Demokratie

Arbeit am Wunder

von richard herzinger

Israel ist heute eine moderne, hoch entwickelte Industrienation mit einer funktionierenden Demokratie und Standards von Rechtsstaatlichkeit, die westlichen Maßstäben entsprechen – europäischen noch mehr als amerikanischen. Praktiziert Israel doch die Todesstrafe nicht. Diese Standards können in mancher Hinsicht sogar als beispielhaft gelten, denn der jüdische Staat hat seine demokratisch Ordnung unter dem un‐ unterbrochenen Druck kriegerischer und terroristischer Bedrohung bewahrt. Was immer man Israel an seinem Verhalten in seiner nunmehr über 40 Jahre andauernden Rolle als Besatzungsmacht in den palästinensischen Gebieten vorwerfen kann – angesichts etwa der Entwicklung in den USA nach dem 11. September ist es bemerkenswert, dass der israelische Oberste Gerichtshof unzweideutig am absoluten Verbot der Folter und der Anwendung von Gewalt bei Verhören festhält.
Nach seinen stark staatswirtschaftlich und sozialistisch geprägten Anfängen hat sich Israel zu einer erfolgreichen Marktwirtschaft gewandelt, die sich den neuen Herausforderungen der Globalisierung gewachsen zeigt. Vornehmlich in der Umwelttechnologie und speziell bei der Energieversorgung mit dem Ziel der Kohlen‐ dioxid‐Reduzierung und der Förderung des Einsatzes von erneuerbaren Energieträgern, hat es eine weltweit führende Position erobert. So entwickeln israelische Firmen rentable Kraftwerke für Sonnenenergie auf der ganzen Welt. Gerade in der deutschen Öffentlichkeit, der das Problem nachhaltiger Energiegewinnung so sehr am Herzen liegt, sollte diese Vorreiterrolle Israels stärker beachtet werden und das Land nicht immer nur als Konfliktpartei im unendlichen, blutigen Nahost‐Konflikt in den Blick geraten.
Während Israel somit zweifellos Teil der westlichen demokratischen Zivilisation ist, ist es doch zugleich ein Land des Nahen Ostens, situiert in einer Region, die von der befriedeten Realität des Westens Welten entfernt ist, und in der die Tiefenkräfte von Tradition, Religion und ethnischem Zugehörigkeitsgefühl nach wie vor von größter Bedeutung sind. Seine Entwicklung zwischen den beiden Polen einer dynamischer Modernität und der Treue zur Überlieferung macht den jüdischen Staat außergewöhnlich und in den Augen von Europäern, die sich für durch und durch von der Aufklärung durchdrungen betrachten, sowohl faszinierend als auch fremd und oft schwer verständlich.
Dass es Israel einmal so weit bringen würde, dass es überhaupt so lange überleben würde, hätte bei seiner Gründung 1948 niemand mit Sicherheit voraussagen können. In drei Kriegen, 1948 – unmittelbar nach Ausrufung des jüdischen Staates –, 1967 im Sechstagekrieg und 1973 im Jom‐Kippur‐Krieg sowie in mehreren Feldzügen musste Israel seine nackte Existenz immer wieder militärisch behaupten. Besonders der verlustreiche Krieg von 1973 wirkte als nachhaltiger Schock in der israelischen Gesellschaft, hatten die Israelis den Überraschungsangriff der ägyptischen und syrischen Truppen doch nicht vorausgesehen. Dabei war ihm die Unterstützung der großen westlichen Demokratien lange Zeit keineswegs sicher. Als Folge der Suez‐Krise 1956, als Israel im Ge genzug zur Sperrung des Suezkanals durch Ägyptens Staatschef Gamal Abdel Nasser die südliche Kanalzone besetzte, froren die USA nicht nur ihre Wirtschaftshilfe ein, sondern verhängten auch ein Waffenembargo gegen den jüdischen Staat. Es waren, Ironie der Geschichte, nicht zuletzt ausgerechnet die zuverlässig weitergezahlten Wiedergutmachungsleistungen Deutschlands, die Israel über diese sehr kritische Phase hinweghalfen.
Trotz aller Erfolge in seiner 60‐jährigen Geschichte bleibt die Zukunft des Staates Israel gefährdet. Das liegt nicht nur an der äußeren Bedrohung des jüdischen Staates, die in den vergangenen Jahren durch den Aufstieg Irans zum aggressivsten Akteur im Nahen Osten wieder beträchtlich zugenommen hat. Irans Atomwaffenprogramm, verbunden mit den offe‐ nen Drohungen des Teheraner Regimes, das »zionistische Gebilde« auslöschen zu wollen, sowie seine massive Unterstützung der radikalislamischen Mili‐ zen – Hamas in den Palästinensergebieten und Hisbollah im Libanon – haben den Iran zum größten Problem für die Sicherheit Israels werden lassen.
Ein anderes, langfristig möglicherweise noch schwerwiegenderes Element der Ungewissheit seiner Zukunft liegt aber in der inneren Konstitution des Staates Israel selbst. Er verbindet seit seiner Gründung ein säkulares demokratisches Selbstverständnis westlichen Musters mit einer ethnisch‐religiösen Selbstdefinition. Dieses Spannungsverhältnis zwischen den universalistischen Prinzipien, auf die sich Israel bei seiner Gründung mit großem Pathos berief, und dem Bestreben, seine eth‐ nisch‐religiöse Besonderheit zu bewahren, hat zu einem dauerhaften, sich zunehmend vertiefenden Riss in der israelischen Gesellschaft zwischen ihren säkular und nationalreligiös orientierten Teilen geführt. Alleine die Zuwanderung von Juden aus den unterschiedlichsten Kulturkreisen hat Israel – bei dessen Staatsgründung die jüdische Bevölkerung gerade einmal 808.000 Köpfe zählte – in eine brodelnde kosmopolitische und multikulturelle Gesellschaft verwandelt, mit aller dynamischen Produktivität, aber auch allen sozialen und kulturellen Konflikten, die eine solche Vielfalt mit sich bringt.
