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Einhorn

Religiöse Begriffe aus der Welt des Judentums

07.01.2016 – von Rabbiner Joel BergerRabbiner Joel Berger

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In der Stuttgarter Synagoge sind auf der Brüstung der Frauenempore die Symbole der zwölf Söhne Jakows abgebildet. Josef wird durch das Bild eines Einhorns dargestellt. Was hat dieses Fabeltier mit ihm zu tun? Da ist zunächst Psalm 92, den wir am Freitagabend in der Synagoge sprechen: »Mein Horn wird erhöht werden wie das eines Einhorns« (11). Am Ende des 5. Buches Mose lesen wir über Mosche, der sein Leben und seine Erfahrungen resümiert. Über Josef sagt er: »Seine Hörner sind das Horn eines Einhorns« (33,17). Das Einhorn ist hier das Symbol der Reinheit und Tugend, die Josef zugeschrieben werden.

Das hebräische Wort »Keren« meint nicht nur das gegenständliche Horn, zum Beispiel das eines Tieres, sondern hat auch eine übertragene Bedeutung, nämlich die Erhöhung der Würde, der Ehre, des Ansehens. Wir beten an Jom Kippur und Rosch Haschana: »Harem Keren Jisrael Amecha« – »Erhöhe, o Herr, die Würde Deines Volkes Israel«, oder auch »Erhöhe die Würde Deines Messias«.

Tugend Eine der Haupttugenden, die Josef zugeschrieben werden, ist Standhaftigkeit. So bleibt er zurückhaltend, als ihn die Frau des Potifar verführen will (1. Buch Mose 39, 7–12). In einem Midrasch wird gefragt, wie ein so gut aussehender junger Mann einer so vornehmen und mächtigen Frau Widerstand leisten konnte.

Laut dem Midrasch wusste Josef, dass der G’tt seiner Väter die von Ihm erwählten Menschen bei Nacht im Traum anzusprechen pflegte. Wie aber könnte ihn G’tt bei Nacht ansprechen, wenn er bei einer fremden verheirateten Frau liege? Das war die rationale Begründung des Midrasch für Josefs Tugendhaftigkeit.

Die Würdigung Josefs in der Tora finden wir im Wort des Pharaos, als Josef dessen Traumbilder gedeutet hatte: »Kann man noch einen Menschen finden, in dem der Geist G’ttes innewohnt?« (1. Buch Mose 41,38). Das bedeutet: Josef ist vom Geiste G’ttes erfüllt. Auch diese Erhöhung mag als eine Erklärung dafür dienen, dass sein Vater Jakow ihm den doppelten Anteil vom Erbe zuspricht, obwohl Josef nicht der Erstgeborene war.

Maschiach Ergänzen muss man noch eine messianische Lehre der nachbiblischen Zeit. Nach einem Midrasch gibt es nicht nur einen einzigen Messias, auf den wir warten, denn das Werk der Erlösung ist zu mächtig. Es wird einen »Maschiach ben Josef« geben, einen Erlöser aus dem Stamme Josefs, der Israel aus der Diaspora befreien und alle materiellen Ungerechtigkeiten beseitigen wird. Erst dann wird der »Maschiach ben David« kommen, der die vollkommene geistige Erlösung bewirkt. Aus all diesen Belegen geht die hohe Bedeutung, also der »Keren« Josefs hervor.

Symbole, und dazu gehören Fabeltiere, können vielfältige Inhalte ausdrücken und sich in Raum und Zeit sehr unterschiedlich ausbreiten. Die bildreiche Verbreitung von Inhalten ist Symbolen gegenüber besonders offen. Wir können nicht alle Tiere, die in der Tora erwähnt werden, eindeutig identifizieren. Das hebräische Wort »Re’em« (Einhorn) wurde im dritten Jahrhundert im Griechischen mit »Monokeros« wiedergegeben und als »Unicornis« ins Lateinische übersetzt. Die Vulgata hat daraus »Rhinoceros« oder »Monoceros« gemacht, und Luther hat den Begriff in seiner Bibelübersetzung auf Deutsch mit »Einhorn« wiedergegeben.

Das Christentum hat dann das Fabeltier der Reinheit mit Maria verbunden, um damit die Reinheit des Glaubens und der Kirche auszudrücken. Bildlich wird das häufig dargestellt mit einem Einhorn, das seinen Kopf auf Marias Schoß bettet.

In Erzählungen des späten Mittelalters säkularisiert sich die Vorstellung in dem festen Topos, dass das scheue Fabeltier nur von einer keuschen Jungfrau gefangen werden kann. Säkularisiert galt dann das Einhorn als Symbol für die moralische weibliche Tugend.

Materialisiert galt das Horn dieses Tieres in zerriebener Form als Allheilmittel. Bis heute erinnern viele Apotheken mit ihrem Namen und Schild an das Ansehen dieses Fabeltiers.

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