28. Jul. 2010
15:02

Kriegsbedingt

Feuer frei! In Afghanistan wird Jagd auf Taliban gemacht.
© JA

Tot oder lebendig. So beängstigend einfach ist das, wenn in Afghanistan Jagd auf Top-Taliban gemacht wird. Task Force 373 heißt eine Eliteeinheit der US-Armee, die nur eine Aufgabe hat: die Führer der Feinde ausschalten. Gezielte Tötung wird das gemeinhin genannt. Auf der Liste stehen Islamisten ebenso wie Drogenhändler, Bombenbastler und Al-Qaida-Terroristen. Und wer auch nur einen Bruchteil der mehr als 90.000 Dokumente über den Einsatz am Hindukusch liest, die jetzt auf der Internetplattform WikiLeaks für alle zugänglich gemacht wurden, kommt um eine Erkenntnis nicht herum: Krieg ist und bleibt ein schmutziges, ja ein dreckiges Geschäft. Jenseits jeder Kontrolle und Gerichtsbarkeit schwärmen geheime Killerkommandos aus und töten bis zur Routine. Geordnet nach einer Prioritätenliste gehen die Spezialkräfte voran. Leichen pflastern ihren Weg. Auf der Strecke bleiben auch viele unbeteiligte Zivilisten – und die Wahrheit.

Alles ganz schlimm, keine Frage. Aber wirklich überraschend? Wohl kaum. Und so ist die Erregungskurve ein paar Tage lang emporgeschnellt, um jetzt schon wieder ein normales Maß an Desinteresse anzusteuern. Aufregung, das war gestern. Der Alltag fernab des Kriegs hat uns wieder.

Wie anders wäre es, man würde Afghanistan durch Westjordanland oder Gaza ersetzen, die US-Einheiten durch israelische Soldaten und die Taliban durch Hamas oder die Al-Aksa-Brigaden. Der öffentliche Aufschrei wäre immens und würde lange anhalten. Das klänge dann so: Unfassbar, ein Rechtsstaat, eine Demokratie, die gezielt tötet? Nur Jerusalem ist zu so etwas Abscheulichem und Rücksichtslosem fähig. Einfach empörend. Aber wir haben es ja schon immer geahnt. Die Juden haben eben nichts aus der Geschichte gelernt. Sie behandeln die Palästinenser wie die Nazis.

Doppelte Standards nennt man so etwas. Israels Handeln wird stets mit zweierlei Maß gemessen. Dies festzuhalten, heißt nicht, alles, was Jerusalem tut und lässt, zu verteidigen oder gar gutzuheißen. Doch immer wieder wird dabei gerne unter den Tisch gekehrt, dass der jüdische Staat von Feinden umzingelt ist. Faktisch befindet er sich zum Beispiel im Kriegszustand mit der Hamas in Gaza. Das sehen die Islamisten genauso. Sie haben sich auf die grünen Fahnen geschrieben, die Zionisten zurück ins Meer zu treiben – mit Gewalt. Wie würden wir in Deutschland reagieren, wenn Selbstmordattentäter sich in Diskotheken in die Luft sprengten und unsere Kinder mit in den Tod rissen? Wäre es so ausgeschlossen, dass auch wir Elitekämpfer losschicken, um die Terroristenführer auszuschalten, sie gegebenenfalls gezielt zu töten?

Eine erschreckende Vorstellung, sicherlich. Aber das sollte man sich vergegenwärtigen, bevor wieder mal der Stab über Israel gebrochen wird. Afghanistan und Gaza – beides steht stellvertretend für Gewalt, Tod, Dreck und moralische Niederlagen. Und die Angst davor.

21. Jul. 2010
13:55

Auf eigene Faust

Held oder Mitschuldiger? Dominik Brunner starb, nachdem zwei Jugendliche auf ihn eingeprügelt hatten.
© Archiv

Dominik Brunner, der Held von Solln – das war einmal. Seit in München der Prozess gegen die beiden jungen Männer läuft, die auf den 50-Jährigen einschlugen, bis sein krankes Herz auf dem S-Bahnsteig versagte, ist aus dem vorbildlichen Helfer ein unverantwortlicher Gefahrensucher geworden. Ein Kampfsportler ohne Kontrolle über sich selbst. Ein gewalttätiger Angreifer, der im wortwörtlichen Sinne auf eigene Faust handelte und als Erster zuschlug. Kein argloses Opfer mehr, sondern ein Mittäter und damit Mitschuldiger. Wird einem Toten nun gar die Ehre geraubt? Das wäre zu viel des Schlechten. Aber sicherlich wird ein Denkmal vom Sockel geholt.

