schlag auf Schlag«, sagt Marita. »Zwei Tage später stehen 15, 20 schulfremde arabische Kinder und Jugendliche vor der Schule. Sie schreien: ›Wer ist hier die Jüdin?‹«.
Ist das Wort Pogromstimmung übertrieben? »Wir sind gewarnt worden«, erzählt Ann‐Charlott. »Aber man glaubt doch erstmal nicht, dass so etwas passiert. Es war ein Schock zu merken: Das ist ja Wirklichkeit! Die warten tatsächlich da, um uns zu schlagen.« Flaschen fliegen, die Mädchen retten sich in einen Hausflur. Jetzt endlich berichtet Serén, dass sie so was schon in der Grundschule erlebt und immer wieder gehört hat, das sei doch normal in Kreuzberg. Marita Leßny, die mit Judentum bis zu diesem Zeitpunkt keine besondere Berührung hatte, begreift sofort. Sie geht zur Polizei und erstattet Anzeige. Auch die Beamten vom Abschnitt begreifen sofort und schalten den Staatsschutz ein, der bei politisch motivierter Kriminalität ermittelt. Serén und Ann‐Charlott bekommen Polizeischutz. Zehn Tage vergehen mit Konferenzen und Gesprächen zwischen Schulleitung, Polizei, Sozialpädagogen und El‐ tern, auch denen des Mädchens, das geschlagen hat. Die Lage scheint sich zu beruhigen. Marita begleitet Serén und Ann‐Charlott ein paar Tage lang zur Schule, bittet in Läden und Cafés darum, den Mädchen Schutz zu gewähren, falls etwas passieren sollte.
Die Ruhe hält nur eine Woche. Dann klingelt nachmittags das Telefon, es ist Ann‐Charlott: »Mama, komm schnell!« Marita ruft die Schulleitung an und rast los. Vor der Schule haben sich arabische Mädchen versammelt, beschimpfen Serén als dreckige Jüdin, die sich aufhängen solle, das Mädchen wird geschlagen und getreten. Ann‐Charlott bekommt eine Faust ab, wird angeschrien, sie solle sich schämen, mit einer Jüdin befreundet zu sein. Die beiden fliehen in ein Lokal. Die Konrektorin kommt aus der Schule, erkennt eine der Täterinnen und nennt der Polizei ihren Namen. Marita Leßny ist fix und fertig. Am selben Tag ist zufällig ein RTL‐Fernsehteam beim »AktivVerbund«. Dessen Sprecherin ist als »Besonderer Mensch mit Herz« ausgezeichnet worden. Die Fernsehleute kriegen mit, was passiert ist. So kommt die Sache an die Öffentlichkeit. Anfang November recherchiert der RBB. Von der Schule noch immer kein Signal der Solidarität. »Ich hatte bei all meinen Versuchen das Gefühl, die Schule ist vor allem besorgt, dass sie in der Presse ein schlechtes Bild abgeben könnte«, sagt Marita Leßny.
Die Bedrohungen gehen weiter, auch durch arabische Mütter. Am 22. November berichten »Bild«-Zeitung und RBB‐Fernsehen, dass in Kreuzberg eine jüdische Schülerin antisemitischen Angriffen ausgesetzt sei. Das alarmiert die jüdische Gemeinde. Gemeindechef Gideon Joffe lädt sofort beide Mädchen zum Tag der offenen Tür der Jüdischen Oberschule, der drei Tage später stattfindet. Marita Leßny ist hin‐ und hergerissen. Der Familienrat tagt: Wäre ein Schulwechsel nicht eine Kapitulation? Andererseits, was ist, wenn den Mädchen mehr passiert als Tritte, Schläge, Spucke und Beleidigungen? Die jüdische Gemeinde bietet an, einen großen Teil der Schulkosten zu übernehmen. Serén und Ann‐Charlott wollen unbedingt dorthin. Seit dem 1. Dezember nehmen die beiden täglich den Weg von Kreuzberg nach Mitte in Kauf, um in eine Schule zu gehen, die von Berliner Polizei und israelischen Sicherheitsbeamten geschützt werden muss. Seitdem hören sie die Schulglocke wieder ohne die Angst: Was passiert in der Pause? Wem muss ich aus dem Weg gehen? Diese Fragen müssen sie sich nicht mehr stellen. Sie haben wieder Platz zum Lernen.
Damit könnte eine unerträgliche Geschichte ein, wenn auch bitter schmeckendes, Happy End haben. Hat sie aber nicht. Am 5. Dezember erklärt die linke Berliner Tageszeitung »taz« die Vorfälle an der Kreuzberger Schule zum »Zickenkrieg«, der medial »zum antisemitischen Übergriff hochgespielt« werde. Die Konrektorin behauptet im Interview, es sei nur um »eine Eifersuchtsgeschichte« gegangen und »längst in der Schule bearbeitet«. So als habe es nie Polizeischutz und keine Ermittlungen gegeben, die zu neun Strafverfahren führen werden. Gerichtstermine, zu denen immer auch Serén und Ann‐Charlott kommen, um als Opferzeuginnen auszusagen, und bei denen sie wieder angezischt und schikaniert werden – von den Eltern der jungen Täter. Für die Konrektorin sind die wahren Opfer: die arabische Schülerin, die als kopftuchtragendes Klischee missbraucht werde, und die Schule, die erst von Medien überfallen werde und dann zwei Schülerinnen entzogen bekomme, die ihrerseits von der Jüdischen Gemeinde instrumentalisiert werden.
Dann sagt sie noch etwas: »Natürlich hat der Konflikt eine antisemitische Komponente, aber…« Was ist eine antisemitische Komponente? Was ist daran natürlich? Gehört zu allem, was »anti« ist und in Kreuzberg seine Heimat hat, auch Antisemitismus? Und warum hat es die Schulleitung versäumt, sich mit kluger Prävention vorzubereiten auf die Rückkehr der Schüler nach dem Sommer, in dem gebombt und gestorben wurde, im Libanon und in Israel?

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