Krim

Der Rabbiner kommt aus Moskau

Die Juden auf der Halbinsel arrangieren sich damit, dass jetzt Russland das Sagen hat

13.11.2014 – von Robert KalimullinRobert Kalimullin

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Synagoge, Kirche, Moschee liegen auf engstem Raum beieinander: Angesichts ihres historischen Zentrums schmückt sich die Schwarzmeer-Hafenstadt Jewpatorija, die seit ihrer Gründung durch Griechen auf über 2500 Jahre Geschichte zurückblickt, auch gerne mit dem Titel »Klein-Jerusalem«. Einen Farbtupfer im interkulturellen Mosaik Jewpatorijas stellt die Gemeinschaft der Karäer dar, die auf der Krim eines ihrer Zentren haben. Die kleine turksprachige Volksgruppe leitet ihren Glauben aus der Tora ab, der Staat Israel erkennt ihr Rückkehrrecht an.

Die Straßen wirken ausgestorben in Klein-Jerusalem, die Touristensaison ist so gut wie zu Ende, und überhaupt sind in diesem Jahr weniger Gäste gekommen. Denn Jewpatorija liegt auf der Krim, jener Halbinsel, deren Annexion durch Russland im Frühjahr Europa an den Rand eines neuen Kalten Krieges brachte.

An das plötzliche Auftauchen russischer Spezialeinheiten und das international nicht anerkannte Referendum zur Loslösung von der Ukraine im März erinnern hauptsächlich noch T-Shirts an Souvenirständen, auf denen Russlands Präsident Wladimir Putin gefeiert wird. Auf den Straßen ist es ruhig, nur ganz selten sind uniformierte Ordnungshüter in nagelneuen russischen Polizeiautos zu sehen. Wer ein halbes Jahr keine Zeitung gelesen hat, dem könnte die Krim in diesem Herbst wie ein etwas verschlafener, aus der Zeit gefallener Ort vorkommen.

chance Einer, der sein Leben auf der Halbinsel verbracht hat, ist Michail Katz. Der 64-jährige Elektroingenieur aus Jewpatorija versteht den Anschluss an Russland vor allem als Chance für die örtliche jüdische Gemeinde. Bislang, so Katz, habe es ein Nebeneinander zahlreicher jüdischer Organisationen in der Stadt gegeben. »Vor einem Jahr hätten wir lange darüber nachdenken müssen, wer einen Journalisten empfangen kann, um die jüdische Gemeinschaft in Jewpatorija zu vertreten«, sagt Katz.

Das russische Recht erlaubt es ethnischen Minderheiten, Kulturautonomien zu bilden, die dann dem Staat gegenüber als Ansprechpartner fungieren. Nach dem Anschluss der Krim an Russland bemühte sich Katz, Vertreter unterschiedlicher Organisationen an einen Tisch zu bekommen, um in Jewpatorija eine solche Kulturautonomie zu gründen.

In der rund 120.000-Einwohner-Stadt gibt es zwei jüdische Gemeinden: Die progressive hat in den 90er-Jahren ihre Synagoge in der Altstadt vom Staat zurückerhalten. Bis zu 100 Beter versammeln sich dort am Freitagabend zur Begrüßung des Schabbat. Direkt neben der Synagoge betreibt die Gemeinde ein jüdisches Restaurant.

altstadt
Die winzige orthodoxe Gemeinde verfügt ebenfalls in der Altstadt über eine Synagoge, aber es finden dort keine Gottesdienste statt. Das Gebäude diente in sowjetischen Jahren lange Zeit als Lagerraum für eine Brauerei. Die Fassade ist inzwischen saniert, doch für die aufwendige Innenrestaurierung fehlt das Geld. Katz setzt seine Hoffnungen darauf, dass in dem Gebäude mithilfe der Stadt eines Tages ein jüdisches Museum entstehen wird.

