World Jewish Congress

Amt und Hürden

von Eva Schweitzer

Beim World Jewish Congress (WJC) in New York bahnt sich ein Führungswechsel an: Der Kosmetikhersteller-Erbe Ronald S. Lauder will Präsident des WJC werden. Der derzeitige Präsident Edgar Bronfman, der den Posten seit 27 Jahren innehat, favorisiert jedoch seinen Sohn Matthew. Dem Vernehmen nach soll der noch in diesem Sommer das Amt antreten. Das empört Lauder: Nicht nur habe Matthew zu wenig Erfahrung, der WJC sei nicht Bronfmans Firma und auch keine Monarchie, sagte der Gründer der orthodoxen Ronald S. Lauder Foundation. Auch politisch gibt es Gegensätze zwischen den beiden Milliardären: Lauder ist Republikaner, er war unter Ronald Reagan Botschafter in Österreich, Bronfman ist Demokrat und ein wichtiger finanzieller Unterstützer der Clintons. Bronfman wurde 2005 wiedergewählt, so dass die nächste turnusgemäße Wahl 2009 wäre.
Der 77-jährige Bronfman ist angeschlagen, seit der WJC wegen seines Finanzgebarens in die Kritik geriet. Nach internen Streitigkeiten, die sich zwischen New York, Tel Aviv und dem Schweizerischen Israelitischen Gemeindebund abspielten, begann der damalige New Yorker Generalstaatsanwalt Eliot Spitzer zu ermitteln. 2005 stellte Spitzer fest, es habe beim WJC »finanzielle Irregularien« gegeben. Unter dem ehemaligen Generalsekretär Israel Singer wurden 1,2 Millionen Dollar, womöglich sogar fünf Millionen, auf »unklare Weise hin- und hergeschoben«, erklärte der Schweizerische Israelitische Gemeindebund, der die Buchhalter von PricewaterhouseCoopers mit einer Prüfung beauftragt hatte. Die Verwendung des Geldes sei »völlig undokumentiert«, so Gemeindebund-Präsident Alfred Donath. Singer musste inzwischen mehr als 300.000 Dollar zurückerstatten.
Die Transaktionen waren damals über Schweizer Konten gelaufen. Das hat eine gewisse Ironie, denn der WJC hatte die Schweizer Banken dazu gebracht, 1,25 Milliarden Dollar als Restitution für ehemalige Konteninhaber, Zwangsarbeiter und abgewiesene jüdische Flüchtlinge zu zahlen. Nun fordert der Gemeindebund den Rücktritt von Singer, der den Politischen Rat des WJC leitet, sowie eine Entschuldigung für die »Diffamierungskampagne« der New Yorker gegen die Schwei-
zer Juden. Zudem ist der WJC von einem Gericht in Tel Aviv verurteilt worden, seinem Ex-Vize Isi Leibler 55.000 Dollar Entschädigung zu zahlen, nachdem die Organisation eine Verleumungsklage gegen Leibler verloren hatte. Auch Leibler, ein in Jerusalem lebender australischer Jude, gehört inzwischen zur Gruppe der Kritiker. Lauder wirft dem WJC außerdem vor, er sei nicht mehr fähig, die Juden der Welt zu repräsentieren.
Der Milliardär Bronfman trägt persönlich zur Finanzierung des WJC-Haushaltes bei: Zunächst übernahm er alle Kosten; heute steuert er noch zwei Millionen Dollar zum Zehn-Millionen-Etat bei. Die Bronfman-Familie machte ihr Vermögen mit dem kanadischen Getränkekonzern Seagram, der die USA während der Prohibition mit Alkohol belieferte. Nach dem Krieg erwarb Edgar Bronfman – mit seinem Bruder Charles – den Chemiekonzern DuPont und dessen Öltochter Conoco. DuPont wurde 1995 wieder verkauft. Edgar Bronfman Jr., der Sohn des Vorsitzenden, ist Vorstandsvorsitzender von Warner Music.
Der WJC wurde vor 68 Jahren in Genf gegründet, als Ableger des »American Jewish Congress«. Beide leitete der legendäre Rabbiner Stephen Wise. Dieser vertrat immer eine harte Linie gegen die Nazis. So unterstützte er den von jüdischen Organisationen ausgerufenen Boykott gegen Deutschland, gegen den sich deutsch-jüdische Organisationen in den USA ausgesprochen hatten. Später wurde es still um den WJC, bis Bronfman 1980 den Vorsitz antrat.
Der WJC hat heute Büros in 80 Ländern, wird aber von drei Männern dominiert: Bronfman, Singer und Stephen Herbits, den Bronfman von Seagram holte. Der WJC hat zwei Ableger, die »Conference on Jewish Material Claims against Germany« (JCC) und die »World Jewish Restitution Organization« (WJRO). Singer ist auch Präsident der JCC und Chairman der WJRO, die Geld aus Restitutionszahlungen verteilt. Allerdings: Der New Yorker Generalstaatsanwalt hatte ihm auferlegt, keine Posten mehr zu bekleiden, bei denen es um Finanzmanagement oder die Aufsicht über Finanzen geht. Wie, fragte die israelische Tageszeitung Yediot Achronot, könne Singer dann diese Ämter ausüben?
Herbits hingegen hat Singer immer verteidigt. »Diese jüdischen Organisationen, die uns kritisieren, die haben alle perfekte Strukturen, aber sie haben verdammt noch mal nichts erreicht«, sagte er dem New York Magazine. Trotzdem ärgert es viele, dass Bronfman den WJC wie seinen privaten Verein führt. Aber die meisten wagen es nicht, den einflussreichen Milliardär zu kritisieren. Solche Ängste kennt Lauder nicht. Der 62-jährige Erbe der Kosmetikfirma Esteé Lauder ist ebenfalls ein erfolgreicher Geschäftsmann. In Osteuropa beteiligte er sich an einem Fernsehsender, in Berlin an einem Immobilienprojekt am Checkpoint Charlie. Er spendete erhebliche Summen für jüdische Schulen. Bekannt wurde Lauder als Kunstmäzen; er war Chairman des Museums of Modern Art in New York, und hat nun sein eigenes Museum, die »Neue Galerie« an der Fifth Avenue.
Bronfman und Lauder haben aber nicht nur unterschiedliche politische Ansichten was die USA betrifft, sondern auch was Israel angeht. Bronfman, der mit der israelischen Arbeitspartei symphatisiert, tritt für die Verständigung mit den Palästinensern und den Abbau von Siedlungen ein, Lauder hingegen steht Benjamin Netanjahu nahe. Letztlich geht es bei dem Konflikt auch darum, wer sich innerhalb des WJC durchsetzt: Die New Yorker oder die Israelis.

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