Minikredite

1.000 Dollar Hoffnung

Für 1.000 US-Dollar hat Awatef fünf Schafe gekauft. Die liefern ihr jetzt Wolle und auch Milch, aus der sie Käse herstellen kann. Awatef hat den Teufelskreis aus Arbeitslosigkeit und Armut durchbrochen. Sie ist zufrieden. Dank des Projektes Sawa hat die Beduinin neuen Lebensmut gefasst. Sawa ist Arabisch und bedeutet »Zusammen«. Das ist es, worauf das einzigartige Projekt setzt: Zusammenhalt. Das erste Programm für Minikredite in Israel eröffnet einen Ausstieg aus der Verelendung, bietet Hoffnung für die Ärmsten der Armen im Land. Gerade ist das 1.100. Darlehen vergeben worden. Es ist das bislang einzige Projekt für Mikrofinanzierung in Israel. »Leider ist dieser Bereich bei uns noch völlig unterentwickelt«, sagt Initiatorin und Leiterin Chagit Rubinstein. Sawa geht auf die Idee des Friedensnobelpreisträgers Muhammad Yunus und seine Grameenbank zurück, die den Unterprivilegierten in Bangladesch Kleinstkredite ohne Garantien gewährt und ihnen so ein neues Leben ermöglicht. Mit dem geliehenen Geld, das können schon einige wenige Dollar sein, wird etwa ein Huhn angeschafft, um die Eier zu verkaufen oder Holz, um einen Stand für den Wochenmarkt zu zimmern. Die Ideen sind so vielfältig wie die Menschen, die das Geld bekommen. Eins jedoch haben alle Begüns- tigten gemeinsam: sie sind arm und keine Bank der Welt würde ihnen einen Kredit gewähren.

Armut Rubinstein stammt aus dem Kibbuz Kfar Blum, studierte erst in Frankreich und dann in den USA Mikrofinanzierung. Es sei schon immer ihr Traum gewesen, etwas gegen die Armut in ihrem Heimatland zu tun. Auf besonders großes Interesse stieß ihre Idee, das Prinzip der Grameenbank nach Israel zu importieren, anfangs jedoch nicht. Sie erinnert sich: »Viele Leute hielten den Vorschlag für völlig überflüssig. ›Hier ist doch nicht Bangladesch‹, unkten sie.« Die Initiatorin aber hielt dagegen, dass in einigen Gegenden des Landes, zum Beispiel die Beduinendörfer der Negev etwa, die Armut ähnlich groß sei. Sie setzte sich durch. Mithilfe der israelischen Zweigstelle von Koret in San Francisco, einer Stiftung für die Stärkung des privaten Sektors, kehrte sie zurück nach Israel. Der erste Kredit wurde vor genau drei Jahren ausgezahlt. Bislang vergibt Sawa Darlehen ausschließlich an Beduininnen. Ein Projekt mit Araberinnen im Norden ist bereits im fortgeschrittenen Stadium der Planung, doch Rubinstein wünscht sich eine Ausdehnung in weitere Bereiche der israelischen Gesellschaft: »Ich bin mir sicher, dass auch ultraorthodoxe jüdische Frauen von unserem Projekt profitieren und will es in der Zukunft in dieser Gemeinde einführen.« Jedoch hat auch vor dieser Hilfsorganisation die Finanzkrise nicht haltgemacht. »Ja, es hat uns getroffen«, gibt Ru- binstein zu, »doch wir stehen noch und machen in jedem Fall weiter, wenn auch etwas angeschlagen.«

Solidarität Der durchschnittliche Kredit beträgt 1.000 US-Dollar, die Laufzeit ein Jahr. Zinsen oder Sicherheiten werden bei Sawa nicht verlangt. Die Vergabe erfolgt auf Basis des Solidaritätsprinzips, obwohl der Kredit individuell vergeben wird. Das heißt, dass die Gruppe Sawa die Rückzahlung garantiert, sollte die Schuldnerin nicht mehr zahlen können. »Doch die meisten Frauen zahlen die Raten jeden Monat rechtzeitig zurück, weil ihre neuen Geschäfte ihnen so viel bedeuten«, weiß Rubinstein. Wichtiger sei es, die Tilgung nicht über Banken abzuwickeln, denn meisten Kreditnehmerinnen hätten schlechte Erfahrungen mit den Geldinstituten gemacht. Daher werden die Schulden per Postanweisung zurückgezahlt. »So wird die Angst genommen, das ist ein sehr wichtiger Punkt.« Sawa unterhält in der Beduinenstadt Rahat ein Büro mit sechs arabischen Mitarbeitern, die sich um alles Organisatorische, wie die finanzielle Abwicklung, vor allem aber um die Überzeugungsarbeit kümmern. Eine äußerst sensible Angelegenheit: »Die Beduinengesell- schaft ist patriarchalisch. Allein der Mann hat das Sagen, macht die Regeln. Das wollen und können wir nicht ändern, sondern in unsere Arbeit mit einbeziehen.« Viele Frauen dürften ihre Dörfer, manchmal sogar noch nicht einmal die Zelte verlassen. »Das muss bei der Kreditvergabe bedacht werden«, macht die Rubinstein klar. Es passiert auch, dass die Mit- arbeiterinnen von Sawa gar nicht erst ins Haus gelassen werden. Das jedoch sei die Ausnahme.

