Wieso Weshalb Warum

Spucken

Religiöse Begriffe aus der Welt des Judentums

21.01.2016 – von Yizhak AhrenYizhak Ahren

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Ausspucken ist nicht gleich Ausspucken. Diese unappetitliche Handlung ist auf ganz verschiedene Motive zurückzuführen. Jemand kann zum Beispiel bemerken, dass er zu viel Speichel im Mund hat, und deshalb spucken. Der Speichelauswurf kann aber auch einer tiefen Verachtung entspringen, die zum Ausdruck gebracht werden soll.

Ein Beispiel für das Ausspucken als symbolische Handlung finden wir in der Tora im Abschnitt über die Leviratsehe: »Und seine Schwägerin soll zu ihm hintreten vor den Augen der Ältesten und seinen Schuh von seinem Fuß abziehen und vor ihm ausspeien« (5. Buch Mose 25,9). Rabbiner Joseph Herman Hertz (1872–1946) kommentiert: »Das Ausspeien sollte die Verachtung für den Mann ausdrücken, der Unehre über sich und seine Familie bringt, indem er sich weigert, von seinem Vorrecht Gebrauch zu machen und den Namen seines Bruders in Israel zu erhalten.«

Synagoge In der halachischen Literatur ist von beiden Formen des Speichelauswurfs die Rede. Im Talmud (Berachot 62b und 63a) wird die Frage diskutiert, wo man speien darf und warum: »Rabba sagte: Das Ausspucken im Bethaus ist erlaubt, wie dies bei den Schuhen der Fall ist. Das Anhaben der Schuhe ist auf dem Tempelberg verboten, im Bethaus aber erlaubt. Ebenso ist das Ausspeien, obgleich auf dem Tempelberg verboten, im Bethaus erlaubt.«

Wieso ist im Bethaus erlaubt, was auf dem Tempelberg verboten ist? Rabba erklärt: Weil man in seinem eigenen Haus das Ausspeien und das Anhaben von Schuhen nicht verbietet, so ist auch im Bethaus das Ausspeien und das Anhaben von Schuhen nicht verboten.

Gilt die besagte Regelung auch heute noch? Unter bestimmten Umständen erlauben die Dezisoren das Ausspucken in der Synagoge, so zum Beispiel, wenn zu viel Speichel das Beten stört (Schulchan Aruch, Orach Chajim 151,7). Der Speichelauswurf sollte dann sorgfältig bedeckt und ausgetreten werden, damit keine Ekelgefühle aufkommen.

Der Chofetz Chajim, Rabbiner Israel Meir Kagan (1839–1933), gibt in seinem Kommentar Schaar HaZiun zur angegebenen Stelle jedoch zu bedenken, dass diejenigen Personen, die bei sich zu Hause kein Ausspucken auf den Boden dulden, eine solche Handlung auch im Bethaus nicht ausführen dürfen.

Götzendienst Wenden wir uns nun der Form des Speichelauswurfs zu, bei der durch Ausspeien Verachtung demonstriert werden soll. Rabbiner David HaLevi Segal (1586–1667) erwähnt in seinem Kommentar Ture Sahav zum Schulchan Aruch (Jore Dea 179,5) den Brauch, beim Rezitieren des Gebets »Alejnu leschabeach« (an uns ist es zu preisen) an einer bestimmten Stelle zu speien, um Verachtung für die im Gebetstext genannten Anbetungsgegenstände der Götzendiener auszudrücken.

Allerdings hat schon Rabbiner Jair Chajim Bacharach (1638–1702) in seinem halachischen Werk Mekor Chajim die Abschaffung des unnötigen und anstößigen Brauches gefordert.

Die umstrittene symbolische Handlung ist jedoch bis heute nicht ausgestorben. Der Speichelauswurf im Alejnu-Gebet wird heute vor allem in Bethäusern der Lubawitscher Chassidim praktiziert. Die Beter folgen dem Beispiel ihres Meisters: Rabbi Menachem Mendel Schneerson (1902–1994) pflegte, auf den Boden zu speien und nicht in ein Taschentuch oder in einen Spucknapf.

Wir verdanken dem amerikanischen Chabad-Aktivisten Jay Litvin (1944–2004) einen offenherzigen Bericht über seine Erfahrungen beim Alejnu-Speichelauswurf. Litvin beschreibt, dass er viele Jahre beim Ausspucken während des Gebets ein Unbehagen verspürte – bis er eines Tages für sein verstörendes Tun eine Rechtfertigung (er)fand: Das regelmäßige Spucken solle ihn an götzendienerische Tendenzen erinnern, die er in seinem Leben noch nicht überwunden hat! Man darf aber weiterhin fragen: Muss das Ausspucken wirklich unbedingt sein?

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