Krieg in Gasa

72 Stunden Krieg

von Detlef David Kauschke

Yedioth Ahronoth berichtet am vergangenen Freitag ausführlich über die Gefechte an der militärischen und diplomatischen Front. „Kämpfe in Gasa und der UNO“, so lautet die Überschrift auf der Titelseite der größten israelischen Tageszeitung. Nathan Gelbart und Meir Widerker hätten die Reportagen und Kommentare wahrscheinlich zu Hause in der Internetausgabe des Blattes gelesen. Doch an diesem Tag erleben sie das Geschehen hautnah mit. Sie werden Augenzeugen von Raketenangriffen, erfahren von den Militärs einiges über Hintergründe und Strategien der Offensive in Gasa, lassen sich von Kommunalpolitikern die schwierige Situation der Bevölkerung auf israelischer Seite erläutern. Regierungssprecherin Miri Eisin, die sie bei der Tour im Süden begleitet, besorgt unterdessen übers Handy die neuesten Nachrichten aus der Sitzung des Jerusalemer Kabinetts. Es geht um die Fortsetzung der Operation „Gegossenes Blei“ und die Reaktionen auf Forderungen des UNO‐Sicherheitsrates nach einem Waffenstillstand.
Gelbart und Widerker vom Präsidium des Keren Hayesod Deutschland sind in ei‐
ner sogenannten Emergency Campaign Mission unterwegs: 72 Stunden in Israel. Mit dabei Christel und Johannes Dieck‐
mann von den christlichen Israelfreunden des Vereins „Ruf zur Versöhnung“.
Meir Widerker, Unternehmer und Ge‐
meindevorsitzender aus Stuttgart, hatte sich – erst zwei Tage vor Abflug wurden die Pläne konkret – trotz anderer wichtiger Termine zur Teilnahme an der Reise entschlossen, weil er seinen Gemeindemitgliedern und anderen Interessierten Informationen aus erster Hand geben will. Und der Berliner Rechtsanwalt Nathan Gelbart meint: „Wir sprechen immer von ‚unseren Brüdern und Schwestern in Israel‘. Dann ist es eine Selbstverständlichkeit, wenn die Familie in Not ist, dass man nicht nur im Geiste, sondern auch physisch vor Ort ist.“ Zudem gehe es auch darum zu sehen, wo Unterstützung benötigt wird.
Keren Hayesod ist schon länger im Sü‐
den Israels mit zahlreichen Projekten ak‐
tiv. Seit dem 27. Dezember, dem Beginn der Offensive, wird noch dringender Hilfe gebraucht, zum Beispiel bei der finanziellen Unterstützung von Terroropfern oder dem Ausbau von Sicherheitsräumen. Geld ist eine wichtige, aber nicht die einzige Möglichkeit, Solidarität zu zeigen. Das wissen die Menschen. Deshalb gibt es viele freundliche Reaktionen auf den Besuch aus Deutschland: „Kol Hakawod, alle Achtung, dass ihr gerade jetzt gekommen seid.“ Sderots Bürgermeister David Bous‐kila begrüßt die Gäste überschwänglich, nimmt sich viel Zeit. Es ist die erste europäische Delegation von Keren Hayesod in diesem Krieg. „Für uns ist wichtig zu erfahren, dass man uns im Ausland nicht vergessen hat.“ Er erzählt, dass seit acht Jahren – so lang wird seine Stadt bereits mit Raketen aus dem Gasastreifen beschossen – die Menschen in Angst und mit dem unsicheren Gefühl leben, dass die Regierung nicht genügend für ihren Schutz tut. Endlich werde gehandelt. „Doch jetzt redet die Welt nur darüber, was man den Menschen in Gasa antut. Es scheint, als ob Gerechtigkeit nicht viel zählt.“
Ähnliches hören die Gäste aus Deutschland auch im Lagezentrum des Landkreises Shaar Hanegev. Eine Unterredung im Bunker. Nur kurz wird das Treffen unterbrochen von „Zewa Adom“, dem Signal eines nahenden Raketenangriffs aus dem Gasastreifen. „Jetzt haben die Menschen genau 15 Sekunden Zeit, sich in Sicherheit zu bringen“, erläutert Generaldirektor Eli‐
ahu Segal. Auf einem Bildschirm ist zu sehen, wo die Sprengkörper einschlagen. Schon eine Viertelstunde zuvor waren an diesem Vormittag zwei Kassam‐Raketen niedergegangen. Eine nur ein paar Hundert Meter vom Lagezentrum entfernt. Es gab nur leichte Sachschäden. Die Metall‐reste der Raketen sehen die Gäste später wieder, auf dem Hinterhof der Polizeistation, beschriftet mit dem Datum und dem Ort des Einschlags.
In unmittelbarer Nähe zur Polizeistation liegt das Trauma‐Center. Dorthin kommen Menschen mit Angstzuständen: Sie erhalten hier erste Hilfe, sagt Psychotherapeut Alex Ostrobrod, der an diesem Tag Dienst tut. Er kommt aus Aschkelon, wo auch das Barzilai‐Medical‐Center täglich zahlreiche Traumaopfer behandelt. Als die kleine Gruppe dort vorfährt, gehen die Sirenen los. Raketenalarm. Die Besucher stürzen aus dem Minibus, rennen in die Aufnahme des Krankenhauses. Sie ist unterirdisch gelegen, daher einigermaßen sicher, erläutert Kinderarzt Michael Armoni. Der Rest des Gebäudes ist es nicht. Viele Kranke wurden bereits verlegt. Doch in der orthopädischen Station herrscht Hochbetrieb. „Wir sind jetzt im Notfallzustand“, sagt Armoni fast entschuldigend. Hier liegen verwundete Soldaten, wie der 20‐jährige Guy Shoshan von der Golani‐Einheit, der im Gasastreifen die Kugel eines Scharfschützen in den linken Arm abbekam, neben anderen zivilen Patienten. Was im Falle eines Raketenangriffs passiert? „Die Jüngeren können in sichere Teile des Gebäudes flüchten. Die alten Leute bleiben liegen. Es ist brutal, das zu sa‐
gen. Aber so ist die Realität.“
Am Sonntag kehren Gelbart und Wi‐
derker nach Deutschland zurück. Zahal setzt ihre Operation fort. Die Hamas feuert weiter auf Aschkelon, Beer Schewa und Sderot. Wie Yedioth Ahronoth berichtet, wird dabei unter anderem auch das Haus von Bürgermeister Bouskila getroffen. Der hatte den Gästen zwei Tage zuvor gesagt: „Egal, was kommt, wir halten jetzt durch. Bis wir endlich wieder in Ruhe leben können.“ Auch davon werden Gelbart und Widerker zu Hause berichten.

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