gesellschaft

An der Basis

Das Jahr 2009 geht zu Ende. Und mit ihm schwindet die Hoffnung, dass sich die Dinge bald zum Besseren wenden. Ob Klima, Wirtschaftskrise oder Nahost – Ratlosigkeit allerorten. Das gilt auch für das Verhältnis zwischen Juden, Christen und Mus- limen. Ausgeträumt der schöne Traum, ein »Dialog der Religionen« könnte in der realen Welt das gegenseitige Verständnis fördern und gar ein gemeinsames Ethos schaffen. Stattdessen wachsen die Spannungen zwischen den Glaubensrichtungen und mit ihnen die Mutlosigkeit der Idealisten.
Dabei hätte es anders kommen können. »Bildend, denkend, handelnd« formulierte Martin Buber die wesentlichen Bestandteile des Dialogs der Religionen. Doch gerade das Gespräch zwischen Juden und Christen war stets von Heuchelei bedroht. Nicht, dass es an Ehrlichkeit gefehlt hätte. Wohl aber am Mut, auch ins Politische hinein Flagge zu zeigen. So entstand die deutsche, dialogisch geprägte Sowohl-als-auch-Kultur. Hinter den Bemühungen um Etablierung von »Nie-wieder«-Gedenkanlässen konnte sich die mangelnde Bereitschaft zur Entnazifizierung ebenso verstecken wie die »Heimholung« der Täter von einst.
Den Dialog mit den Juden nutzten christliche Minderheiten, um über das Versagen ihrer Kirchen im Dritten Reich nachzudenken und fanden einen religiös geprägten Fluchtweg: Jesus als die Entdeckung des jüdischen Erbes im Christentum. Nach dem Motto: Sind wir nicht alle Juden? Tatsächlich haben Synagogen in Kirchen die verlässlichsten Partner, wenn es um den Kampf gegen Antisemitismus geht. Doch führt allein das schon zu einem positiven oder zumindest entkrampften Verhältnis?
Wie sehr wir uns über den Stand der viel beschworenen Sensibilisierung täuschen, zeigt ein kleines Beispiel. In der ARD-Talkshow »Aufgemerkt! Pelzig unterhält sich« war die Lichtgestalt des deutschen Protestantismus als Gast eingeladen: Bischöfin Margot Käßmann, Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland. Also unterhält man sich auch über Religion. Und warum soll es dabei nicht lustig zugehen? Dann aber sagt der Moderator sinngemäß, mit dem Neuen Testament könne er ja noch etwas anfangen, aber mit dem Alten Testament? Nein, ganz und gar nicht. Das sei geradezu »Hardcore«! Sagt es – und alle lachen, auch die oberste Vertreterin des deutschen Protestantismus. Man muss aus dieser Geschichte keinen Skandal konstruieren. Doch die Szene ist ein weiterer Hinweis auf die Wirkungslosigkeit des religiösen Dialogs. Sind es nicht gerade diese ab- fälligen und unwidersprochenen Bemerkungen im Alltag, die das Bild vom anderen mitbestimmen?
Sicherlich könnte man einwenden, selbst auf höchster Ebene, etwa im Vatikan, treffen die Spitzen der Religionen zusammen. Das stimmt. Nur: Was nützen derlei Treffen? Die Basis, einst in Deutschland die treibende Kraft, ist heute weitgehend ausgeschaltet. Es dialogisieren die offiziellen Vertreter oder solche, die sich dafür halten. Das gilt auch für die Seite des Islam. Wir werden vertreten. Aber ist dies das Verständnis vom Volk Israel? Dass andere für einen denken?
Muss also auf den Dialog der Religionen vielleicht einer der Kulturen folgen? Der hätte zumindest einen Vorteil: Die Basis würde erheblich verbreitert. Die Fixierung aufs Religiöse schreckt bislang viele Kunst- und Kulturschaffende ab, sich am Dialog zu beteiligen. Liberale und säkulare Muslime fühlen sich davon nicht angesprochen, obwohl sie die Mehrheit sind, die aber von keinem Moscheeverband vertreten wird. Stünde die Zusammenarbeit der Kulturen im Vordergrund, würde sicherlich weniger referiert und mehr debattiert werden. Die Suche nach praxisnahen, problemorientierten Lösungen, die das alltägliche Zusammenleben betreffen, könnte so beginnen. Ins Zentrum würde, gut jüdisch, das Tun treten. Wie beim Gebet für den Frieden: Es kann nichts schaden, nur es bringt uns dem Ziel nicht näher – dafür muss mehr getan werden.
Ignatz Bubis sel. A. hatte es vorgemacht: Mehr als viele »Wochen der Brüderlichkeit« hat er durch seine Menschlichkeit bewirkt. Unvergessen, wie er als Vorsitzender des Zentralrats der Juden öffentlich Solidarität mit verfolgten und bedrohten (nichtjüdischen) Minderheiten übte. Wie auch jene Muslime und Türken, die gegen Judenfeindschaft in Berlin demonstrierten. Oder jüdische Gemeinden, die sich mit Muslimen solidarisierten, die in ihrem Umfeld eine Moschee bauen wollen, von Köln bis in die Schweiz.
Der Anziehungskraft von Fundamentalisten und Extremisten in allen Religionen ist nicht durch Vorträge zu begegnen. Projekte sind gefragt. Eine Rückbesinnung auf die nach Veränderung strebenden Tugenden der Bürgerinitiativen. Warum also den vielen Reden nicht Taten folgen lassen? Das ist nicht nur Aufgabe von Gemeinden und Verbänden – hier zählt jeder Einzelne.

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