Behindertenprojekt

Aktion Mensch

von Beatrice Maisch

»Für uns Juden ist die Mizwa, die gute Tat, doch das oberste Gebot«, sagt Esther Sztabelski. Die 60‐jährige Israelin engagiert sich für eine Selbsthilfegruppe, die seit 2005 in Frankfurt besteht. Familien mit geistig behinderten Kindern treffen sich regelmäßig. Sie kochen und spielen miteinander oder reden einfach nur. Seit Kurzem unternimmt die Gruppe auch Ausflüge ins Umland. Esther Sztabelski hat ihre Organisation übernommen.
Die alleinstehende Wiesbadenerin hatte im vergangenen Jahr von dem Projekt der Zentralwohlfahrtsstelle der Juden in Deutschland (ZWSt) erfahren. Als Mutter einer 35‐jährigen Tochter mit motorischen Behinderungen hatte sie sich zunächst nicht angesprochen gefühlt. Aus Neugier und weil sie Kontakt zu anderen Juden suchte, ging sie mit Miriam dann aber doch zu einem Chanukka‐Essen: »Wir waren nur drei Mütter mit ihren erwachsenen Kindern. Meiner Tochter hat es sehr gut gefallen«, erzählt sie.
Esther Sztabelski machte sich Gedanken, was die Gruppe künftig unternehmen könnte. Ihre Idee: Ein Ausflug in den Rheingau. Sie organisierte die Fahrt für den 15. April dieses Jahres. Die ZWSt verschickte die Einladungen an Familien mit zumeist geistig behinderten Kindern. Auf die gute Resonanz ist die Organisatorin heute noch stolz: »Wir hatten 20 Anmeldungen. Als wir uns am Wiesbadener Hauptbahnhof trafen, waren wir dann sogar 24 Leute.« Auch das Wetter spielte mit: Bei viel Sonne und Temperaturen um 30 Grad genoss die Gruppe eine Schifffahrt auf dem Rhein und ein Mittagessen im idyllischen Weinort Rüdesheim. Anschließend besuchten sie das Niederwalddenkmal und unternahmen eine Fahrt mit Pferdekutschen.
Die Teilnehmer stammten keineswegs nur aus der Rhein‐Main‐Region, auch aus dem Marburger Raum und dem Saarland waren sie angereist. »Jüdische Zuwanderer, die in ländlichen Gebieten leben, sind oft sehr einsam«, hat Esther Sztabelski beobachtet. Dort sind zudem die Möglichkeiten, ein behindertes Kind zu fördern und betreuen zu lassen, wesentlich schlechter als in der Stadt. Für diese Familien sind Kontakte zu Bewohnern in der Metropole besonders interessant. Derzeit versucht Esther Sztabelski gerade, einer Familie zu helfen, ihren Wohnsitz nach Frankfurt zu verlegen. »Das ist gar nicht so einfach, denn die Zuwanderer werden den Gemeinden zugewiesen und können nicht einfach umziehen.«
Auch finanziell geht es vielen dieser Familien nicht gut. Ihre erwachsenen Kinder bekommen zumeist die staatliche Grundsicherung mit einem Regelsatz von 345 Euro monatlich. Einige Eltern beziehen Hartz IV. Der Ausflug nach Rüdesheim war nur möglich, weil die jüdischen Gemeinden von Frankfurt und Wiesbaden den größten Teil der Kosten übernahmen. Auch kleinere Gemeinden zahlten etwas für ihre Mitglieder hinzu.
So wurde der Tag im Rheingau ein voller Erfolg. »Die Familien waren so glücklich«, berichtet Esther Sztabelski. »Die Kinder haben gestrahlt, dafür war die Mühe so gering.« Doch sie bemerkte auch, was sich noch verbessern ließ: »Das Programm war ein bisschen zu vollgepackt. Alle waren am Ende sehr müde.« So fiel der nächste Ausflug etwas bescheidener aus: Eine Besichtigung Frankfurts mit kurzer Schifffahrt und Mittagessen. Diesmal machte die Organisatorin auch eine schlechte Erfahrung. Sie musste bei sieben Restaurants anfragen, bis eines bereit war, die »turbulente Truppe« zu bewirten. Eine der absurden Ablehnungen lautete: »Unser Essen wird Ihnen nicht schmecken.« Die italienischen Gastgeber, bei denen die Ausflügler schließlich einkehrten, nahmen sie dafür umso freundlicher auf.
Esther Sztabelski lebt seit 46 Jahren in Deutschland. Ihre Tochter kam schon im sechsten Monat und behindert zur Welt. Seit der Geburt ihrer Tochter kämpft Esther Sztabelski immer wieder für Integration. Einst prozessierte die resolute Mutter gegen die Stadt Berlin, weil ihre Tochter in eine Behindertenschule gehen sollte. »Das wollte ich nicht, und ich habe gewonnen!« Auch jetzt ist ihr sehr daran gelegen, dass die Selbsthilfegruppe keine »isolierte Kiste« ist. Sie wünscht sich, dass auch Familien mit nicht behinderten Kindern oder interessierte Einzelpersonen an den Veranstaltungen teilnehmen.
Die Ausflüge würde sie künftig am liebsten in monatlichen Abständen veranstalten. »Sonst gehen die Kontakte leicht wieder verloren.« Zudem ermöglichen regelmäßige Termine den Eltern, ihre Kinder rechtzeitig von den Heimen, Betreuungsstellen oder Arbeitsplätzen abzumel‐ den. Der nächste Ausflug führt in die Landeshauptstadt Wiesbaden: Auf dem Programm steht eine Rundfahrt mit der historischen Kleinbahn und ein bunter Abend in der Jüdischen Gemeinde.
Doch Esther Sztabelski möchte noch einige Schritte weitergehen: »Wir würden so gern ein paar Häuschen in Frankfurt erstehen, um WGs für Behinderte einzurichten.« Um das finanzieren zu können, müsste die Selbsthilfegruppe ihren rechtlichen Status ändern. Denn im Gegensatz zu einem Verein oder einer Stiftung darf sie keine Spenden annehmen. Auch auf finanzielle Unterstützung von nichtjüdischer Seite hofft Esther Sztabelski – etwa von der »Aktion Mensch« oder dem Landeswohlfahrtsverband. Denn sie möchte, dass ihr Telefon noch häufig klingelt und eine Mutter erzählt: »Mein Kind hat sich so sehr gefreut, dass es gar nicht einschlafen konnte.«

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