Forschung

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Erstmals ist mit dem Münchner Auktionshaus Neumeister ein Kunsthandelsunternehmen seiner Geschichte während der Nazizeit nachgegangen. Das Ergebnis stellten die »Freunde des Tel Aviv Museum of Art Deutschland« (TAMAD) in einer eigenen Präsentation vor. Am 1. April 1958 hatten Rudolf und Christa Neumeister das Münchener Auktionshaus Adolf Weinmüller übernommen und vorerst den Firmennamen beibehalten. Seit 1978 und dem Umzug in die Barer Straße wurde es in »Neumeister Münchener Kunstauktionshaus« umbenannt.

2008 wird Katrin Stoll, geborene Neumeister, alleinige Geschäftsführerin. Im Frühjahr 2009 gibt sie die Aufarbeitung der Geschichte des Vorgängerhauses, der »Kunsthandlungen Adolf Weinmüllers in München und Wien 1936–1945« bei der renommierten Historikerin Meike Hopp in Auftrag – eine Kooperation zwischen dem Zentralinstitut für Kunstgeschichte und Neumeister entsteht. Begleiter bei diesem Public Private Partnership ist die Arbeitsstelle für Provenienzforschung, Berlin (Stiftung Preußischer Kulturgutbesitz).

Recherche Jetzt liegt die Dokumentation in Buchform vor. Meike Hopp hat mit dieser Arbeit gerade im Fach Kunstgeschichte an der Ludwig-Maximilians-Universität München promoviert. Wie viel Recherche und sensibles Suchen dabei nötig war, davon bekamen die Gäste bei der Präsentation für TAMAD einen kleinen Eindruck.

Sie erlebten auch die Perfidie, mit der während der Nazi-Zeit jüdisches Eigentum konfisziert wurde. Zugleich war der Vortrag von Meike Hopp ein detailliertes Beispiel zur Provenienzforschung. Ein bundesweit erstmalig gefördertes Kooperationsprojekt der staatlichen und städtischen Museen in München wurde im Frühjahr, ebenfalls unter Beteiligung von TAMAD, vorgestellt.

Seit 1921 betrieb Adolf Weinmüller (1886–1958) eine Kunsthandlung in München. Bereits 1931 trat der Geschäftsmann der NSDAP bei. 1933 übernahm er die Leitung des Bundes deutscher Kunst- und Antiquitätenhändler. In dieser Funktion wirkte er am »Gesetz über das Versteigerungsgewerbe« mit. Das war ein wichtiges Instrument der »systematischen Ausschaltung jüdischer Kunsthändler und Antiquare«, so Hopp. Weiteren Einfluss errichte er durch seine Tätigkeit als Sachverständiger der Industrie- und Handelskammer und weiterer Behörden – unter anderem des Reichspropagandaministeriums für Kunstgut.

Vorteile Als bedeutende jüdische Kunsthändler immer mehr eingeschränkt und indirekt oder direkt zur Aufgabe gezwungen wurden, wusste Weinmüller seine Chance zu nutzen. In dem Moment, als mit der Münchner Galerie Hugo Helbing eines der bedeutendsten deutschen Auktionshäuser seinem Ende entgegenging, beantragte Weinmüller seine Lizenz als Auktionator.

Ebenso zog er seine Vorteile aus den aufgelösten Kunstsammlungen jüdischer Emigranten. Bald schon erzielte er Gewinne aus beschlagnahmten Kunstgütern aus dem Protektorat Böhmen und Mähren. Auch seine Beziehungen zu Öffentlichen Sammlungen in München verstand er gezielt zu nutzen.

Zu seinen Kunden zählten Nazi-Größen wie Martin Bormann, er trug zur Ausstattung der NSDAP-Partei-Zentrale in München ebenso bei wie zu Hitlers Domizil auf dem Obersalzberg. Meike Hopp zieht den klaren Schluss: »Erst wenn man den Blick weitet und Täter ebenso erfasst wie die Opfer, wenn man die politischen und rasseideologischen Radikalisierungstendenzen in Bezug zum gigantischen Transfer von Kunstgegenständen und Vermögenswerten setzt, wird die Perfidie dieser Vorgänge und Prozesse deutlich.« Dabei, so Hopp, war Weinmüller wohl kein bekennender Antisemit, sondern ein Profiteur, den das Schicksal derer, von denen er seinen Vorteil zog, wenig interessierte.

Entnazifizierung Da sein Auktionshaus in den Kriegsjahren in Flammen aufging, waren fehlende Belege auch bei der Entnazifizierung glaubhaft. Weinmüller wurde nach 1945 als »Mitläufer« eingestuft.

So konnte er die Geschäfte weiterführen und war bis zu seinem Tod 1958 einer der führenden Auktionatoren Münchens. Dass sich Katrin Stoll als Auktionatorin und Kunsthändlerin an dieses Thema gewagt hat, hat ihr bei ihren Kollegen bislang eher Verwunderung eingebracht. Nur die Familie Bernheimer, die nach der Rückkehr aus dem Exil heute wieder eine Galerie und Kunsthandlung in München führt, habe sich anerkennend geäußert. Für Katrin Stoll ist es neben der historischen Wahrheit auch wichtig, bei der Provenienz von Kunst nicht nur reagieren zu können, sondern selbst zu agieren.

Samy Gleitman dankte als Vorsitzender von TAMAD der Gastgeberin und zollte der Autorin seine hohen Respekt. Er war sich mit den Anwesenden einig, dass die Forschungsarbeit bei allem Wissen über die NS-Zeit mit den gewonnenen Details aufs Neue erschüttere und die Entrechtung der jüdischen Bevölkerung einmal mehr unterstreiche.

Meike Hopp, »Kunsthandel im Nationalsozialismus: Adolf Weinmüller in München und Wien« (Veröffentlichungen des Zentralinstituts für Kunstgeschichte München, Band 30, Böhlau, Wien 2012)

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