Pessach

Alle an einem Tisch

von Beni Frenkel

Dieses Jahr liegt Pessach für David ziemlich blöd. Am Donnerstag ist erster Pessachtag. Das ist schön. Seine Klasse schreibt da aber auch zwei Klausuren in Mathe und Geschichte. Das wäre eigentlich auch schön, weil David dann nicht da ist, sondern in der Synagoge. Aber in Wahrheit ist es, Entschuldigung, saublöd, denn David muss die Klausuren natürlich nachholen. Die Prüfungen sind ziemlich wichtig, Davids Noten sind in der Vergangenheit immer schlechter geworden.
Was aber viel schlimmer ist: David ist vor ein paar Wochen in ein neues Gymnasium gekommen. Seine Schulkameraden kennen ihn erst ein bisschen, und ihm liegt eine Menge daran, nicht jetzt schon komisch aufzufallen. Wenn er aber mit seinen Mazzes im Speisesaal den Tisch vollkrümelt, werden ihn die anderen entweder für einen Knäckebrot‐Schweden oder für einen Oblaten‐Fresser halten, todsicher. Wahrscheinlich wird er das »Brot der Freiheit« in der Toilette essen müssen.
Überhaupt findet David, dass Pessach dieses Jahr vielleicht das Fest der Erlösung aus der Knechtschaft ist, aber ganz sicher nicht das Fest der Freude. Auch Davids Vater jammert. Seine Firma lässt ihn ungern schon am Mittwoch gehen. Und als sie gehört haben, dass eine Woche später schon wieder jüdisch gefeiert wird, haben sie keine Freudensprünge gemacht.
Auch Davids Mutter wird von Tag zu Tag nervöser. Sie schrubbt und schrubbt die Wohnung, vertreibt die Familie aus immer mehr »pessachdigen« Zimmern. Bald wird sie ein ziemliches Nervenbündel sein.
Und auch Davids Schwester ist nicht zu beneiden. Sie hat blühende Akne und einen nichtjüdischen, heimlichen Freund. Eigentlich wollte sie ihn der Familie am Sederabend vorstellen – er heißt Jürgen –, aber da hat sie nicht mit der resoluten Haltung ihrer Mutter gerechnet. »Was, du schleppst mir einen Goj nach Hause, für den ich zwei Monate lang die Wohnung geputzt habe?« Danach wurden ziemlich laut ein paar Türen geknallt. Mutter weinte und entschuldigte sich für ihre Worte, doch die Schwester rannte heulend aus der Wohnung. Sie werde »nie, nie, nie« jüdisch heiraten. Und dann hat sie zu ihrer Mutter noch ein paar Sachen gesagt, die hier aber nicht stehen müssen.
Zu allem Überfluss ist Davids kleiner Bruder letzte Woche in der Pause auch noch in eine Schlägerei geraten und musste zum Arzt gebracht werden – war aber nichts Schlimmes.
Als die Familie sich dann endlich wieder versöhnte und – Familientradition – eine große Pizza Margherita bestellte, rief die Mutter von Davids Vater an. Warum man sie nicht eingeladen habe zum Pessachseder, jammerte sie ins Telefon. Im Altersheim würde vermutlich wie letztes Jahr Frau Kornblum neben ihr sitzen und sich an der harten Mazza ihr Gebiss ruinieren. Ob sie nicht zu ihnen kommen dürfe. Sie hätte Daniel, äh David, schon sooo lange nicht mehr gesehen …!
Uff!
So ist es jedes Jahr. Kurz vor dem Seder wird noch mal alles schieflaufen, doch am Abend kehrt dann diese einzigartige Stimmung ein, wenn Muttis Mazzeknödel so herrlich dampfen und Davids Schwester einigermaßen erträglich ist. Der Sederabend wird bis Mitternacht ge‐ feiert. Die Geschwister verstecken den Afikoman und wünschen sich etwas, und Davids Vater hat versprochen, dieses Jahr keinen Wein, sondern nur Traubensaft zu trinken.
Der kleine Bruder darf, ja muss die »Ma nischtana«-Fragen stellen. Mal sehen, ob der alte Herr Ostropowitsch, der Religionslehrer, dieses kleine Ungeheuer zähmen konnte.
Und wie jedes Jahr wird Vater seine immergleichen Erklärungen zur Haggada vortragen. Da er ohne Religionsunterricht aufgewachsen ist, kann er nicht so gut Hebräisch lesen und braucht dementsprechend lang dafür. Und obwohl er zwei Wochen die verschiedenen Melodien jeden Abend auf einer CD gehört hat, wird er sich an keine mehr erinnern können. Jedes Jahr das Gleiche.
Wer sonst noch dabei ist? Oma – na klar! Wie immer. Sie wohnt ja gar nicht in einem Altersheim. Vater sagt, sie sei halt mit den Jahren im Kopf ein bisschen müde geworden. Oma wird Daniel, äh David, wieder ein Buch über Pilze schenken und den ganzen Abend einfach nur gütig vor sich hinlächeln. Trotzdem ist es für David das tollste Fest. Was interessieren ihn da noch Mathe‐ und Geschichtsklausuren? He, Mann, ich wurde gerade aus Ägypten befreit!

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