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Megillat Antiochos

Religiöse Begriffe aus der Welt des Judentums

11.12.2014 – von Chajm GuskiChajm Guski

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Kaum ein Gebetbuch ist in Deutschland so oft durchgeblättert worden wie der »Rödelheimer Siddur«. Man erwartet also keine großen Überraschungen mehr. Die alten Ausgaben unterscheiden sich vermutlich nur darin von den neuen, dass wir eine deutsche Übersetzung finden, und vielleicht gibt es die eine oder andere Verbesserung im Schriftbild.

Wenn man dann aber doch durch eine alte, einsprachige hebräische Ausgabe blättert, etwa die von 1868, stößt man im hinteren Teil auf einen Text, der mit »Megilla jewanit« (griechische Megilla) überschrieben und zusammen mit den Segenssprüchen zum Entzünden der Chanukkakerzen abgedruckt ist. In jüngeren Ausgaben fehlt dieser Teil vollkommen und ist damit für uns heute de facto vergessen.

Chanukka Bei dieser griechischen Megilla, die auch »Megillat Antiochos« genannt wird, geht es um die Geschichte von Chanukka, also um den Kampf gegen König Antiochos und die Befreiung des Jerusalemer Tempels. Natürlich fehlt am Ende das Chanukkawunder nicht. Obwohl die Handlung eine völlig andere ist, drängt sich eine gewisse Ähnlichkeit zum Buch Esther auf, der Megilla von Purim: Das große Wunder wird beschrieben und auch der Weg, der dorthin geführt hat. Am Ende steht die Aufforderung, in allen künftigen Generationen vom Wunder zu künden.

Megillat Antiochos ist also tatsächlich eine weitere Rolle für einen weiteren Feiertag. Auf diese Weise hätte auch Chanukka seinen »eigenen« Text, denn das erste der Makkabäer-Bücher, das uns ansonsten die Geschichte von Chanukka erzählt, ist im hebräischen Original verloren und wird nicht in den Synagogen gelesen.

Brauch Tatsächlich kannte man in einigen Teilen Europas den Brauch, an Chanukka die Megillat Antiochos zu lesen, – und es gibt ihn bei den jemenitischen Juden bis heute. Allgemein durchgesetzt hat er sich jedoch nicht. In einigen italienischen Synagogen des Mittelalters wurde die Megilla am Schabbat Chanukka gelesen, jedenfalls erwähnt sie ein italienischer Rabbiner namens Jeschajahu aus Trani (1200–1260). Auch in einem Siddur von der Krim, dem Machsor Kaffa (1735), wird sie wiedergegeben. Der Machsor legt die Lesung für Mincha, das Nachmittagsgebet, am Schabbat Chanukka fest.

Sogar eine Übersetzung in die indische Sprache Marathi existiert. Besondere Bedeutung könnte man den Übersetzungen ins Arabische beimessen, nicht nur, weil es die Megilla bei den jemenitischen Juden zu größerer Prominenz als in Europa gebracht hat, sondern vor allem, weil uns die früheste bekannte Übersetzung einen Hinweis auf das Alter der Megilla gibt: Sie soll von Sa’adia Gaon (882–942) stammen.

Der Maharitz, Rabbiner Jichja Tzalach (1713–1805), ein jemenitischer Rabbiner, schrieb in seinem Kommentar zum Gebetbuch Etz Chajim, dass die Megilla nach der Haftara am Schabbat Chanukka gelesen wird, um die Mizwa von Pirsumej Nissa (Bekanntmachen des Wunders) zu erfüllen. Der Grund für die Lesung ist also derselbe, aus dem wir an Chanukka Kerzen entzünden und in die Fenster stellen.

Möglicherweise hat sich der Brauch deshalb nicht durchgesetzt und wurde dementsprechend auch nicht in Bücher aufgenommen. Weil heute durch das Internet viele Quellen verfügbar sind und den Blick in frühere Überlieferungen freigeben, erfahren wir verstärkt, dass es Bräuche gibt, die untergegangen sind. Wer weiß, vielleicht werden sie eines Tages wiederbelebt.

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