Das Denkmal Dominik Brunner – genau das ist das Problem an diesem Kriminalfall, der die ganze Republik erregt. Denn es vergingen im September 2009 nur wenige Tage, und schon war es da: das Bild vom makellos Mutigen, der sich schützend vor bedrohte Schüler gestellt hatte und dafür mit seinem Leben bezahlte. Stiftungen, die seinen Namen tragen, wurden gegründet. Der Jurist erhielt posthum das Bundesverdienstkreuz. Schließlich hatte er das gezeigt, was hierzulande immer wieder schmerzlich vermisst wird: Zivilcourage. Brunner hatte nicht wie sonst üblich weg-, sondern hingeschaut und gehandelt. Toll, dachte man. Endlich mal einer, der sich was traut. Und flugs wurde das beherzte Einschreiten des Vorsitzenden einer Dachziegelfabrik für andere, vor allem für Schwächere, ins Überirdische aufgewertet. Diese Apotheose schlägt jetzt auf ihn und sein Handeln zurück. Weil bei dem Hype um den Aufrechten auf der Strecke blieb, dass Dominik Brunner ein Mensch war. Einer wie du und ich, mit all seinen Stärken und Schwächen.

Doch wohin führt in diesem konkreten Fall der Hinweis auf mögliche Schwächen und Unbedachtheiten? Hat Dominik Brunner zu viel falsch gemacht, als oder gar, weil er einschritt? Es wirkt schon sehr anmaßend, wie jetzt der Stab über ihn gebrochen wird. Im Nachhinein ist die Öffentlichkeit, sind wir alle immer schlauer. Aber wer von uns war schon mal in einer solchen brenzligen Situation? Wer wagt es im Alltag, sich Gewalttätern entgegenzustellen und ihnen nicht den öffentlichen Raum zu überlassen? Brunner hat es getan. Er war dazu bereit, anderen Menschen in einer Notsituation zu helfen. Dafür gebühren ihm Respekt und Anerkennung. Das ist sein Verdienst. Ein Held, ein leuchtendes Vorbild? Solch Pathos braucht es nicht, um sein Handeln in den Himmel zu loben. Ein mutiger Mensch, das war Dominik Brunner. Nicht mehr, aber vor allem nicht weniger.

14. Jul. 2010
14:22

Schurken-TV bei ARD und ZDF

Gebühren zum Fenster hinaus werfen? Oder gleich den ganzen Fernseher?
© toshi

Bei der ARD sitzen die Gebührenzahler in der ersten Reihe. Und: Mit dem Zweiten sieht man besser. Klingt vielverheißend. Nur hat ärgerlicherweise vor wenigen Tagen ein Herr von der unangenehmen Sorte ganz vorne neben uns Platz genommen. Ezzatollah Zarghami heißt der Mann, seines Zeichens Leiter des iranischen Staatsrundfunks und damit einer der obersten Zensoren des Mullahregimes. So einen fasst man gemeinhin nicht mal mit der Kneifzange an.

Doch der ARD-Vorsitzende Peter Boudgoust und ZDF-Chef Markus Schächter hatten keine Berührungsängste. Sie empfingen den Revolutionsgardisten zu einem Gedankenaustausch in Stuttgart und im Mainzer Stadtteil Lerchenberg. Oder wie Spiegel Online einen ZDF-Sprecher zitiert: »Es handelte sich um ein Routinetreffen ohne große Agenda.« Ach, so einfach ist das mit der öffentlich-rechtlichen Kontaktpflege. Hier ein wenig fachsimpeln, dort das neue Heute-Studio anschauen und danach ein persönlicher Empfang bei einer Tasse Tee. Und wie hat sich Ezzatollah Zarghami revanchiert? Mit ein paar Tipps, wie man Nachrichten unterdrückt, kritische Berichterstattung vermeidet und stattdessen systemtreue Propaganda inklusive Meinungsmanipulation betreibt? Der iranische Rundfunk- und Fernsehkontrolleur jedenfalls hat seinen Besuch politisch weidlich ausgeschlachtet. Die Botschaft Richtung Teheran: zu Gast bei deutschen Freunden.

Die Verantwortlichen bei ARD und ZDF berufen sich nun darauf, mit solchen Gesprächen eine Grundlage für unabhängige Berichterstattung aus dem Iran zu schaffen. Zugegeben, die Arbeitsbedingungen für ausländische Korrespondenten sind schwierig. Gängelungen, Kontrollen und Restriktionen gehören zum Alltag. Und deshalb ist man auf ein Mindestmaß an Kooperation mit den Machthabern angewiesen. Doch müssen die Verantwortlichen der deutschen Sendeanstalten gleich einem wie Zarghami vor laufenden iranischen Kameras die Hand reichen? Den Vertreter eines Unrechtregimes hoffähig machen? Da sitzen wir schon lieber in der letzten Reihe, achten darauf, wer so alles als Besucher einen besseren Platz angeboten bekommt – und wenden uns gegebenenfalls mit Grausen ab. Dann schon lieber 4.500 Euro pro Sendeminute für Günther Jauch. Der ist unsere Gebühren hoffentlich wert. Ein iranischer Revolutionswächter ganz sicher nicht.

09. Jul. 2010
11:33

Chuzpe, Schabbat und ein Orakel

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02. Jul. 2010
16:10

Gedankenblockade im Bundestag

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