soziale Netzwerke

Auf dem Präsentierteller

von René Martens

»Social Media, where Big Brother is your best buddy«, lautet die sarkastische Headline eines Beitrags von Damian Stamm auf der Website newmarketingeconomy.com: In sozialen Netzwerken ist der Große Bruder dein bester Kumpel. Die Schreckensvision George Orwells, so Stamm, sei Realität geworden: »Nicht eine geheime Regierungsbehörde verfolgt uns auf Schritt und Tritt, sondern die breite Öffentlichkeit.« Wenn wir Facebook nutzen oder Twitter, den immer populärer werdenden Kurzmitteilungsdienst, teilen wir unseren Freunden oder »Followern« in mehr oder weniger regelmäßigen Abständen mit, was wir gerade tun.
Der israelische Inlandsgeheimdienst Shin Bet hat kürzlich davor gewarnt, private Informationen wie Adressen und Telefonnummern auf Portalen wie Facebook zu veröffentlichen, da islamische Terroristen solche Netzwerke systematisch nach vertraulichen Informationen durchsuchen würden, etwa um Anschlagsziele in Israel auszukundschaften (vgl. JA vom 28. Mai).
Allerdings besteht für viele Nutzer von sozialen Netzwerken deren Reiz gerade darin, sich komplett öffentlich zu machen. Bei Twitter, mittlerweile auch von vielen Bundestagsabgeordneten gern genutzt, muss man sich nicht einmal registrieren, wenn man sich für den Alltag einer bestimmten Person interessiert. Sofern der Betreffende die 140‐Zeichen‐Nachrichten seines Twitter‐Accounts (twitter.com/nutzername) für das World Wide Web freigegeben hat, muss man diesen lediglich aufrufen – und erfährt dann, in welchem Zug der Twitterer gerade sitzt, an welchem Flughafen er mit wie viel Verspätung auf welchen Flug wartet oder wie lange er aus Urlaubsgründen offline ist. Letzteres interessiert vielleicht nicht Terroristen, aber potenzielle Einbrecher.
Angesichts der technischen Entwicklung ist eine Sensibilisierung für die Gefahren der digitalen Datenweitergabe vonnöten. Hier ist vor allem die satellitengestützte GPS‐Technologie (Global Positioning System) zu nennen. Viele Mobiltelefone enthalten GPS‐Empfänger – in Kombination mit Programmen wie Google Latitude, Yahoo Fireeagle oder Plazes kann dann im Internet bis auf wenige Meter genau der Ort angezeigt werden, an dem sich jemand aufhält. Andere Plattformen (gpsed.com, timatio.com) bieten ihren Nutzern an, mithilfe diverser Programme, die für Mobiltelefone zur Verfügung stehen, Bewegungsprofile auf einer Google Map darzustellen.
Wenn Google Latitude dafür sorgt, dass Freunde stets darüber informiert sind, wo wir uns gerade befinden, kann das im Falle eines Unfalls in der freien Natur hilfreich sein. In der Regel handelt es sich bei Softwareprodukten dieser Art aber nur um, zugegebenermaßen reizvolle, Spielzeuge, deren Existenz eine wichtige Frage aufwirft: Wie hoch ist das Missbrauchspotenzial?
Das Bewusstsein für derartige Fragen sei wesentlich geringer als vor zehn Jahren, sagt der österreichische Internet‐Experte Gerald Reischl, Autor des Buchs Die Google‐Falle. Die unkontrollierte Weltmacht im Internet. Das Problem sei, dass »Google als cool gilt«, und wenn der Internetgigant einen neuen Dienst wie Latitude anbiete, »nutzen den automatisch Millionen Nutzer«. Erschwerend komme hinzu, dass die »Generation 15+« für von der »Generation 40+« vorgebrachte Bedenken nicht empfänglich sei. Trotz ihres eher jungen Alters dürften die Studenten der Aoyama‐Gakuin‐Universität in Japan seit Kurzem nicht mehr zu den Freunden der GPS‐Technologie gehören. Die nutzt ihre Lehranstalt nämlich, um zu ermitteln, wo sich die Studenten gerade aufhalten. Zu diesem Zweck hat man kürzlich Hunderte neuer Modelle des Apple‐iPhones an das Personal verteilt.
Glaubt man der Amsterdamer Firma Tattletech, die die Software In Real Life (IRL) entwickelt hat, dienen Lokalisierungsprogramme auch dazu, »digitale Beziehungen in der wirklichen Welt zum Leben zu erwecken«. IRL, so das Unternehmen, mache es möglich, Freunde, die man nur aus seinem sozialem Netzwerk »kennt«, in der wirklichen Welt zu orten und zu treffen.
Für Kritiker mag es ein Trost sein, dass die Genauigkeit von GPS noch zu wünschen übrig lässt. Zudem lässt einem die Software in der Regel die Wahl, ob man von jemand anderem lokalisiert werden möchte oder nicht. Auf fireeagle.yahoo.net wird betont, jeder könne selbst entscheiden, wie exakt die Ortsinformationen sind, die er freigeben wolle. Die britische Organisation Privacy International weist aber darauf hin, dass ein Mobiltelefon auch in falsche Hände geraten kann. Jemand kann sich unbemerkt Zugriff verschaffen und die ge‐wünschten Funktionen aktivieren, um so dem Objekt seines Interesses auf den Fersen zu bleiben. Der Übeltäter kann, ganz profan, ein eifersüchtiger Mensch sein, der stets wissen will, wo sein Partner sich aufhält. Es kann, schon weniger profan, ein Vorgesetzter sein, der einen Mitarbeiter ausspionieren will. Aber auch ein politisch motivierter Kurzzeit‐Handydiebstahl ist nicht ausgeschlossen – so sehr dieses Szenario auch nach Agentenfilm klingen mag.
Einer der prominentesten Nutzer von sozialen Netzwerken im israelischen Politikbetrieb ist übrigens der Knesset‐Abgeordnete Avi Dichter. Der war einst Polizeiminister des Landes – und vorher Chef von Shin Bet .

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