Israel unter Beschuss

»Wir sorgen uns alle um die Verwandten«

Karolina Becker aus Osnabrück Foto: Piero Chiussi

Hunderte von Nachrichten sind in diesen Tagen auf dem Handy von Karolina Becker aus Osnabrück eingegangen. »Jedes Mal bekam und bekomme ich einen Schreck, denn ich habe mir eine App installiert, die mich immer informiert, wenn eine Rakete auf Israel fliegt«, sagt die 19-jährige Abiturientin. Sie sei »sehr, sehr besorgt« um ihre Freunde, die derzeit in Jerusalem leben, sowie um ihre Angehörigen. »Ich habe sie oft in Israel besucht«, erzählt sie. Nur im vergangenen Sommer ging es wegen der Pandemie nicht.

Nun kommt noch dazu, dass ein Cousin ihres Vaters sich entschieden hat, mit seiner ganzen Familie Alijah zu machen. Er habe seine Entscheidung bewusst getroffen und lasse sich auch angesichts der aktuellen Lage nicht davon abbringen, so Karolina. In einer Woche wird der Umzug sein.

Die Angst bleibt, speziell um den Bruder, der gerade bei der Armee ist.

Neben den Gedanken um Freunde und Familienmitglieder kommt bei ihr noch eine andere Sorge dazu: wie der Konflikt in den Medien dargestellt wird und wie viele Fake News bei den Social Media im Umlauf sind. Eines weiß sie aber genau: »Unschuldige Menschen sterben auf beiden Seiten.«

FAMILIENCHAT Auch der Bruder von Alex Mirsky hat gemeinsam mit seiner Frau Alijah gemacht. Das Paar hat vor Kurzem unter der Chuppa gestanden. Nun kam der Angriff überraschend. »Wir haben einen Familienchat, da hat er reingeschrieben, dass sie im Luftschutzbunker in Sicherheit sind.« Und am nächsten Tag meldete sich das Paar, dass soweit alles in Ordnung sei. »Meine Gedanken sind nun bei ihnen«, sagt der Triathlon-Trainer von Makkabi Deutschland. Er hatte sowieso geplant, nach Israel zu reisen – als nahestehender Angehöriger kann er das derzeit. »Mal schauen, wie es sich entwickelt.«

Unter der Chuppa hat ebenso der Bruder von Anat Gelbart gestanden, weshalb die Psychologiestudentin mit ihren Eltern und ihren zwei Großmüttern dorthin geflogen sind. Drei ihrer Geschwister leben in Israel. Am Dienstagnachmittag sonnte sie sich noch in Tel Aviv am Strand, als viele Freunde sie warnten. Gegen 20 Uhr war sie mit ihren Geschwistern unterwegs, als ihr Vater sie aufforderte, sich in den Luftschutzbunker zu begeben. Als sie das Auto parkten, ging der Alarm los, sie konnten sich gerade noch unterstellen und wurden schließlich von anderen in einen Bunker eingeladen. »Ich war noch nie in einem Bunker.«

Nach einiger Zeit wollten sie in die zehn Minuten entfernte Wohnung ihrer Schwester laufen, kamen aber nicht weit, weil wieder ein Alarm losging.  Wieder suchten sie Schutz, diesmal fanden sie ihn in einem Restaurant. Ein bisschen später schafften sie es schließlich in das Apartment, in dem es auch einen Luftschutzraum gibt. »Ich habe immer gehört, wie die Raketen abgefangen wurden und dachte, was nur passiert wäre, wenn sie hier gelandet wären.«

Die Angst um alle bleibt. Aber speziell auch um ihren Bruder, der gerade bei der Armee ist, und um den Freund ihrer Schwester, der gerade mit dem Militär fertig war, aber als Kämpfer wieder eingezogen werden könnte. Bis zu diesen Tagen habe ihr Israel so gut gefallen, dass sie auch überlegt hatte, dort ihren Master zu machen. Doch nun will sie in Berlin bleiben.

BUNKER Tamara Guggenheim aus Düsseldorf ist sehr besorgt. »Auf jeden Fall fahre ich in den Sommerferien nach Israel.« Sie möchte vor allem ihren Kindern, Enkelkindern und ihrer 94-jährigen Tante beistehen, die in Zentralisrael leben. »Meine Tochter und ihre Familie müssen ständig in den Bunker laufen.« Ihr Enkelsohn, drei Jahre alt, fragte, warum auf ihn geschossen wird und wieso ihm weh getan werden soll. »Was soll man darauf antworten? Ich sage ihm nun, dass das böse Leute seien.« Auch sie schreiben alle in einen Familienchat. Aber zwischenzeitlich funktionierte das Mobilfunknetz nicht.

»Geld für Impfmaterial hat die Hamas angeblich nicht, aber für Raketen und Tunnel – und das mit Geldern aus der EU und Deutschland, das macht mich so wütend.«

Tamara Guggenheim

Ihr Sohn musste auf dem Weg von der Arbeit nach Haus zweimal einen Bunker aufsuchen. Und ihre Tochter ist mit den Kindern zu einer Freundin gezogen, die einen Sicherheitsraum in der Wohnung hat. Dort können die Kinder auch schlafen. »Meine Sorge ist groß, und ich bin auch so wütend darüber, dass die Hamas angeblich kein Geld hat, Impfmaterial zu kaufen, aber Tunnel und Raketen bauen kann. Und das unter anderem mit Geldern der EU, also auch aus Deutschland, deren Staatsraison ja angeblich die Sicherheit Israels ist«, sagt die Lehrerin.

Foto: © Gregor Zielke

Rabbiner Elischa M. Portnoys Gedanken sind viel bei seinen Verwandten, die in Israel übers ganze Land verteilt leben. »Die Angriffe halten sie in Atem«, so der Rabbiner, der in Halle und Dessau amtiert. Er telefoniert und schreibt mit ihnen. »Wir sorgen uns alle um sie.« Auch im Norden in der Nähe von Haifa habe seine Angehörigen eine schwierige Situation, denn dort gehen Unruhen von Arabern aus. Seine Verwandten bleiben nun mit den Kindern zu Hause.    

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