Redezeit

»Kinder dürfen scheitern«

Die israelische Therapeutin und Buchautorin Shirley Yuval-Yair über Eltern, Erziehung und wahre Helden

Aktualisiert am 19.03.2012, 20:27 – von Katrin RichterKatrin Richter


Frau Yuval-Yair, Sie haben zusammen mit dem Psychologen Tal Ben-Shahar die ersten zwei Bände einer Kinderbuchreihe »True Heroes« – Wahre Helden – veröffentlicht. Welche Helden meinen Sie?
Helden, die hart daran gearbeitet haben, um in ihrem Leben Erfolg zu haben. Aber, und das ist wichtig, die auch mal gescheitert sind.

Geht es in »True Heroes« darum?
Nun, die ganze Reihe handelt von einer Familie: Der erste Band »Thomas and me« widmet sich dem sechsjährigen Sohn der Familie, Yoni. Er hat gerade mit der Schule angefangen, hatte einen schweren Tag und denkt, alle anderen reden über ihn. Er hat keine Lust mehr zu spielen. Und am Abend erzählt ihm seine Mutter die Geschichte eines Jungen, der sozusagen ein Experte darin war, auch mal Fehler zu machen. Als Beispiel haben wir den amerikanischen Erfinder Thomas Alva Edison genommen.

Warum?
Das Besondere an ihm war, dass er keine Angst davor hatte zu versagen. Er ist nach einer Niederlage immer wieder aufgestanden und hat von vorne angefangen. Sein Lebensmotto lautete: »Lerne zu scheitern oder du scheiterst zu lernen«. Der kleine Junge, dem seine Mutter die Geschichte erzählt, lernt auf diese Weise, dass man im Leben weiterkommt selbst, wenn man einmal hinfällt.

Wie sind Sie darauf gekommen?
Unsere Idee war es, die Grundlagen der positiven Psychologie in die Welt der Kinder zu übersetzen. Unsere Bücher richten sich dabei aber auch an Eltern, die die Geschichten mit ihren Kindern gemeinsam lesen sollen. Am Ende jedes Buches haben Tal und ich einen Brief an die Eltern geschrieben, der ihnen den besonderen Aspekt, den wir behandelt haben, noch einmal pädagogisch erläutert.

Sind Kinder denn heutzutage unglücklicher?
Das ist schwer zu sagen. Wir vergleichen ihre Kindheit meistens mit unserer eigenen. Aber gegenwärtig sind sich Eltern ihrer Elternschaft bewusster als, sagen wir, vor 30 oder 40 Jahren. Junge Mütter und Väter arbeiten heute manchmal doch sehr hart daran, Eltern zu sein. Vielleicht zu hart. Das war früher anders.

Was hat sich im Laufe der Jahre geändert?
Es ist für die Kinder schwieriger geworden. Um sie herum gibt es negative Einflüsse wie den Fernseher oder Computer, der sie von wichtigen Dingen wie dem gemeinsamen Spielen, sich draußen zu bewegen oder sozialen Kontakten abhält. Ich hoffe sehr, dass ich mich täusche, aber ich befürchte, es wirkt sich schlecht auf das weitere Leben der Kinder aus, wenn sie zum Beispiel nur vor dem Fernseher geparkt werden. Ich bin selbst Mutter von drei Kindern, und ich mache mir darüber Sorgen. Ich denke aber auch, dass wir Eltern ihnen helfen können, wenn wir ihnen beibringen, zu erkennen, was sie im Leben haben, und ihnen nicht aufzeigen, was sie nicht haben. Darum geht es in unserem zweiten Buch. Wir erzählen darin die Geschichte von Helen Keller, einer inspirierenden Frau, die es trotz ihres schweren Schicksals sie war taubblind geschafft hat, im Leben voranzukommen. Sie liebte das Leben und sagte, sie konzentriere sich darauf, was sie hat, und nicht darauf, was sie verloren hat.

Die Wertvorstellungen heute sind weniger philosophisch. Stichwort: Castingshows. Ruhm über Nacht. Wie sollten Eltern darauf reagieren?
Ich denke, es ist zum einen sehr wichtig, dass Eltern genau dieses Bild korrigieren. Dass sie ihren Kindern sagen, dass es im realen Leben auch anders sein kann. Sie sollten ihnen auch vermitteln, dass es nicht immer leicht ist, in jungen Jahren großen Erfolg zu haben. Es ist problematisch, wenn Kinder in den Shows ihre Helden finden. Deswegen sollten Eltern, Lehrer oder auch wir als Therapeuten die Jugendlichen wissen lassen, dass es auch andere Helden gibt. Wahre Helden.

Thomas Alva Edison, Helen Keller. Wen beschreiben Sie noch?
Unsere Liste ist sehr lang. Die Figuren sollten zu den Mechanismen passen, die wir beschreiben möchten. Wie am Beispiel Ludwig van Beethoven, unserem nächsten Helden. Anhand seiner Person möchten wir zeigen, dass es wichtig ist, auf seine innere Stimme zu hören und auf sich zu vertrauen. Sich nicht von anderen seinen Weg ausreden zu lassen.

Wie vermittelt man Kindern eigentlich so schreckliche Ereignisse wie beispielsweise Raketenangriffe?
Als Therapeutin und erst recht als Mutter bin ich natürlich besorgt, wenn Kinder mit dieser Angst leben müssen, die ja in ganz Israel präsent ist. Jungen und Mädchen, die in diesen Regionen aufwachsen und mit einer ständigen und zudem noch unkontrollierbaren Bedrohung aus der Luft konfrontiert sind, brauchen besondere Hilfe von ihren Eltern, um so schnell wie möglich zur Routine zurückkehren zu können. Man muss ihnen zeigen, dass man für sie da ist, ihnen Liebe geben. Wichtig ist aber auch, die Haltung nicht zu verlieren sowie sich und die Kinder zu beruhigen. In beängstigenden Situationen muss man sich gegenseitig helfen, hoffen und beten.

Mit der Autorin und Therapeutin sprach Katrin Richter.

In der Kinderbuch-Reihe »True Heroes« sind bis jetzt auf Hebräisch erschienen »Thomas and me« und »Helen and me«.


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