Geheimdienstoperation Harpoon

»Die Welt muss davon erfahren«

Nitsana Darshan-Leitner über den Versuch, islamistischen Terrororganisationen den Geldhahn zuzudrehen

Aktualisiert am 24.11.2017, 13:14 – von Lissy KaufmannLissy Kaufmann

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Terroristen den Geldhahn zudrehen und sie dadurch stoppen – das ist das Ziel von »Harpoon«, einer israelischen Geheimdienstoperation, initiiert vom späteren Mossad-Chef Meir Dagan. Wie Harpoon mit Anwälten kooperierte, die durch Gerichtsverfahren beispielsweise Konten von Terroristen schließen konnten, darüber schreiben die israelische Anwältin Nitsana Darshan-Leitner und der Autor Samuel M. Katz in ihrem neuen Buch »Harpoon: Inside the Covert War Against Terrorism’s Money Masters«. Nitsana Darshan-Leitner ist die Direktorin von Shurat HaDin, einer Anwaltskanzlei in Tel Aviv, die Familien von Terroropfern vertritt.

Frau Darshan-Leitner, in Ihrem Buch schildern Sie neue, bislang unbekannte Aspekte der Terrorbekämpfung. Wie gelang es Ihnen, solche Geheimnisse zu lüften?
Wir wussten anfangs gar nicht, ob es die Geschichten durch die Zensurbehörde schaffen würden. Es ging lange hin und her, am Ende wurde manches gestrichen. Aber wir hatten das Gefühl: Israel will, dass dieses Buch veröffentlicht wird. Die Bekämpfung von Terrorfinanzierung ist eine revolutionäre, innovative Art der Terrorismusbekämpfung, und die Welt muss davon erfahren, vor allem heute, da sich der Terrorismus und Terrorgruppen ständig verändern und wir uns entsprechend anpassen müssen. Es ist ein pro-israelisches Buch.

»Harpoon« wurde als Geheimdienstoperation gegründet, um die Finanznetzwerke von Terroristen zu zerschlagen. Wie kam es zu der Zusammenarbeit mit Ihnen?
Es war im Jahr 2002, als die Intifada ihren Höhepunkt erreichte. Ein Harpoon-Agent rief mich an und sagte: »Schreib den Termin nicht in den Kalender, erwähne nicht meinen Namen, schreib dir auch den Ort nicht auf.« Da habe ich verstanden, dass das etwas ganz Großes werden kann.

Und dann gaben die Agenten geheime Informationen preis?
Dokumente, Bankunterlagen, Transaktionen, Zusammenfassungen von Treffen – all das hat uns Harpoon in verschiedenen Treffen über die Jahre zur Verfügung gestellt, damit wir rechtliche Schritte einleiten. Wir mussten zum Beispiel klären, welche Beweismittel wir nutzen oder welche Art von Aussage wir von einem Harpoon-Agenten bekommen können. Es ging auch darum, Bankkonten zu schließen, die einer Terrororganisation gehören.

Wie bringt man eine Terrorgruppe wie die Hamas vor Gericht?
Es ist nicht nötig, dass sie vor Gericht erscheint, es können Säumnisurteile gefällt werden. Wenn es ein Urteil gibt, sucht man ihre Bankkonten, prüft, ob islamische Charity-Organisationen Gelder für sie sammeln, und knöpft sie sich vor: Wenn die Terrorgruppe irgendwo auf der Welt Vermögen hat, versucht man, rechtlich heranzukommen.

In Ihrem Buch wird auch beschrieben, wie ein Geldlieferant auf dem Weg zur Hamas im Gazastreifen von israelischen Streitkräften getötet wurde. So etwas ist für Ihre Arbeit ja wenig hilfreich, weil das Geld mit dem Terroristen in die Luft geht.
Hätte es einen Weg gegeben, den Geldlieferanten zu fassen und das Geld abzugreifen, wäre Harpoon diesen Weg gegangen. Da bin ich mir sicher. Die Ermordung des Lieferanten ermöglichte es aber, eine Botschaft zu senden: dass niemand, der Geld transportiert und Terrorismus unterstützt, davonkommt. Sogar die Lieferanten sind Ziele, vielleicht die wertvollsten von allen. Zudem kann die Jagd nach dem Geld aktuelle Konflikte beenden.

Inwiefern?
In diesem Fall sollte der Mann 13 Millionen Dollar nach Gaza transportieren, inmitten der Operation »Protective Edge«, als die Hamas dringend Geld benötigte. Die Familien der Hamas-Kämpfer haben sich beschwert, dass sie Essen für die Kinder brauchen, die Ehemänner aber seit Monaten kein Geld mehr erhalten haben, und dass der Krieg so nicht weitergehen könne. Der letzte Ausweg der Hamas war, den Mann nach Ägypten zu schicken, um Geld nach Gaza zu bringen. Das Ziel der Agenten war es, das Geld zu zerstören. Und tatsächlich haben sie es geschafft: Der Krieg endete kurze Zeit später.

Sie haben Boeing wegen seines Verkaufs von Flugzeugen an Iran Air, die zu 60 Prozent der iranischen Regierung gehört, verklagt und wollen damit von Terror betroffenen Menschen helfen.
Wir haben einige Urteile von US-Gerichten gegen den Iran, bei denen es um Milliarden von Dollar geht. Einen Prozess führten wir im Namen des Mädchens Noam Leibowitz, die von Terroristen des Islamischen Dschihad getötet wurde. Der wiederum wird vom Iran finanziert. Wir haben also gegen den Iran geklagt und recht bekommen.

Wie kommen Sie nun an das Geld?
Boeing hat mit dem Iran einen 17-Milliarden-Dollar-Deal für den Verkauf von Flugzeugen geschlossen. Nun sind wir an der Reihe und sagen: »Wir haben hier ein Urteil gegen den Iran. Uns steht es zu, einen Teil des Geldes zu bekommen, das der Iran für die Flugzeuge gezahlt hat.«

Nun wollen Sie den Deal stoppen, solange Iran die Opfer nicht entschädigt hat.

Es geht um 67 Millionen Dollar. Was immer dabei herauskommt, geht dann an die Familie von Noam Leibowitz.

Wie lange wird das dauern?
Lange. Im Moment hat das Gericht eine Stellungnahme des US-Außenministeriums gefordert, und das Ministerium hat um eine Fristverlängerung von drei Monaten gebeten. Wahrscheinlich sind sie sich selbst nicht so ganz sicher, was ihre Position hinsichtlich des Boeing-Deals und des Abkommens mit dem Iran im Allgemeinen sein sollte.

Macht Sie Ihre Arbeit nicht auch zur Zielscheibe von Terroristen?
Nicht mehr als andere israelische Offizielle. Ich brauche keinen Personenschutz.

Mit der Tel Aviver Juristin und Direktorin von Shurat HaDin sprach Lissy Kaufmann.

Nitsana Darshan-Leitner und Samuel M. Katz: »Harpoon: Inside the Covert War Against Terrorism’s Money Masters«. Hachette Books, New York 2017, 304 S., $27

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