Ideen Trotz der Einschränkungen haben die Beduininnen viele Vorschläge: Es geht oft um Minigeschäfte, aber für die Beteiligten bedeuten sie riesige Veränderungen ihrer Lebensumstände: Manche bringen Waren aus der Negevhauptstadt Beer Scheba in ihre Dörfer, um sie an andere Frauen weiterzuverkaufen, die nicht reisen können. Andere besorgen sich von dem Geld einen Backofen und bieten ihr Gebäck in der Nachbarschaft an oder schaffen sich Tiere an und ziehen mit deren Produkten von Haus zu Haus. Eine Frau kaufte mit dem Geld von Sawa eine elektrische, gebrauchte Nähmaschine, um Kleider zu schneidern. Nach der Rückzahlung des Darlehens erhielt sie ein zweites, mit dem sie einen Laden eröffnete, in dem sie ihre Kleidung verkaufte. Drei Jahre nach dem ersten Darlehen machte die Beduinin nun ihr zweites Geschäft in Beer Scheba auf, das ihre Tochter leitet – eine Erfolgsgeschichte mit nur 1.000 Dollar Startkapital. Die meisten Kreditnehmerinnen sind zwischen 23 und 40 Jahre alt. »Sawa gibt eine neue Perspektive«, ist Rubinstein überzeugt. »Wir sehen es immer wieder daran, wie anders die Frauen auf einmal reden, wie sie aussehen, sich anziehen und geben. Es ändert in positiver Weise die Einstellung zum Leben.«

Berlin

Urteil zu Angriff auf Lahav Shapira erwartet

Nach einem antisemitischen Angriff auf einen jüdischen Studenten in Berlin ist der Fall neu vor Gericht verhandelt worden. Im Mittelpunkt des Berufungsverfahrens steht die Höhe der Strafe. Ein Urteil wird am Montag erwartet

 13.04.2026 Aktualisiert

Fussball

Kopfball mit Kippa

Die Halle war voll, der Spaß groß: Zum ersten Mal trafen zwölf jüdische Teams beim Berlin Jewish Football Cup in Spandau aufeinander

von Jan Feldmann  01.04.2026

Podcast

»Arbeiten im Krieg ist eine große Herausforderung«

Zwischen Bomben und Bunker: Wie unsere Korrespondentin in Tel Aviv ihren Alltag erlebt

von Jan Feldmann, Sabine Brandes  01.04.2026

Video

Zwischen Matzen und Kneidlach: Stimmen aus einem koscheren Supermarkt

Kurz vor Pessach: Vorbereitungen auf den Feiertag – Stimmen aus »Kosherlife«

von Jan Feldmann  01.04.2026

Wirtschaft

Iran-Krieg treibt Inflation auf höchsten Stand seit 2024

Teurer Sprit, steigende Preise für Strom und Gas: Die Kämpfe im Nahen Osten haben schon im ersten Kriegsmonat die Verbraucherpreise angeheizt. Bald könnten auch andere Warengruppen betroffen sein

von Alexander Sturm und Christian Ebner  30.03.2026

Die israelische Raketenabwehr hat eine aus dem Libanon anfliegende Terror-Rakete im Visier.

Nahost

Libanon muss jetzt handeln

Die Hisbollah hat äußeren Druck jahrzehntelang in politische Stärke verwandelt. Doch ihr aktueller Legitimitätsverlust ist hausgemacht — und eröffnet dem Libanon erstmals die Chance, das Machtgefüge im eigenen Land zu verändern.

von Leo Benderski  26.03.2026

Berlin

»Grenzen der Erinnerung erweitern«

Argentinien hat von Israel die Präsidentschaft der International Holocaust Remembrance Alliance übernommen. In der Botschaft des südamerikanischen Landes wurde das mit einer Zeremonie gefeiert

 26.03.2026

Nahost

Israels Kriegsstrategie gegenüber Iran und der Hisbollah

Israels Armee greift Irans Führung unerbittlich an. Es gibt jedoch warnende Stimmen: Die gezielten Tötungen von Anführern könnten das System noch radikaler machen. Welche Ziele verfolgt Israel?

von Sara Lemel  19.03.2026

Forschung

Ukraine öffnet Archiv über KZ-Häftlinge

Mitten im Krieg mit Russland öffnet die Ukraine historische Geheimarchive. Für Forschende über die NS-Zeit und die Sowjetische Besatzungszone soll der Zugang erleichtert werden

 11.03.2026