Scharons Krankheit

Ärztliches Staatsgeheimnis

von Wladimir Struminski

Tamir Ben-Hur gab sich optimistisch. Der kleine Schlaganfall, den Ariel Scharon erlitten hatte, habe keinerlei Spuren hinterlassen. Die Wahrscheinlichkeit, daß sich ein Gehirninsult nicht wiederholen werde, sei sehr hoch, erklärte der Neurologe des Regierungschefs am 20. Dezember. Schließlich sei Scharons allgemeiner Gesundheitszustand gut. Zwar müsse ein angeborenes kleines Loch im Herzen des prominenten Patienten – möglicherweise ist es Mitursache des Schlaganfalls – geschlossen werden, doch dies sei Routine. Bis zum Operationstermin am 5. Januar werde der Kranke blutverdünnende Mittel bekommen, damit eine erneute Gerinnselbildung verhindert werde.
Es kam anders, wie man weiß. Awraham Lazri von der Reha-Anstalt Re’ut stellt fest, der Premier befinde sich in einem »vegetativen Zustand«. Haben Scharons Ärzte – die besten ihres Fachs – einen Anfängerfehler begangen? Oder ließen sie sich in eine politisch motivierte Verharmlosungskampagne einspannen, mit der der Ministerpräsident drei Monate vor der Knessetwahl seinen Gesundheitszustand schönzureden versuchte? Glaubt man jüngsten Enthüllungen, ist beides nicht auszuschließen.
Nach einem Bericht der Tageszeitung Haaretz hatten die Mediziner bereits einen Tag nach dem ersten Schlaganfall erkannt, daß Scharons Gesundheitszustand äußerst besorgniserregend war. Zum einen litt der Ministerpräsident an zerebraler Amyloid-Angiopathie, Eiweißablagerungen im Gehirn, die das Blutungsrisiko stark erhöhen. Deshalb war es keine Selbstverständlichkeit, Scharon blutverdünnende Medikamente zu verabreichen, die zu massiver Gehirnblutung führen können. Gleichzeitig aber – so will die Zeitung erfahren haben – litt der Premier an einer Erweiterung der Herzkammerwand, was die Bildung von Blutgerinnseln begünstigt. Die Ärzte mußten sich bei ihrer Behandlung also zwischen zwei tödlichen Risiken entscheiden.
Das renommierte Hadassah-Krankenhaus in Jerusalem weist den Vorwurf der Verheimlichung weit von sich. Bei der Pressekonferenz der Ärzte, so eine Stellungnahme von Hadassah, sei keine Erkrankung unerwähnt geblieben. Für Sahawa Gal-On, Fraktionsvorsitzende der links- liberalen Meretz-Partei, besteht dennoch der Verdacht auf »einen der größten politischen Skandale in Israels Geschichte«. Deshalb fordert die Parlamentarierin die Einsetzung einer Untersuchungskommission, die Licht in die Affäre bringen soll. Andere Kommentatoren räumen zwar ein, daß die Mediziner gegen Scharons Willen keine Angaben über seine Erkrankungen machen durften. Das erkläre aber nicht, warum sie dem Premier einen guten Gesundheitszustand bescheinigt hätten. Und erst recht nicht, warum sie ihn gänzlich aus ihrer Obhut entließen. Auch wenn der Erkrankte an seinen Schreibtisch zurückkehren wollte, hätte er, so zahlreiche Medi- ziner, unter ärztlicher Aufsicht bleiben müssen. Statt dessen hielt er sich am Abend des 4. Januar ohne Arzt auf seiner entlegenen Farm im Negev auf. So ging bei seiner Einlieferung in die Notaufnahme wertvolle Zeit verloren.
Die Vorgänge um Scharon werfen eine Grundsatzfrage auf: Dürfen die Krankheiten der Staatsführer dem Volk verschwiegen werden? In früheren Jahrzehnten war das gang und gäbe. So ließ sich die an Leukämie erkrankte Golda Meir jahrelang nur heimlich behandeln. Die Krebserkrankung ihres Amtsvorgängers Levi Eschkol war bis zuletzt ein Staatsgeheimnis geblieben. Als Menachem Begin Israel führte, wußte das Wahlvolk nicht, daß der glänzende Redner an Depressionen erkrankt war. Wie mag das seine politischen Entscheidungen beeinflußt haben?, fragte man sich erst hinterher. Versuchte sich auch Scharon bis zum Wahltermin Ende März als gesund durchzumogeln? Wie auch die Antwort ausfällt: Künftig werden die Israelis ihre Ministerpräsidenten im Wortsinne wohl »auf Herz und Nieren« prüfen.

Kommentar

Mit dem Kreuz gegen religiöse Vielfalt

Wie das neue Humboldt-Forum zu einem Symbol Berliner Intoleranz wird

von Andreas Nachama  28.05.2020

USA

Machanot trotz Corona

In Neuengland öffnet ein Sommercamp mit besonderen Schutzmaßnahmen

 19.05.2020

Corona-Krise

Fortschritte im Dialog der Religionen

Europäische Rabbinerkonferenz: Gemeinsame Herausforderungen lösen neue Dynamik aus

 14.05.2020

Extremismus

Zentralrat der Juden warnt vor Zunahme von Verschwörungstheorien

Proteste gegen Corona-Beschränkungen locken auch Hassprediger an. Viele sehen darin eine Gefahr

 10.05.2020

Israel

Maskenpflicht verhängt

Coronavirus: Gesundheitsministerium verschärft Vorschriften. Jerusalemer Stadtviertel abgeriegelt

 12.04.2020

London

Kandidaten für den Labour-Vorsitz stellen sich vor

Bewerber beantworten Fragen zu Antisemitismus und zur Ausrichtung der Partei

von Daniel Zylbersztajn  14.02.2020

Thüringen

»Definitiv ein Dammbruch«

Zentralratspräsident Schuster zur Ministerpräsidentenwahl: »Diese Einfallstore müssen wir wieder schließen«

 11.02.2020

Diplomatie

Knatsch zwischen Brüssel und Jerusalem

Israel wirft Belgien systematische Kampagne im UN-Sicherheitsrat gegen den jüdischen Staat vor

von Michael Thaidigsmann  07.02.2020

»Markus Lanz«

Atze Schröder bittet um Verzeihung

Komiker entschuldigt sich bei Schoa-Überlebender Eva Szepesi für Nazi-Verbrechen seines Vaters

 07.02.2020