Wieso Weshalb Warum

Hagbaha

Religiöse Begriffe aus der Welt des Judentums

26.04.2012 – von Chajm GuskiChajm Guski

Auf facebook teilen Auf twitter teilen Auf google+ teilen per E-Mail schicken

Alle Beter stehen auf, ein Mann hebt die Tora vom Lesepult, reckt sie in die Höhe und zeigt dabei möglichst drei Kolumnen des Textes. Das ist besonders am Anfang und am Ende des Jahres interessant, wenn die Tora an beiden Enden unterschiedlich schwer ist. Ein wahrer Balanceakt. Die Gemeinde singt oder spricht dabei »We sot HaTora – dies ist die Tora«. Dieser Vorgang wird »Hagbaha« genannt und schließt sich direkt an die Toralesung an. In sefardischen Gemeinden wird die Tora übrigens erst der Gemeinde gezeigt und dann aus ihr gelesen.

Raschi (1040–1105) schreibt in seinem Kommentar zum Talmud (Megilla 32a), dass man möglichst die Naht zwischen den Teilen der Tora in die Mitte nehmen sollte. Aus praktischen Gründen. Die Tora sei oft sehr gut vernäht, und es sei weniger wahrscheinlich, dass sie dort reißt als das Pergament der Torarolle selbst.

Variation Jedenfalls zeigen während dieses Vorgangs einige Beter, in manchen Gemeinden auch alle, mit ihrem kleinen Finger und ausgestreckten Arm auf die Tora. In einer Variation wird noch eine Ecke des Tallits um den kleinen Finger gewickelt. Es gibt dagegen auch Gemeinden, in denen diese Geste mit der Hand überhaupt nicht praktiziert wird.

Zumindest das Erheben der Torarolle und das dazugehörige Gebet werden im Schulchan Aruch genannt. Dort steht in Orach Chajim 134,2, es sei eine Mizwa für alle Männer und alle Frauen, den geschriebenen Text der Tora zu sehen, sich zu verbeugen und zu sagen »Dies ist die Tora«.

Der kleine Finger begegnet uns nicht unmittelbar. Der Brauch wird ausschließlich, jedenfalls nach heutigem Stand, im Torakommentar Me’am Lo’ez genannt. Dieser wurde von Rabbiner Yaakov Kuli (1690–1732) in Konstantinopel begonnen und später von anderen Rabbinern fortgeführt. Im Kommentar zum Wochenabschnitt »Ki Tawo« (Kapitel 27) beschäftigt sich der Kommentar mit der Hagbaha und beschreibt, dass es den Brauch gebe, mit dem kleinen Finger auf die Schrift zu zeigen und den kleinen Finger dann zu küssen.

Vermutungen Aber der Kommentar nennt keine Quelle für diesen Brauch und schreibt auch nicht, wie verbreitet er zu Beginn des 18. Jahrhunderts war. Offenbar lag seine Herkunft damals schon im Dunkeln. Es bleiben also nur Vermutungen.

Zum einen liegt es nahe, dass man auf die Tora weist, wenn man spricht »Dies ist die Tora«, so wie man die Ziziot küsst, wenn sie im Schma Jisrael genannt werden. Dass dafür nicht der Zeigefinger verwendet wird, kann auch einen praktischen Grund haben. Denn während des werktäglichen Morgengebets, bei dem montags und donnerstags aus der Tora gelesen wird, trägt man um die Finger das Band der Tefillin und hat den kleinen Finger frei.

Eine andere Erklärung wäre, dass der kleine Finger, der von der Hand abgespreizt wird, wie der hebräische Buchstabe »Jud« aussehen kann. »Jud« ist der kleinste Buchstabe des Alphabets, aber Bestandteil des g’ttlichen Namens.

Interessant ist auch ein Spiel mit dem Zahlenwert des hebräischen Wortes für den kleinen Finger »Seret« (Sajin, Resch, Taw). Die Zahlenwerte der drei Buchstaben ergeben zusammen 607. Wenn die vier zurückgezogenen Finger hinzugerechnet werden, erhält man die 611. Das ist der Zahlenwert des Wortes »Tora«. Zwar ist der Ursprung noch immer unklar, aber wir haben der Geste eine Bedeutung gegeben.

Auf facebook teilen Auf twitter teilen Auf google+ teilen per E-Mail schicken

Fotostrecken

Unser Blog aus Israel

BDS

BDS-Bewegung – zum Dossier

Boycott Divestment Sanctions

Zum Dossier

Wieso Weshalb Warum

Religiöse Bräuche und Begriffe

mehr…

Sprachgeschichte(n)

Über die Herkunft gängiger Wörter wie Pleite, Knast und Polente

mehr…

Anzeige

Gottesdienste

Gottesdienste in den Jüdischen Gemeinden

Glossar

Glossar

Gemeinden

Juedische Gemeinden

Service

Service

Wetter

Wetter - Herbst
Berlin
12°C
wolkig
Frankfurt
13°C
wolkig
Tel Aviv
19°C
regenschauer
New York
2°C
heiter
Zitat der Woche
»Ich trete in Israel auf. Wegen BDS.«
Der australische Musiker Nick Cave begründet, warum er trotz Drohungen
etlicher Israelboykotteure in Tel Aviv ein Konzert gab.