Neben den religiösen Gemeinschaften wirken in Jewpatorija das Sozialzentrum Chesed und auch die Jewish Agency. Bis zu zehn verschiedene jüdische Einrichtungen habe es in den vergangenen Jahren in der Stadt gegeben, so Katz. Gegenüber der Öffentlichkeit sprechen sie neuerdings mit einer Stimme. »Ob der Wandel gut ist oder schlecht, wird sich zeigen. Aber organisatorisch ist die Neuordnung richtig.«

kippa Dass das jüdische Gemeindeleben in Jewpatorija heute, unabhängig von der politischen Großwetterlage, wieder blüht, ist zu einem großen Teil das Verdienst von Wladlen Ljustin. Der studierte Mathematiker, Jahrgang 1946 – in seinem Berufsleben trug er 1973 dazu bei, die Bilder der ersten erfolgreichen sowjetischen Mission zum Mars zu entziffern –, gründete in der Zeit der Perestrojka vor etwa 20 Jahren die erste jüdische Gemeinde auf der Krim.

In die Wiege gelegt wurde ihm sein Engagement nicht: Sein Vater war überzeugter Kommunist, Ljustins Vorname Wladlen steht als Abkürzung für den Revolutionär und ersten Regierungschef Sowjetrusslands, Wladimir Iljitsch Lenin. Seine Eltern, erinnert sich Ljustin, hätten zu Hause manchmal Jiddisch miteinander gesprochen – immer dann, wenn sie vor dem Sohn etwas zu verbergen hatten.

Heute lebt Ljustin an der Südküste der Krim im Kurort Jalta, wo er ebenfalls den Aufbau einer jüdischen Gemeinde vorangetrieben hat. Wer mit ihm die Uferpromenade von Jalta entlangspaziert, dem erscheint die Stadt mit ihren 80.000 Einwohnern als großes Dorf: Von allen Seiten wird Ljustin gegrüßt. Schachspieler winken ihn heran, fordern ihn, früher einmal Meister der Krim, zu einer Partie heraus. Einen älteren Herrn stellt Ljustin mit den Worten vor: »Das hier ist der Vorsitzende der deutschen Minderheit in Jalta.« Bevor er sich zum Foto mit seinem deutschen Freund aufstellt, fischt Ljustin noch schnell die Kippa aus seiner Tasche: »Damit man auch sieht, dass ich Jude bin«, sagt er.

»Wir sind mit allen befreundet«, berichtet Ljustin über die Beziehungen zu anderen Minderheiten in Jalta. Persönliche Kontakte würden auch zu Freunden und Partnern in der Ukraine fortbestehen, organisatorisch jedoch gliedere man sich in russische Strukturen ein, erklärt der 68-Jährige, der formal noch immer Vizepräsident der jüdischen Gemeinschaft der Ukraine ist, in Jalta aber ebenfalls bereits eine Kulturautonomie nach russischem Recht aufgebaut hat. Die von Kiew entsandten Rabbiner haben die Krim inzwischen verlassen, bald werden neue aus Moskau erwartet.

Wunden Die Ereignisse des vergangenen halben Jahres haben Wunden hinterlassen, nicht nur bei Juden, sondern bei allen Bewohnern der Krim. »Ich kenne Dutzende Familien, die nicht mehr miteinander sprechen«, erzählt Ljustin. Auch seine eigenen Töchter haben den Konflikt aus unterschiedlichen Perspektiven wahrgenommen: Die eine lebt im ukrainischen Charkiw, die andere in Moskau. Entsprechend fallen die Bewertungen der Situation aus. Allerdings, so Ljustin, seien seine Töchter diplomatisch genug, den Familienfrieden nicht zu gefährden.

Nach der Stimmung in der jüdischen Gemeinde gefragt, antwortet Ljustin zunächst halb scherzend mit dem geflügelten Wort von den zwei Juden, die drei Meinungen hätten. Ernster erklärt er dann, dass auch die Juden in ihrer großen Mehrheit den Beitritt zu Russland begrüßten. Nein, das Referendum sei nicht korrekt abgelaufen, dennoch spiegele das Ergebnis den eindeutigen Willen der Mehrheit wider.

Wie viele andere Menschen auf der Krim spricht Ljustin ruhig über die Ukraine, ohne Hass in der Stimme, eher mit Sorge. Seine Eltern hätten einst in der Roten Armee für die Befreiung der Krim gekämpft, erklärt Ljustin, im westukrainischen Geschichtsverständnis seien sie Okkupanten und Aggressoren. Den Vorwurf, dass in Kiew antisemitische Nationalisten an die Macht gekommen seien, will er dagegen nicht gelten lassen: »Es standen auch viele Juden auf dem Maidan.« Dann bricht er auf, um sich mit einer Kollegin zu treffen: einer Jüdin aus dem ukrainischen Dnepropetrowsk.

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