Diabetes

Alles auf Zucker

von Peter Bollag

Ab und zu eine Spritze! Vielleicht nur alle paar Wochen! Und schon bekäme man die Diabetes in den Griff. Die heimtückische Krankheit wäre unter Kontrolle! Marc Donath arbeitet daran, dass dieser Wunsch bald in Erfüllung geht. Der 44-jährige gebürtige Genfer mit deutschschweizer Wurzeln forscht und lehrt seit Jahren über die Zuckerkrankheit.
Donath, der in einem religiösen Elternhaus aufgewachsen ist und auch einige Jahre an einer israelischen Jeschiwa verbracht hat, bezeichnet sich heute als »überzeugter Atheist«. Wenn aber Diabetes immer wieder als »jüdische Krankheit« bezeichnet wird, dann nimmt Donath das doch sehr ernst. Die verbreitete These, Juden erkrankten leichter an Diabetes, hält Donath für falsch. Das, sagt er, habe mehr mit der Unterscheidung zwischen Sefardim und Aschkenasim zu tun.
Aschkenasim seien stärker von genetischen Erkrankungen wie Brustkrebs betroffen. Das habe auch damit zu tun, dass sie in der Geschichte oft unter sich geblieben seien und sich entsprechend seltener mit anderen Bevölkerungsgruppen bei der Fortpflanzung durchmischt hätten.
Bei Diabetes seien es aber die Sefardim, die häufiger erkrankten. Bei dieser Bevölkerungsgruppe gebe es nämlich einen besonderen genetischen Hintergrund: Sie seien es ursprünglich gewohnt gewesen, mit weniger Nahrung auszukommen als etwa die Aschkenasim. Als sich das schließlich ausgeglichen und auch die sefardischen Jüdinnen und Juden mehr gegessen hätten, seien sie entsprechend öfters an Diabetes erkrankt. Das Phänomen, so Donath, lasse sich auch bei Teilen der arabischen Bevölkerung beobachten.
Marc Donath hat auch herausgefunden, dass die Therapieerfolge bei jüdischen Patienten, gleich ob es sich um Sefardim oder Aschkenasim handelt, im Allgemeinen höher seien als bei nichtjüdischen Patienten. Denn Juden lebten oft aufgrund der einschneidenden Kaschrut-Gesetze disziplinierter im Umgang mit ihrer Nahrung. Das gelte auch dann, wenn sie sich nicht hundertprozentig koscher ernährten. Generell spiele Nahrung in jüdischen Haushalten eine sehr wichtige Rolle: Juden äßen oft weniger Fleisch und wenn, dann eher Geflügel als Nichtjuden. Diese gesündere Ernährung sei ein Faktor, der die Diabetesquote generell eher senken würde.
Donaths jüngste Forschungsergebnisse haben mit der Frage, ob die Patienten jüdisch oder nichtjüdisch sind, nicht viel zu tun. Er fand heraus, dass bestimmte entzündungsfördernde Substanzen auch bei Diabetes eine wichtige Rolle spielen. Speziell ein Entzündungsstoff war ihm bei seinen Forschungen aufgefallen: Interleukin 1 beta, eine Eiweißsubstanz. Dieses Eiweiß hemmt die Insulinproduktion und sorgt gleichzeitig dafür, dass die Insulin produzierenden Zellen absterben – eine Entwicklung, die oft dafür verantwortlich ist, dass Patienten, die unter der sogenannten Altersdiabetes, heute Typ 2 genannt, leiden, irgendwann Insulin spritzen müssen.
Donath, der seine medizinischeAusbildung teilweise auch in Israel erhalten hat, erprobte dies an 40 Patienten. Ihnen wurden Antikörper gespritzt, die gezielt das genannte Interleukin binden. Daraufhin fiel der Blutzucker-Wert für mehrere Wochen – nach nur gerade mal einer Spritze. Donath hofft nun, dass er auf diese Weise den Blutzuckerwert der Probanden langfristig senken kann. Das könnte zu einem geringeren Sterberisiko für Diabetespatienten führen.
Für diese Studien hat Donath, der in einem kleinen Labor an der Zürcher Uni forscht, kürzlich den Preis eines großen Basler Pharmakonzerns erhalten. Das bedeutet für Marc Donath und sein Team eine Genugtuung – denn an dem Ort der Preisverleihung, in Rom, war er vor einigen Jahren auf einem anderen Kongress über Diabetesforschung für seine Theorien von einigen Berufskollegen noch ganz hart kritisiert, teilweise sogar verspottet worden. Diese Erfahrung sitzt bei ihm tief: »Ein bitterer Nachgeschmack der damaligen Reaktionen bleibt trotz der heutigen Freude.«
Dabei seien etliche seiner Berufskollegen in ihrer Diabetesforschung zu einem früheren Zeitpunkt schon eindeutig weiter gewesen als er: »Sie hätten eigentlich nur noch eine Türe öffnen müssen.« Neid sei da wohl oft auch eine Triebfeder gewesen.
Auf den besonderen jüdischen Bezug seines Forschungsthemas kommt Donath am Schluss noch einmal zu sprechen. Schließlich, sagt er, sei ein gesundes und entspanntes Leben eine der besten Diabetespräventionen, und die Institution des Schabbats als Ruhetag helfe dabei besonders, wenn man aus halachischen Gründen Lift oder Auto nicht benutzen dürfe.
Da kämen die Vorschriften des Judentums den Erkenntnissen der Diabetesforschung sehr entgegen. Und was macht der »überzeugte Atheist« Marc Donath? Er ist leidenschaftlicher Marathon-Läufer und joggt auch regelmäßig.

