Anna Michaltschuk

Alleingang

von Tobias Kühn

Bis zur Gewissheit waren es drei Wochen. Am vergangenen Donnerstag fanden Schleusenwärter Anna Michaltschuks Leiche in der Spree in Berlin‐Mitte. Ihr Mann hat sie anhand des Eherings identifiziert, in ihren Taschen fand man Steine. Noch liegt der Obduktionsbericht nicht vor, doch die Ermittler und auch der Mann der Toten, der Philosophieprofessor Mikhail Ryklin, gehen davon aus, dass die 52‐jährige Lyrikerin, Fotografin und Videokünstlerin ih‐ rem Leben selbst ein Ende gesetzt hat.
Am 21. März, es war Karfreitag, soll sie sich verabschiedet und die Wohnung verlassen haben, um einkaufen zu gehen – obwohl an diesem Tag die meisten Läden geschlossen hatten. Dies war nur eines von vielen Rätseln um die Vermisste. Mysteriös nannten die Medien daher ihr Verschwinden, und die Ermittler schalteten den Staatsschutz ein, denn Ehemann und Freunde hielten ein politisch motiviertes Verbrechen für möglich.
Wer war Anna Michaltschuk, die man in Russland unter ihrem Künstlernamen Anna Altschuk kannte? Menschen, die sie gut gekannt haben, beschreiben sie als eine kleine, zarte, aber sehr vitale Frau, die immer am Leben teilhaben wollte. Doch gerade das scheint in den letzten Monaten fast unmöglich für sie gewesen zu sein. Ende November vergangenen Jahres war sie mit ihrem Mann nach Berlin gekommen, er hatte an der Humboldt‐Universität eine Gastprofessur angetreten. Anders als er sprach sie nur wenig Deutsch. Langjährige Freunde sagen, man sei in letzter Zeit nur schwer an Anna Michaltschuk „herangekommen“. Es habe sie geschmerzt, aufgrund der Sprachschwierigkeiten nicht auf gewohntem Niveau kommunizieren zu können. Auch konnte sie in Berlin nicht damit rechnen, dass ein größeres Publikum sich für ihre Arbeit interessieren würde. Das ist tragisch für eine Künstlerin und schlimm für einen Menschen, der das Leben liebt. Wie viel schlimmer aber muss es für eine Frau gewesen sein, die ihre Depression gerade durch Aktivitäten bekämpft? Weggefährten sagen heute: „Wir haben deutlich gespürt, dass es ihr schlecht ging. Aber dass es Depressionen waren, die man klinisch hätte behandeln müssen, ahnten wir nicht.“
Anfang März, drei Wochen vor ihrem Verschwinden, kehrte Anna Michaltschuk von einer Reise aus Russland zurück. Freunde erinnern sich, sie sei betrübt gewesen. „Es enttäuschte sie, dass sich das Verhältnis zu Moskauer Bekannten verändert hatte“, sagt ihr Mann. Schon seit Jahren habe sie das Gefühl gehabt, ausgegrenzt zu werden. Die Wirklichkeit bestätigte ihr dieses Gefühl.
Im Januar 2003 hatte Anna Michaltschuk an einer Ausstellung im Moskauer Sacharow‐Zentrum teilgenommen. Die Schau trug den Titel „Achtung, Religion!“ und wies auf die zunehmende Rolle der russisch‐orthodoxen Kirche im Putin‐Reich hin. Nur vier Tage nach der Eröffnung wurde die Ausstellung vom national‐christlichen Mob, einigen militanten Mitgliedern einer orthodoxen Kirchengemeinde, zerstört. Vor Gericht gestellt wurden jedoch nicht die Täter, sondern die Künstler. Mit der Begründung, nationalen und religiösen Zwist zu schüren, begann 2004 ein Gerichtsprozess. Angeklagt wurden der Leiter des Sacharow‐Zentrums, die Kuratorin und als einzige Künstlerin Anna Altschuk. Warum gerade sie aus der Gruppe der 40 an der Ausstellung beteiligten Künstler vor Gericht gestellt wurde, ist unklar. Altschuks Mann Mikhail Ryklin, der in seinem Buch Mit dem Recht des Stärkeren den Prozess schildert, vermutet, es sei Rache gewesen dafür, dass seine Frau nach der Zerstörung der Ausstellung gegen die Hetze protestiert hatte, der die Künstler ausgesetzt waren. Freunde des Ehepaares glaubten damals, es könne Vergeltung dafür sein, dass Ryklin die Zerstörung der Ausstellung öffentlich eine organisierte, gut geplante Aktion genannt hatte.
Das Gericht sprach Anna Altschuk nach sechsmonatigem Verfahren zwar frei, doch sie war stigmatisiert. Die Kunstszene wollte mit ihr nichts mehr zu tun haben, viele waren eingeschüchtert und mieden fortan den Kontakt. „Das tat ihr sehr weh“, sagt Mikhail Ryklin. Der Gerichtsprozess, die Beschimpfungen und der ungebremste antisemitische Hass im Verhandlungssaal müssen diese zarte Frau sehr verändert haben. Und es war in dieser Zeit, als in Anna Michaltschuk das Bewusstsein wuchs, Jüdin zu sein. Der vom Staat geschürte Ausbruch des Volkszorns brachte sie dazu.
Anna Michaltschuk ist tot. Für ihre mutmaßliche Verzweiflungstat mag es mehrere Ursachen geben, und manche wird man nie erfahren. Eine jedoch wird die kafkaesk anmutende Erfahrung gewesen sein, plötzlich angeklagt zu werden und im Gerichtssaal zu stehen in einer Welt, von der sie sich nicht vorstellen konnte, dass sie nach Ende der Sowjetunion überhaupt noch existiert.

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