Feiern im Freien

Ab in die Wildnis

von Indra Kley

Es ist drei Uhr nachts, irgendwo zwischen Jerusalem und Tel Aviv. Seit einer Dreiviertelstunde geht die Fahrt durch den Wald. Im Dunkeln, über holprige Pisten. Ist das wirklich der richtige Weg? Ja. Das Klopapier in den Bäumen, das die Eingeweihten zu dem Platz führen soll, und der für Ort und Uhrzeit recht rege Autoverkehr sind untrügliche Zeichen. Dann, ganz plötzlich, hinter dem nächsten Hügel, ist das Ziel erreicht: Auf einer Lichtung im Wald tanzen Hunderte Menschen zur Musik, an den Bäumen hängen bunte Lichter, am Rande der „Tanzfläche“ stehen einige Zelte, vor denen erschöpfte Frauen und Männer sitzen. Die Party, die hier mitten in der Wildnis steigt, ist illegal – und bei jungen Israelis unglaublich angesagt.
Bis zu zehn dieser sogenannten Nature Partys finden an den Sommer‐Wochenenden in Israel statt. Die Wurzeln liegen im fernen Osten: Im indischen Goa wurde bereits Ende der 80er‐Jahre im Freien zu Trance, einer Form der elektronischen Musik, gefeiert. Durch die zahlreichen Israelis, die nach ihrem Wehrdienst für mehrere Monate nach Indien reisen, kam Anfang der 90er‐Jahre ein Stück Goa nach Nahost: In der israelischen Natur stiegen die ersten Trance‐Partys.
Der Rahmen ist mit den Jahren größer und kommerzieller geworden, doch gilt noch immer: Je tiefer im Wald, je weiter in der Wüste, je ursprünglicher und unangetasteter der Ort ist, desto besser. Damit die Feiernden so viel Natur wie möglich spüren – und damit sie nicht entdeckt werden. Denn bei den Behörden angemeldet sind Nature Partys in der Regel nicht. „Wenn du das Ganze legal machst, kostet es einfach zu viel Geld, weil du die ganzen Auflagen erfüllen musst“, sagt Niv Edery (25). Mit seinem Freund Meidan Clop (26) organisiert er seit mehreren Jahren Trance‐Partys im Freien. Nicht für den Profit, wie er betont, sondern zum Spaß. „Wir lieben es zu feiern, und wir sind Naturburschen“, sagt Edery. „Wir mögen es einfach nicht, eingeengt zwischen allen möglichen komischen Leuten in der Disco zu tanzen.“
Bei der Polizei gehört das Auffinden und Auflösen der Nature Partys zu „den normalen Aktivitäten zwischen Donnerstag und Samstag“, sagt Polizeisprecher Micky Rosenfeld. „Wir haben es seit mehreren Jahren mit diesen Zusammenkünften zu tun. Wenn wir Informationen über eine solche Veranstaltung bekommen, fahren wir natürlich hin.“ Was dann genau passiere, hänge immer von der Situation vor Ort ab. Manchmal finde man nur kleine Ansammlungen im Wald vor, manchmal seien harte Drogen im Spiel.
Die Veranstalter bemühen sich, die Partys möglichst geheim zu halten. „Flyer machen wir nicht mehr“, sagt Edery. „Das ist zu riskant.“ Stattdessen setzen sie auf Mund‐zu‐Mund‐Propaganda. Im Bekanntenkreis oder auf anderen Partys erzählen sie, dass am Tag X „irgendwo im Norden“ oder „irgendwo bei Tel Aviv“ eine Nature Party stattfinden wird. Details gibt’s erst am Veranstaltungstag: Dann sprechen Clop und Edery die Wegbeschreibung auf ihre Handy‐Mailbox, die ab Mitternacht frei geschaltet ist und von den Eingeweihten, die die Nummer kennen, abgehört werden kann. Ab einer gewissen Stelle weist dann nur noch das Klopapier in den Bäumen den Weg durch die Wildnis.
Auch in dieser Nacht war die Polizei bereits da. „Aber sie haben nichts gemacht. Normalerweise wollen die eh nicht mit dir sprechen, sondern suchen nur nach Dealern“, sagt Michal Enbar. Die 24‐Jährige aus Jerusalem steht an der provisorischen Theke mitten im Wald. Eben noch hat sie getanzt, nun gönnt sie sich eine kurze Pause. Sie ist eine der Eingeweihten. Seit drei Jahren feiert die Kunststudentin jedes Wochenende draußen und gestaltet die Partys auch aktiv mit. Sie entwirft Installationen und Dekorations‐Elemente. „Hier, die große Metallsonne da vorne, die ist zum Beispiel von mir“, sagt sie und zeigt auf einen Baumstamm neben der Bar, an dem das Kunstwerk befestigt ist. Seit 12 Uhr Mittag ist sie bereits in dem abgelegenen Waldstück zwischen Jerusalem und Tel Aviv, hat beim Aufbauen geholfen und die Natur dekoriert.