Feiertage

Chatima towa, oder was?

Was von Rosch Haschana über Jom Kippur bis Sukkot die korrekte Grußformel ist

von Rabbiner Yaacov Zinvirt  11.09.2026 Aktualisiert

Sachsen-Anhalt

BSW will AfD-Landtagspräsidenten mitwählen

Bundesweit ist es der AfD noch nie gelungen, das Amt eines Parlamentspräsidenten zu übernehmen – auch wenn sie die stärkste Partei war. Das könnte sich in Sachsen-Anhalt jetzt ändern

 08.09.2026

Bayern

Innenminister Herrmann geht von Brandanschlägen auf Rüstungsunternehmen aus

Nach einer Brandattacke auf eine Münchner Baustelle geht Bayerns Innenminister Herrmann von einem Anschlag mit politischem Hintergrund aus - und sieht ein größer werdendes Risiko

 03.09.2026

Berlin

Chabad-Gemeinde feiert 30-jähriges Bestehen

Musik, Street-Food und ein Festakt: Die jüdische Chabad-Gemeinde in Berlin hat ihr 30-jähriges Jubiläum gefeiert. Dabei gab es auch einen virtuellen Ausblick auf ein großes Bauprojekt, das nächstes Jahr starten soll

 30.08.2026

Westjordanland

Auslandspresseverband in Israel fordert Schutz für Journalisten

Gewalttätige Siedler attackieren US-Journalisten im Westjordanland – der Auslandspresseverband warnt vor einem gefährlichen Trend

 30.08.2026

Antisemitismus

Ire in Frankreich verhaftet, nachdem er gedroht hatte, jüdisches Paar zu ermorden

Nachdem der Australier und seine Frau aus dem Tunesien-Urlaub zurück waren, gingen sie zur Polizei

 27.08.2026

Desinformation

Was steckt hinter dem International Burke Institute?

Die KI-Firma OpenAI hat nach eigenen Angaben eine verdeckte russische Beeinflussungskampagne aufgedeckt, die sich als israelisch inszeniert haben soll

 26.08.2026

Würdigung

Hamburg ehrt Esther Bejarano und Jina Mahsa Amini

In der Hansestadt gibt es künftig eine Esther-Bejarano-Straße und einen Jina-Mahsa-Amini-Park

 24.08.2026

Nahost

Israel soll Militärflugplatz in Nordsyrien attackiert haben

Israel hat seit dem Umsturz wiederholt auch Ziele in Syrien ins Visier genommen. Nun wird ein erneuter Angriff gemeldet. Der US-Sondergesandte für Syrien übt deutliche Kritik

 18.08.2026