göttliche Stimme

Alles eine Frage der Wahrnehmung

von Alfred Bodenheimer

Unmittelbar anschließend an die Verkündigung der Zehn Gebote heißt es in der Tora: »Und das ganze Volk sah die Stimmen und die Fackeln und den Schofarton und den rauchenden Berg. Das Volk sah es, und sie zitterten und standen von ferne. Und sie sagten zu Moses, sprich du mit uns, und wir wollen hören, und Gott spreche nicht mit uns, damit wir nicht sterben.« (2. Buch Moses, 20,16-17).
Die berühmte sprachliche Schwierigkeit, dass das Volk Israel die Stimmen »gesehen« habe, hat die Kommentatoren stark beschäftigt. Raschi betont, das »Sehen der Stimmen« sei als außergewöhnliche, letztlich anschaulich unverständliche Erscheinung dieses spezifischen Ereignisses zu verstehen. Rabbiner Abraham Ibn Esra sieht die Verwendung des einen Verbs »sehen« auf optische und akustische Ereignisse zugleich als Hinweis auf die besonders intensive sinnliche Beanspruchung durch die Gesamterscheinung. Rabbiner Obadja Sforno schließlich versteht das »Sehen« nicht so sehr als Ausdruck des sinnlichen Verhaltens, sondern der geistigen Konzentration. Die Frage nach dem Sehen soll hier aber mit zusätzlichem Blick auf den nachfolgenden Vers erwähnt sein, in dem das Volk zu Moses ausdrück- lich sagt, es wolle ihn hören. Dieser Unterschied wirkt noch umso gewichtiger, als es zwei Sätze später, im Vers 19 heißt: »Und Gott sprach zu Moses, so sprich zu den Israeliten: Ihr habt gesehen, dass ich vom Himmel mit euch gesprochen habe.« Auch hier wird wieder ein scheinbar akustischer Akt Gottes durch das Sehen vom Volk wahrgenommen.
Es scheint, dass wir durch diese Szene und den verwirrenden Gebrauch des Verbes »sehen« Aufschluss über das Wesen der Prophetie gewinnen können. »Die Tora redet die Sprache des Menschen«, heißt es im Talmud (Berachot 31b). Dieser Grundsatz wird jedoch erst dann interessant, wenn Menschen (als Leser) nachvollziehen sollten, was Menschen (den Israeliten am Sinai) geschah. Denn die Letzteren waren ihrerseits über das Geschehene und über die Offenbarung höchst verwirrt.
Sei es nun, dass Gott die Zehn Gebote Wort für Wort dem Volk offenbart hat, wie es der Text der Tora vermittelt – oder sei es dass, wie andere Meinungen lauten, das Volk schon den Anfang der göttlichen Rede nicht ertragen und deshalb Moses um die weitere Verkündung gebeten hat. In jedem Fall müssen wir uns klarwerden, welchen Einschnitt in das kollektive und das jeweilige individuelle Dasein des Volkes dieser eine Moment der Offenbarung als Moment einer gemeinsamen prophetischen Erfahrung bedeutete.
Eine interessante Stelle im Zusammenhang mit der Ernennung Sauls zum ersten König (I. Buch Samuel, 9,9) lautet: »Vordem in Israel sagte der Mensch so, wenn er ging, Gott zu bitten: Auf, wir wollen zum Seher gehen. Denn den Propheten von heute nannte man vordem den Seher.« Diese Stelle lässt uns darauf schließen, dass »sehen« im Sprachgebrauch der Hebräer über das physische Sehen hinausging und immer schon auch als Fähigkeit zur Wahrnehmung prophetischer Visionen gebraucht wurde. Bei Bileam wird mit dieser erweiterten Bedeutung von »sehen« sogar gespielt: Er, der Prophet, hat nicht die Möglichkeit zu sehen, weshalb seine Eselin nicht weitergeht, als sie sich vom Engel mit dem Schwert bedroht fühlt. »Gott öffnete die Augen Bileams, und da sah er den Engel Gottes«, heißt es hier ausdrücklich (4. Buch Moses, 22,31). Wenn wir aber das »Sehen« auch als prophetisches Sehen begreifen, dann kann sich aber auch unsere Optik des Sinai-Erlebnisses verändern. Die Frage ist dann, ob sich am Berge Sinai äußerlich tatsächlich jene gewaltige Naturszene abspielte, wie sie die Kinder Israel sahen, oder ob hier von einer in sich Wunder genug kollektiven, aber von jedem einzeln gleichzeitig erfahrenen Prophetie die Rede ist.
Der Unterschied mag auf den ersten Blick unerheblich sein, denn es gab damals keine anderen Zeugen der Szene als die Israeliten. Wenn sie alles das gesehen haben, dann ist es unwesentlich, ob dies real stattfand oder nur in ihrer Vision. Doch gerade was die Unverständlichkeit jenes »Sehens von Stimmen« angeht, wäre eine prophetische, visionäre Wahrnehmung auch der Geräusche wie der Rede Gottes die adäquate Erklärung dafür, weshalb das Verb »hören« fehlt – sowohl in der Beschreibung im Vers 16, wie in Gottes Rede an Moses im Vers 19. Auch das, was in einer Vision als akustische Äußerung wahrgenommen wird, ist Teil des »Sehens«. Zu Moses hingegen sagt das Volk, es wolle ihn hören, denn hier geht es um einen gewöhnlichen Vorgang von Rede und Zuhören zwischen Menschen.
Ob Gott alle Zehn Gebote selbst ausgesprochen oder ob er, wie Rebbe Menachem Mendel von Rymanow, (19. Jh.), behauptete, nur das unbetonte »Alef« von »Anochi« (ich) – nur einen Nichtton, das reine Anheben zum Sprechen geäußert hat – das Volk verließ den Sinai mit dem starken Bewusstsein der Offenbarung, die sie nicht inhaltlich, sondern in ihrer äußeren Erscheinung an den Rand der Existenz gebracht hatte. Liest man das »Sehen« als Prophetie, so ergibt sich auch eine neue Möglichkeit, den Vers 19 zu lesen: »Und Gott sprach zu Moses, so sprich zu den Israeliten: Ihr habt eine prophetische Vision gehabt, denn vom Himmel habe ich mit euch gesprochen.«

Jitro: 2. Buch Moses 18,1 bis 20,23

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