schabbattaugliche Technik

Am siebten Tage

von Wladimir Struminski

Ist der technische Fortschritt ein Segen oder ein Fluch? In der weltweiten Technologiedebatte lassen sich alle Meinungen finden, von einem utopischen Optimismus, der dem menschlichen Erfindungsgeist geradezu messianische Attribute zuerkennt, und einem tiefen Pessimismus, der im steigenden technischen Können der Menschheit eine unkontrollierbare Gefahr sieht. Im Judentum werden Fragen moderner Technologie in die Weltordnung einer Werte- und Gesetzesreligion eingebunden. Grundsätzlich heißen jüdische Schriftgelehrte den Fortschritt willkommen, wenn er die menschliche Existenz zu verbessern vermag. Allerdings unterliegt der Einsatz technologischer Mittel der Einschränkung, dass Technik dem Menschen dienen muss, ohne dabei gegen Gottes Gesetze zu verstoßen.
Innerhalb dieses Spannungsfeldes haben Rabbiner und Ingenieure ein weites Betätigungsfeld. Eine Anpassung moderner Technologie an die Halacha, betont Rabbiner Levi Jitzchak Halperin, Gründer und Direktor des Wissenschaftlich-Technologischen Halacha-Instituts in Jerusalem, stelle kein Abweichen von den Mitzwot dar. »Wenn Gottes Gesetz uns die Möglichkeit bietet, das Leben der Menschen zu erleichtern, dürfen wir diese Möglichkeit suchen und anwenden. Es ist keine Gesetzeslücke in einem menschlichen Paragrafenwerk, sondern von Gott so gewollt. In der Schöpfung gibt es keine Zufälle.«
Ein herausragendes Beispiel für die Suche nach dem Erlaubten ist der Schabbat, der Tag, an dem Hunderte von Alltagstätigkeiten verboten sind. Wohl wahr: Im Falle der Lebensrettung, auch der lediglich potenziellen, darf, ja muss gegen die Schabbat-Ruhe verstoßen werden. Allerdings macht das die Arbeit der halachischen Erfinder nicht überflüssig. Zum einen muss der Verstoß gegen die Halacha auch in einem solchen Fall minimiert werden, falls das ohne eine zusätzliche Gefährdung der ohnehin bedrohten Menschenleben geht. Zum anderen kennt die Halacha auch den Begriff des »großen Bedürfnisses«, das betrifft etwa das Aufwärmen von Essen in Krankenhäusern. In diesem Fall dürfen die halachischen Regeln etwas flexibler als im Normalfall angewandt werden, ohne sich indessen auf die weiter gefassten Notfallbestimmungen zur Lebensrettung berufen zu können. In bestimmten Fällen ist nicht von vornherein klar, welche der beiden Situationen – Lebensgefahr oder großes Bedürfnis – vorliegt. So etwa, wenn der Krankenhauspatient nach der Schwester klingeln muss. Wie soll er das machen, ohne den Schabbat zu entweihen?
Die von Rabbiner Halperin entwickelte, heute weltweit eingesetzte Antwort ist: der indirekte Stromschalter. Der zugrunde liegende halachische Grundsatz besagt, dass die »Verhinderung des Verhinderers« zulässig sei. So ist es erlaubt, das Fenster zu schließen und so den Luftzug zu unterbrechen, auch wenn dadurch die flackernden Schabbatkerzen wieder aufflammen. Die Vorrichtung, nach dem aramäischen Wort für »indirekte Verursachung« Grama-Schalter genannt, verfügt über einen Stromkreis, der sich ständig zu schließen versucht, daran aber durch Lichtpulse gehindert wird. Drückt nun der Kranke auf den Knopf, blockt er, auf rein mechanischem Wege, das »verhindernde« Licht. Daraufhin schließt sich der Stromkreis selbsttätig. Um sicherzustellen, dass die Veranlassung indirekt ist, lässt nicht der erste, sondern der zweite durchkommende Puls im Schwesternzimmer die rote Leuchte angehen.
Nach dem Grama-Prinzip funktionieren viele Geräte, so etwa automatische Türen oder das Schabbat-Telefon. Die halachische Konformität dieses Vorgangs hat Rabbiner Halperin, der selbst nie eine andere Schule außer Tora-Einrichtungen besucht hat, aus der Quantentheorie abgeleitet. Im Auftrag des Wissenschaftlich-Tech- nologischen Halacha-Instituts arbeiten führende Ingenieure an immer neuen Entwicklungen. Allerdings sind auch andere Forschungs- und Entwicklungsstellen mit schabbatkonformen Vorrichtungen befasst. Nicht zuletzt die Armee, in der religiöse Soldaten ihren Wehrdienst und ihre Treue zur Halacha unter einen Hut bringen müssen. In den letzten Jahren haben die Landesverteidiger unter anderem eine Computermaus für den Schabbatgebrauch entwickelt – aber auch eine entsprechende Toilettenspülung.
Eine in maschinenbaulicher Hinsicht besonders komplizierte Leistung war aber die Entwicklung des Schabbataufzugs. Dass dieser am Heiligen Tag automatisch auf jeder Etage hält, reicht in halachischer Hinsicht nicht aus. Vielmehr mussten die Konstrukteure einer Reihe weiterer Probleme Herr werden. Wie verhindert man etwa, dass die Bremsenergie des Lifts in Strom verwandelt wird? Die Antwort: Sie muss als Hitze verpuffen. Die Beispiele, bis hin zur Wahl der Kabinenbeleuchtung, ließen sich mehren. Eine erschöpfende Beschreibung des Schabbataufzugs kann gut und gerne mehrere Hundert Druckseiten in Anspruch nehmen.
Ein weiteres Schabbatverbot betrifft das Schreiben. Für diesen Zweck wurde ein Schabbatstift entwickelt, dessen Schrift nach Ablauf einer bestimmten Zeitspanne – in jedem Fall nach Schabbatausgang – verschwindet. Damit verändert der Schreibende die zu beschriftende Fläche nicht permanent: in halachischer Hinsicht ein leichterer Verstoß. Am Samstagabend wird das Originalblatt fotokopiert oder eingescannt. Allerdings sind die Rabbiner keine Hightech-Freaks. Falls eine adäquate Lösung auch ohne den problematischen Einsatz von Strom und Elektronik gefunden werden kann, ist sie vorzuziehen. Etwa der mit Druckluft betriebene Rollstuhl. Die auf 150 Atmosphären komprimierte Luft betreibt einen Kolben, der die Räder bewegt. Damit lässt sich der Hin- und Rückweg zur Synagoge am Schabbat gut bewältigen. Jedenfalls dann, wenn man nicht allzu weit vom Haus des Gebets wohnt. Das und mehr: Die für den Schabbat entwickelten Notbehelfe dürfen nur bei echtem Bedarf und nur von den Betroffenen selbst benutzt werden. Für alle anderen gelten die ganz normalen Schabbatregeln. »Auch im Zeitalter der Technologie«, betont Rabbiner Halperin, »ist der Schabbat kein normaler Wochentag.«

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