Bisher hat die israelische Gesellschaft trotz dieser Bruchlinien in teils fröhlichem, teils qualvollem Durcheinander zusammengehalten. Würde aber der Druck äußerer Bedrohung einmal dauerhaft nachlassen oder gar ganz wegfallen, und verblasst die unmittelbare Erinnerung an das Grauen des Holocaust generationsbedingt, könnte die Frage nach seiner eigentlichen Staatsidee für Israel zu einem ernsten Problem werden. Dabei spiegeln diese inneren Spannungen doch im Grunde nur die traditionelle Unmöglichkeit, jüdische Identität letztgültig zu definieren. Weder durch die Religion noch durch Herkunft und kulturelle Merkmale lässt sich eindeutig bestimmen, was genau es eigentlich bedeutet, jüdisch zu sein. Ein Jude kann sich als Atheist verstehen und sich dennoch ganz und gar als Jude empfinden, er kann aus völlig unterschiedlichen Kulturkreisen stammen, Däne oder Äthiopier sein, und sich dabei gleichermaßen dem Judentum verbunden fühlen.
Der Zionismus, der sich historisch freilich in konkurrierende Strömungen aufteilte, von denen die demokratisch‐sozialistische die Israel anfangs dominierende Hauptrichtung war, hatte dieses klassische jüdische Identitätsproblem durch die Adaption der Nationalstaatsidee lösen wollen, wie sie sich im Europa des 19. Jahrhunderts durchgesetzt hatte. Dieses Identitätsproblem war allerdings stets auch eine Quelle der Offenheit und Kreativität des Judentums gewesen. Die ursprüngliche zionistische Vision, möglichst alle Juden unter einer neu geschaffenen israelischen Nationalität zu vereinigen, konnte sich dann auch nicht erfüllen. Zwar fühlen sich heute wohl die meisten jüdischen Menschen auf der ganzen Welt dem Staat Israel mehr oder weniger eng verbunden. Besonders nach dem Holocaust vermittelt ihnen die Existenz eines jüdischen Staates die Gewissheit, für den Fall neuerlicher Verfolgungen eine sichere Zuflucht zu haben. Doch weit mehr als die Hälfte der etwa 14 Millionen Juden auf der Erde leben außerhalb der Grenzen Israels, allein in Nordamerika sind es mehr Juden als im jüdischen Staat. Sie verstehen sich zumindest, sofern sie in westlichen Demokratien leben – in der Regel in erster Linie als vollwertige Bürger ihrer jeweiligen Heimatnation und nicht etwa als Auslandsbürger Israels.
Israel definiert sich als ein jüdischer Staat, doch es gewährt auch seinen nichtjüdischen Einwohnern im Prinzip volle staatsbürgerliche Rechte. Allerdings mit gewissen Einschränkungen: So darf die arabische Bevölkerung kein Land aus dem Besitz des Jüdischen Nationalfonds erwerben, der seit der Staatsgründung Land aufgekauft hat. Ob und inwieweit Israel die Araber, die etwa 20 Prozent der insgesamt etwa 7,1 Millionen Israelis ausmachen, gleichstellen und bei ihnen eine Grundloyalität als israelische Staatsbürger erzeugen kann, wird für den zukünftigen Charakter des jüdischen Staats von größter Be‐ deutung sein. Ganz aussichtslos ist diese Perspektive nicht: Trotz stark empfundener Benachteiligung wissen die meisten arabischen Bürger den relativen Wohlstand und die Freiheiten, die ihnen der israelische Staat gewährt – im Gegensatz zu den palästinensischen Autonomiebehörden und dem islamistischen Hamas‐Régime in Gasa –, durchaus zu schätzen. Doch wächst auch unter ihnen, wie unter den Palästinensern im Gasastreifen und Westjordanland, in jüngster Zeit die Anziehungskraft des Islamismus, der kein friedliches Nebeneinander von Muslimen und Juden akzeptiert.
Der demografische Faktor war der entscheidende Grund, warum der Traum von einem »Großisrael«, das auch das Westjordanland umfassen würde, selbst von der Hauptströmung des nationalkonservativen Zweigs des Zionismus begraben wurde. Das Argument, dass Israel entweder kein jüdischer Staat oder keine Demokratie bleiben könne, wenn die Mehrheit seines Staatsvolkes – unter Einbeziehung der besetzten Gebiete – arabisch sein würde, hatte Ariel Scharon zu seinen Rückzugsplänen auf ein israelisches Kernland bewo‐ gen. Doch kein wie auch immer neu definierter, wiederbelebter Zionismus wird der offenen, pluralistischen, »amerikanisierten« Gesellschaft Israels noch einmal zu einer alles bestimmenden Leitidee verhelfen können. Historiker wie Tom Segev sprechen bereits heute von der israelischen als einer »postzionistischen Gesellschaft«.
Israel wird nichts anderes übrig bleiben, als sich von seinen eigenen Widersprüchen und Konflikten, mit denen und von denen es bisher so erfolgreich gelebt hat, zu neuen Ufern tragen zu lassen – und das »Wunder«, als das Staatsgründer David Ben Gurion seine Existenz einmal bezeichnet hat, immer aufs Neue zu wiederholen.

Der Autor ist Redakteur der »Welt am Sonntag«.

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