Gasa-Konflikt

Angriff und Verteidigung

von Elke Wittich

Für jüdische Institutionen in Deutschland gehören Hassmails und Drohbriefe so sehr zum Alltag, dass sie kaum thematisiert werden. Anlässlich des Holocaust-Gedenktages machte Stephan J. Kramer, Generalsekretär des Zentralrats der Juden in Deutschland, nun aber Schluss mit der schweigenden Hinnahme von Beleidigungen und Drohungen. »Während des Gasa-Krieges hat die Zahl der Hass-Mails an den Zentralrat um 40 Prozent zugenommen«, erklärte er. In jeder zehnten Mail seien Morddrohungen gegen Zentralratsmitglieder geäußert worden.
Die jüdischen Gemeinden machen indes unterschiedliche Erfahrungen. Arno Hamburger, Vorsitzender der Jüdischen Gemein- de in Nürnberg, gehört zu denjenigen, die in der Öffentlichkeit laut ihre Stimme ge gen antisemitische Tendenzen erheben. Googelt man seinen Namen, findet man rasch heraus, dass er auf Neonazi-Webpages als Hassfigur genannt wird.
Ja, es gebe eine Zunahme an beleidigenden Mitteilungen, sagt Hamburger. In anonymen Mails würden »auch Drohungen verschickt«, aber einschüchtern lasse er sich davon nicht, »so etwas ist mir so breit wie lang«, sagt er und lacht. »Mein Vater seligen Angedenkens hat mir beigebracht: Wer sich fürchtet, ist selbst im Bett nicht sicher, und danach lebe ich«, betont Hamburger.
Auch Wolfgang Nossen, Vorsitzender der Jüdischen Landesgemeinde Thüringen, gehört zu denjenigen, die sich sehr offensiv gegen antisemitische Tendenzen verwahren. Die vom Zentralrat beklagte Zunahme beleidigender und bedrohlicher Briefe passe ins Bild, findet er. »Die Attacken sind doch üblich, die Juden sind an allem und jedem schuld. Genau das haben wir ja gerade erlebt mit den Demonstrationen für die armen Hamas-Anhänger, die doch nur Israel vernichten wollen.« In Erfurt hatte eine Friedensinitiative gegen die israelischen Angriffe auf Gasa protestiert, die Gemeinde gab daraufhin eine Presseerklärung für Israel heraus.
Nossen berichtet, dass »eine Gruppe nichtjüdischer Jugendlicher, die mit IsraelFähnchen gegen die Friedensmahnwache protestieren wollte, von Aktivisten und Passanten massiv angepöbelt wurde. Das hat mich wirklich schockiert. Seit wir eine sehr effektive Videoüberwachungsanlage installiert haben, die die Bilder gleich zur Polizei funken hat es keine Angriffe mehr auf das Gemeindehaus in Erfurt gegeben«, berichtet Nossen. »Vorher waren Attacken schon zur Gewohnheit geworden.«
Aber auch schriftliche Angriffe sind während der Besetzung von Gasa ausgeblieben, allerdings, so relativiert Nossen, »es kam auch nichts Unterstützendes«. Er persönlich habe sich in Gesprächen allerdings einige sehr unschöne Bemerkungen anhören müssen, »einem Bekannten habe ich daraufhin Hausverbot erteilt«.
Während der Gasa-Besetzung entstand in Duisburg ein Bild, das exemplarisch den Hass auf alles, was jüdisch ist, zeigte: Während einer pro-palästinensischen Demonstration entfernten Polizisten unter dem Jubel des Mobs eine Israel-Fahne aus einer Privatwohnung. »Nullkommanull« habe die Zahl der Hassbriefe betragen, die die Ge- meinde während des Konflikts erreicht hätten, sagt Michael Rubinstein, Geschäftsführer der jüdischen Gemeinde Duisburg-Mülheim/Ruhr-Oberhausen. Im Gegenteil: Vie- le Anrufe und Mail-Schreiber drückten ihre Solidarität aus. »Die Leute erinnerten sich an früher, als jüdische Symbole von den Nazis abgerissen wurden.« Besonders viel Zuspruch habe es von der älteren Generation gegeben, die sich an die Bilder aus ihrer Kindheit erinnerten.
Er habe mit Anfeindungen gerechnet, gibt Rubinstein zu, »aber man lässt sich ja auch gern mal positiv überraschen«. Andererseits sei die Ruhe wohl auch logische Folge der Offenheit der Gemeinde. Mehr als 200 Führungen veranstalte sie im Jahr, um die Duisburger über das Judentum zu informieren. »Außerdem haben wir sehr engen Kontakt zu den hiesigen Muslimen. Wir waren eingeladen, bei der Eröffnung der großen neuen Moschee zu sprechen, wo es in der Bibliothek der Religionen eben auch eine jüdische Bibliothek gibt.«
Die Rostocker Juden bekamen sehr schnell den Gasa-Konflikt zu spüren. Am 7. Januar war das Fenster des Gemeindehauses eingeworfen worden. »Wir denken, dass der Anschlag in Verbindung mit den Geschehnissen in Gasa steht«, sagt Juri Rosov, Vorsitzender der Rostocker Gemeinde. Während des Libanon-Konflikts vor zweieinhalb Jahren hatte es einen Farbanschlag auf das Gebäude gegeben. »Wenn etwas im Nahen Osten passiert, werden wir zur Zielscheibe«, sagt Rosov. Andererseits hätten die Rostocker auch viel Solidarität gezeigt. Eine Zunahme beleidigender Schreiben habe er dagegen nicht registriert. »Allgemein haben wir beobachtet, dass die Zahl solcher Mitteilungen in den letzten Jahren eher abgenommen hat«, stellt er fest.
Auch in Dresden ist man mit Schmähbriefen »nicht überhäuft worden«, wie Heinz Joachim Aris, Vorsitzender des sächsischen Landesverbandes sagt. Allerdings erwarte man am 13. Februar eine Neonazi-Demonstration. Das Datum werfe seine Schatten voraus, bislang sei die jüdische Gemeinde jedoch von antisemitischen Attacken verschont geblieben. Vielleicht, so Aris, »gibt es ja mittlerweile einfach nur mehr aufgeklärte Menschen«. Eine Einschätzung, die Generalsekretär Kramer nicht teilt. Er warnt gerade vor dem Antisemitismus aus der Mitte der Gesellschaft.

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