Zehn Gebote

Alltagstauglich

von Rabbiner Andreas Nachama

Die Zehn Gebote gelten für Juden und Christen gleichermaßen. Doch werden sie unterschiedlich wahrgenommen. Das beginnt schon mit der Zählung: Im Judentum gibt es im Vergleich zum Christentum ein gesondertes zweites Gebot, nämlich sich von Gott kein Bildnis zu machen. In der Bildhaftigkeit besteht ein starker Unterschied, insbesondere zwischen katholischen Christen und Juden. So ist in keiner Synagoge ein Bild Gottes zu finden. In der Sixtinischen Kapelle dagegen gibt es Abbildungen von Gott als altem Herrn.
Ein Unterschied liegt auch in dem Ge-
bot, man solle nicht den Namen Gottes unnütz aussprechen, ihn nicht missbrauchen. Im Judentum wird daraus abgeleitet, auch das Wort Gott, also »Jud-Hey-Waw-Hey« außerhalb der Bibel oder biblischen Zitaten nicht auszuschreiben. Als ich vor Kurzem gemeinsam mit einem Imam und einer protestantischen Pastorin in einer Kirche die Abrahamsgeschichte erklärte, legte die protestantische Kollegin fotokopierte Texte vor, während der Imam und ich Powerpoint-Präsentationen mitbrachten – eingedenk dessen, nicht Gottesnamen auf den Fotokopien, die nach der Veranstaltung achtlos weggeworfen werden, zu verteilen. Powerpoint ist der moderne Analogieschluss des Gebots, Gottes Namen nicht zu missbrauchen, denn wenn ich den Computer ausmache, ist alles weg, ohne achtlos entsorgt zu werden.
Wir hören die Gebote dreimal im Jahr in der Synagoge – stehend, als wären wir selbst am Berg Sinai. Das ist die Gelegenheit für die Gemeinden, die Gebote mit ihren Rabbinern zu studieren und auf ihre Alltagstauglichkeit zu prüfen. Schließlich sind die Zehn Gebote die Eckdaten, um das Zusammenleben zu regulieren. Zwar sind sie normativ. Weil sich die Gesellschaft aber ständig verändert, muss man darüber nachdenken, was die Norm ist.
Die Gebote regen zur Debatte an: Wo stehe ich, was bedeuten die Gebote? Wie jeder Satz in der Bibel müssen auch die Zehn Gebote aktualisiert werden. In der Synagoge interpretieren wir die Gebote und ordnen sie in den gesellschaftlichen Kontext ein. Das aber ist nichts spezifisch Jüdisches.
Die Gebote sind Grundsätze menschlichen Zusammenlebens. Sie haben aber den Vorteil, nur mit zehn Regeln auszukommen, statt mit einer Unzahl von Gesetzen. Wer weiß schon, was im Strafgesetzbuch steht oder gegen welche Bestimmung des Bürgerlichen Gesetzbuches er gerade verstößt?
Das Schabbatgebot und das Gebot der Ehrung der Eltern heben sich nicht nur durch ihre positive Formulierung von den anderen Sätzen des Zehn Gebote ab. Sie allein handeln auch von der Heiligkeit und Besonderheit der Zeit und beziehen damit die Zeit selbst in Israels Grundverfassung ein. Der Schabbat geht auf die Schöpfung zurück. Durch die Heiligung jedes siebenten Tages steht er für das Gleichmaß des Jahres. Die zweite Fassung des Schabbatgebots führt ein anderes Motiv als das der Weltschöpfung an: »Gedenke, dass du Knecht warst im Land Ägypten, dass Er dein Gott dich von dort mit starker Hand, mit gestrecktem Arm ausgeführt hat: deshalb gebot dir Er dein Gott, den Tag der Feier zu machen« (5. Buch Moses 5,15). Entsprechend forderten die Weisen, in jedem Kiddusch – dem Segen über den Wein zur Heiligung des Schabbats und der Festtage – auch die Befreiung aus der Versklavung zu erwähnen.
Es gibt in unserem Alltag immer wieder Dinge, über die man gar nicht mehr nachdenkt, weil unser Alltag in Unschärfe ab-
gleitet, der Alltag so ist, dass man einige Grundsätze gar nicht mehr respektiert.
Zum Beispiel das Gebot ›Du sollst nicht stehlen‹. Wenn man heute in ein Hotelzimmer geht, liegt dort meistens ein Bleistift und ein Block. Ist es Diebstahl, wenn ich das mitnehme? Wo fängt Diebstahl an, wo hört er auf? Die Gebote regen dazu an, über Punkte nachzudenken, über die man sich im Alltag gar nicht mehr Gedanken macht. Das Gebot hilft uns, daran zu erinnern, dass Eigentum zu respektieren ist.
Oder das Gebot ›Du sollst nicht ehebrechen‹. Es gibt jüdische Interpretationen, die meinen, dass sich die Monogamie nur auf eine Rechtsverordnung von Rabbi Gerschom aus dem 12. Jahrhundert bezieht. Demzufolge dürfe der jüdische Ehemann seine Frau durch Kebsfrauen »entlasten«, solange diese selbst nicht verheiratet sind. Ist das heute noch eine gültige Form des Verständnisses dieses Gebots? »Du sollst nicht ehebrechen« heißt natürlich heute nicht mehr, dass man lebenslang mit einem Menschen zusammenleben muss, aber das Gebot sagt einem, dass man seinen Partner nicht hintergehen soll.
Das Gebot der Ehrung der Eltern dagegen macht die Verantwortung des Einzelnen für die offene Folge der Generationen bewusst: »Damit sich längern deine Tage auf dem Ackerboden, den Er dein Gott dir gab« (2. Buch Moses 20,12). Hier wird deutlich, wie die Einhaltung dieser zehn (wie aller 613) Ge- und Verbote wirkt: lebensverlängernd.
Wichtig ist in jedem Fall, dass man die Gebote als Bestandteil des täglichen Le-
bens versteht, in dem Sinne, dass ich mich so verhalte, dass ich mir morgens beim Rasieren in die Augen gucken kann.

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