Mittlerweile ist es schon fast fünf Uhr früh. „An solchen Tagen bin ich gut 30, 32 Stunden auf den Beinen, von Freitagmittag bis Samstagnachmittag“, erzählt sie. Wenn sie müde wird, ruht sie sich in der Chill‐out‐Zone aus, dem Ruhebereich neben der natürlichen „Tanzfläche“. Zelte stehen hier, Hängematten sind zwischen den Bäumen gespannt, auf dem Boden liegen Decken und Kissen, die die Partygänger mitgebracht haben. Einige dösen, andere grillen, manche sitzen im Kreis und rauchen einen Joint. „Ein Zelt gehört zu jeder Nature Party dazu“, sagt Enbar. „Dann kann man zwischendurch mal ein bisschen schlafen.“ Selbst um diese Uhrzeit kommen noch mehr voll beladene Autos in dem Waldstück an als abfahren. Enbar hat ihren toten Punkt überwunden. Sie trinkt ein Red Bull, „und danach tanze ich weiter.“
Bei manch anderem Partygast war offensichtlich mehr als ein Energy‐Drink nötig, um zu so später Stunde noch fit zu sein. Ein Mann, der auf der Lichtung tanzt, ist wie weggetreten. Unentwegt starrt er auf einen Punkt im Dickicht, während sein Körper sich monoton zu den elektronischen Rhythmen der Musik bewegt. Sein Kopf ist rot. Plötzlich torkelt er an den Rand, lässt sich auf den weichen Waldboden fallen, wo er, alle viere von sich gestreckt, liegen bleibt. Nach einigen Minuten steht er einfach wieder auf und tanzt weiter. Genauso monoton wie all die Stunden zuvor.
„Wir versuchen Leute zu vermeiden, die harte Drogen wie LSD, Ecstasy oder Trips nehmen“, sagt Meidan Clop. „Nach zehn Stunden sehen die nicht mehr schön aus.“ Auch Niv Edery will keine Dealer auf seinen Veranstaltungen haben. „Ich habe bereits genug Partys erlebt, wo die Leute nichts genommen und trotzdem wie die Tiere getanzt haben. Wenn es eine richtig gute Party ist, dann brauchst du sowieso nichts zu nehmen.“ Der Grat von der friedlichen Natur‐Fête zum Horror‐Trip ist allerdings schmal. „Wenn man mitten in der Nacht mit fünf Leuten auf LSD im Auto unterwegs eine Panne im Wald hat, dann ist das gar nicht schön“, erzählt ein ehemaliger Nature‐Party‐Gänger.
Michal Enbar hat sich bisher nur auf größeren Nature Partys etwas unwohl gefühlt. „Wenn da 1.000 Leute oder mehr sind, dann sind auch mehr Drogen im Spiel und mehr komische Menschen“, sagt sie. Die Party heute ist hingegen ganz nach ihrem Geschmack: „Nicht zu groß, nette Leute.“ Warum geht sie nicht ganz normal in eine Disco wie andere Menschen auch? „In der Natur zu tanzen, das ist wie Urlaub“, schwärmt sie. „Barfuss auf dem Gras oder dem Sand – ich fühle mich, als wäre ich wieder Kind. Und wenn die Sonne am Samstagmorgen aufgeht, dann ist das einfach der beste Weg, in den Tag zu starten.“
Als die Morgensonne das Waldstück in ein warmes Licht taucht, ist die Stimmung wirklich eine ganz besondere. Während für die Partygänger eine lange Nacht langsam zu Ende geht, beginnt für die Familie, die plötzlich an der Lichtung vorbeiwandert, der Tag mit einem Ausflug – und einem Schreck. Was all die Leute am frühen Morgen auf der Lichtung machen, können sie nicht verstehen. Irritierte Blicke auf beiden Seiten. Auch die Veranstalter haben nun noch einiges zu tun. „Wir räumen danach noch auf, um alles so zu hinterlassen, wie es war“, sagt Clop. „Das ist ja wohl klar! Es ist schließlich die Natur, die wir hier benutzen. Und es ist unser Land.“

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